Martin Luther – An Claus Storm, Bürgermeistern zu Magdeburg

Martin Luther – An Claus Storm, Bürgermeistern zu Magdeburg

15.6.1522

Verantwortung und Unterricht, warum er die grossen Prälaten rc. so hart anfasse und schelte.

Dem Ehrsamen und weisen Claus Storm, Bürgermeister zu Magdeburg, meinem besondern günstigen Herrn und Freunde.

1. Gnad und Fried in Christo. Ehrsamer, lieber Herr und Freund! Eure Schrift hab ich empfangen, und ist wol wahr, daß ich bey D. Paulus Moßhauer euch erkennet habe, nicht in euerm Haus, sondern da er Official war, ,und ihr etliche mal sein Gast waret, da ich mit Hans Reinecke zu der Zeit zu den Nullbrüdern in die Schule ging.

2. Daß ihr aber nicht verstehet, warum ich die hohen Häupter und Prälaten so harte antaste und schelte, sie Narren und Esel heisse; so doch Christus allenthalben lehret, man soll geduldig seyn; antworte ich: Meine Geduld und Demuth habe ich alzuviel erzeigt. Ich habe geflehet und gebeten; ich bin ihnen nun dreymal nachgezogen, und habe mich allezeit unterthäniglich erboten, wie alle Welt weiß.

3. Daß nun etliche Weltweisen solch mein mannigfältig Erbieten und Demuth nicht wollen ansehen, daß sie sich daraus besserten; sondern fassen allein das, da ich hart und ernst bin, und sich dran ärgern: denen geschiehet eben recht; und gedenke denenselben nichts weiteres zu Unterricht zu schreiben; sondern sie sind gleich den verstockten Pharisäern, die alle Güte und Sänfte unsers HErrn Christi liessen fahren, und sich nichts dran besserten; sondern wo er sie Otterngezüchte, blinde Narren, Teufelskinder, Ehebrecher und dergleichen schalt, das fasseten sie, und ärgerten sich dran. Wenn ihr leset das 24. Cap. Matthäi, werdet ihr wohl sehen, wie sie Christus blinde Narren schilt.

4. Man ists bisher gewohnet, die Prälaten zu loben und schmeicheln, dieweil das Evangelium unter der Bank lag. Nun es aber erst hervor kommt, und straft die hohen Köpfe, als Narren und Blinde, dünkt es uns wunderlich seyn. Gewalt und Unrecht soll jedermann leiden: das habe ich gethan, und thue es noch; aber ein prediger soll nicht darum schweigen, sondern wie Esaias im 18. Cap. sagt, seine Stimme aufheben, und den Prälaten ihre Sünde, Schalkheit, Büberey rc. sagen.

5. Also haben die Propheten, Apostel, Christus selber gethan, wiewol sie auch allerley Leiden williglich erduldeten. Es ist ein grosser Unterscheid, Geduld haben, und, die Bosheit der Prälaten schweigen. Schweigen taugt nicht; leiden soll mann; strafen und schelten muß man: aber lieben und wohlthun muß man auch.

6. Ein Vater schilt, straft und stäupt sein Kind, und ist ihm doch nicht feind; der ist ihm aber feind, der seine Bosheit schweiget, und nicht schilt noch strafet. Hiermit befehle ich euch GOtt. Gegeben zu Wittenberg den 15. Junii Anno 1522.

Martinus Luther.

Dr. Martin Luthers
sowol in Deutscher als Lateinischer Sprache verfertigte
und aus der letztern in die erstere übersetzte
Sämtliche Schriften.
Ein und Zwanzigster Theil
herausgegeben von
Johann Georg Walch
Halle im Magdeburgischen
Druckts und verlegts Johann Justinus Gebauer.
1749

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