Ambrosius Blarer an seinen Bruder Thomas 25.7.1522

Ambrosius Blarer an seinen Bruder Thomas 25.7.1522

„Vor allen Dingen sei dir kund gethan, daß ich unlängst (nemlich am 8. Juli) aus unserem Alpirsbach, wo ich nur allzulang gleich einem Kinde unter den Elementen der Welt diente, zu einer gemeinsamen und zugleich freieren christlichen Lebensweise unter dem Schutz Christi zurückgekehrt bin. Wohl eine kühne That, um welche mich Viele ins Angesicht schelten werden, aber die mir gleichwohl kein Gutgesinnter (wenn er nur die näheren Umstände genau kennt) übel auslegen mag. Denn was sollte ich thun? Der Abt war sehr böse auf mich, deßgleichen auch einige Conventsbrüder. Dann, um die übrigen Plackereien, denen ich fortwährend bloßgestellt war, mit Stillschweigen zu übergehen – in Betreff ihrer konnte ich ja hoffen, daß sie bald ihr Ende erreichen werden, oder sie mit ungebeugtem Muthe ertragen -: verboten war mir die fromme Beschäftigung mit jenen Schriften, welche mein in römischen Verordnungen ausgehungertes und vertrocknetes Herz allein tränken und stärken konnten, verboten war mir die Predigt vor dem armen Volke, durch welche ich dasselbe aus dem Rachen der gierigen Wölfe mit aller Macht zu entreißen versuchte; verboten war mir die Vorlesung, durch welche ich die Brüder unter den Mönchen von Menschensatzungen abzubringen und für die wahrhaft christliche Freiheit zu gewinnen gewohnt war; verboten war, um es kurz zu sagen, Christus selbst, der nirgends heller wiederstrahlt, nirgends gnädiger uns anblickt, als in jenem von ihm uns aus dem Himmel hernieder gebrachten Gotteswort: solche mehr als gottlästernde Gotteslästerungen konnte, ja durfte mein Herz nicht länger ertragen. Der Abt bewies sich mir bereits um Luthers willen überaus feindlich. Schon war der Name Luthers von ihnen allen mit öffentlichem Fluch belastet. Das hätte ich immerhin standhaft ertragen, wenn sie nur der Schrift die gebührende Ehre gezollt hätten. Aber so weit erstreckte sich bereits ihr Vorurtheil, daß sie Alles, was ich aus dem Evangelium oder aus Paulus mit Fleiß entlehnt hatte, verschrieen, als stamme es von Luther und sei darum ketzerisch und gottlos, wie sie denn auch gar keine Verantwortung meines Glaubens annehmen wollten. Eine Zeit lang übte ich mich wohl in christlicher Bescheidenheit und Geduld, so lange ich noch hoffen konnte, sie damit für Christum zu gewinnen. Darum beugte ich, obschon ich selbst zur christlichen Freiheit hindurch gedrungen war, meinen Nacken um ihretwillen gern unter das Joch des Gesetzes, ward den Juden ein Jude und wünschte mit Paulo ein Fluch für meine Brüder zu werden. Als ich aber gewahr werden mußte, daß ich damit gar nichts ausrichtete und daß sie meine Hoffnung Tag um Tag mit ihrer Hartnäckigkeit vereitelten (wie denn diese Art Leute überaus zäh an ihrem Aberglauben festhält), so erachtete ich es an der Zeit, an mich selbst zu denken, ehe ich durch längeren Verzug mich selbst mit ihnen ins Verderben stürzte. Diese Gefahr lag aber nahe. So ging ich denn gemäß dem Befehl Christi, der seine Jünger hieß, aus der Stadt zu ziehen, welche sein Wort nicht annehme. Im Vertrauen auf welchen Beistand und unter welchen Bedingungen ich aber schied, zu erzählen, das würde mich zu weit führen. Aber, höre ich dich entgegnen, du hättest das Aergerniß vermeiden sollen! Diesen Einwand habe ich mir oft und viel vorgehalten; da ich aber auch unter Jenen (wenn ich Christum nicht verläugnen wollte) ohne Anstoß nicht leben konnte, und die unwissenden Leute, die mir Tag um Tag vorwarfen, daß ich ihnen zum größten Aergerniß gereiche, mich fortwährend Ketzer schalten, bat ich sie wiederholt bei allen Heiligen um die Erlaubniß meines Abschieds. Da ich diesen nicht erhielt, ging ich auf das Dringen meines Gewissens, auf den Rath der Besten, mit der Hilfe Christi (denn daran darf ich nicht zweifeln) gegen ihr Wissen und Wollen, um vielleicht nie mehr zurückzukehren, wenn nicht zuvor dieser böse Geist aus den Mönchen durch den Geist Gottes ausgetrieben worden. Ob dieses jemals geschehen wird, weiß ich nicht; das aber weiß ich, daß der Aberglaube und die Werkgerechtigkeit sich bei ihnen bis zuletzt halten wird. Schreibe mir, welchen Lebensweg du mir einzuschlagen rathest. Mein höchster Wunsch wäre, bei dir zu leben. Könntest du unsere Mutter überreden, daß sie hiezu die Einwilligung gäbe, so würdest du mir hiemit den willkommensten Beweis deiner Bruderliebe ablegen. Lebe wohl. Bestelle tausend Grüße an unsern Philippus und ebenso viele an den großmächtigen Luther.“

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