Luther, Martin – An die Böhmischen Landstände, vom 10. Julius 1522.

Luther, Martin – An die Böhmischen Landstände, vom 10. Julius 1522.

Die böhmischen Brüder, Nachkommen der alten Hussiten, hatten mit Luther Verbindung angeknüpft. Weil er aber hörte, daß etliche dahin arbeiteten, die Böhmen wieder mit dem Pabst zu vereinigen, so warnet sie Luther in diesem Briefe ernstlich vor diesem Schritte.

Gnade und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesu Christo, Amen.

Durchlauchtigen, Hochgebornen, Ehrwürdigen und Würdigen, Wohlgebomen, Ehrsamen und Edlen, lieben Herren und Freunde! Wiewohl ich verachter Mensch mich zu gering halte, daß ich solle so große vortreffliche Herren ansuchen und ansprechen; gleichwohl dringt mich die hohe große Sache, kein Aussehen weder E. G. Hochwürd und Sichtbarkeit, noch auf meine Unwürd zu haben, damit ich das, so ich gedenke, nicht anzeigen sollt.

Das Gerücht ist bei uns erschollen, als sollten etliche unter euch sich unterstehen, darob zu sein, daß die Böhmen wiederum zum schädlichen Stuhl der römischen Tyrannei fallen sollen; und deß diese Ursache fürwenden, als sollten die Böhmen sonst zu ewigen Zeiten keinen beständigen Frieden mögen haben. Zwar ich bin vor dieser Zeit dem Böhmen fast ungeneigt gewesen, ehe ich wußte, daß der Pabst der wahre Antichrist ist z nun aber mittler Zeit Christus, unser lieber Herr, sein seliges Wort zu dieser greulichen letzten Zeit uns gnädiglich und reichlich wiederum scheinen läßt, glaube ich wohl, daß E. G. Hochwürd und Achtbarkeit vernommen haben, daß ich euern Ungehorsam wider die Päbstischen also gelobt habe, daß den Haß euers Namens euer keiner nie mit so großer Beschwerung getragen hat, als eben ich. Denn wie oft werde ich gescholten, auch noch heutiges Tags, als sei ich ein geborner Böhme, oder hätte mich unterstanden in Böhmen zu fliehen? Und zwar ich wäre einst in Böhmen kommen, nicht von wegen der Flucht, sondern aus Begier euch zu sehen, und euern Glauben zu erlernen; aber diese Ehre habe ich meinen Feinden, den Papisten, wider das göttliche Wort nicht thun wollen, daß sie sollten rühmen und schreien, sie hätten mich überwunden, und wäre derhalben vom Fähnlein flüchtig worden. Zudem, weil nun, Gott Lob! euer Name bei den fürnehmsten Herren deutscher Nation nicht getadelt wird, auch bei dem gemeinen Mann ehrlicher und rühmlicher ist, denn mein selbst Gerücht und Namen, bin ich guter Hoffnung, es werde in kurz dahin kommen, daß beide Deutschen und Böhmen durch das Evangelium und göttliche Wort Einen Sinn und Namen überkommen werden; allein so wir indeß mit Geduld Gottes Barmherzigkeit erwarten, und so einem Theil etwas mangelt, mittler Zeit dasselbe dulden. Denn es mögen alle Dinge nicht bald in einem Hui, noch mit Gewalt verändert werden. Allein laßt uns mit dem Volk säuberlich fahren, durch gottesfürchtige fromme Prediger ihnen treulich fürstehen, allein zu dem Herrn Christo führen, und uns unter einander von Herzen verzeihen und vergeben, und, wie man spricht, nicht alles schnurgleich erfordern, noch aufs Genaueste suchen.

Sind Secten und Rotten noch unter euch, laßt es gleich also sein; wir wissens wohl, daß es nicht so rein kann zugehen, als es wohl sein sollte. Daher auch St. Paulus nicht ohne Ursache spricht 1 Cor. 8, (19.): Es müssen Rotten unter euch sein rc. Daß ihr aber gedenkt, ihr werdet durch solchen Beifall zum römischen Stuhl verkommen mögen, daß Böhmen hinfort nicht weiter in Selten mögen zertrennet werden, das wird durch dies Mittel fürwahr nicht geschehen. Sind bei uns Deutschen und allenthalben, da des Pabsts Tyrannei regieret, nicht Zwiespalt und Secten? Sind doch allein die Bettelmönche in sieben Secten (wollt Orden sagen) zertrennet und zerrissen; item die Barfüßer auch in siebenerlei Barfüßer. Und über denselben Secten allzumal hält der allerheiligste Vater zu Rom mit aller Gewalt, vertheidtgt sie auch; denn er besorgt, sie möchten eins werden. Mit gleicher Sorgfältigkeit ist er auch darob, daß weltliche Könige und Fürsten aufs Alleruneinigste unter einander sein und bleiben; denn sein Regiment kann durch kein besser Mittel bestehen, denn durch Zwietracht geistlicher und weltlicher Prälaten oder großer Herren. Derhalben mögen der Böhmen Zwietracht im Glauben, mit den Secten im Pabstthum, durch solche Weise oder Mittel (sich an Pabst zu begeben) nicht vergleicht noch vereiniget werden.

Darum sich E. Gn. Hochwürden und Achtb. wohl fürsehen mögen, daß sie aus schlechten geringen Secten, welchen geholfen kann werden, nicht wiederum in Secten gerathen, die St. Peter verderbliche Secten nennet (2 Pet. 2, 1.), die so grundböse sind, daß sie nimmermehr mögen zurecht gebracht und geheilet werden, aus welchen euch die Rechte des Herrn gnädiglich vorlängst erlöset hat, und wir in täglicher Arbeit sind, uns auch durch seine Gnade und Hülfe daraus zu wirken; wir haben auch, Gott Lob! glückseliglich angefangen. Derhalben die Secten durch keinen Weg daß mögen abgethan werden, denn, wie gesagt, wenn gottselige Pfarrherr und Prediger das Evangelium, so ein Wort des Friedens und der Gnaden, rein lehren und ausbreiten; dasselbige macht ein einträchtig Volk, und Christus ists allein, der durch dasselbige machet, daß einträchtige Leute im Hause des Herrn wohnen (Ps. 133,1.).

Wo man aber je des Volks nicht mag mächtig werden, sich solchs Bei- oder Zufalls zum römischen Stuhl enthalten, so bitte ich doch Ew. Gn. Ehrw. und Achtbarkeit wollen mich dieß lassen bei euch erhalten, daß ihr euch getrost wider den leidigen Lästerstuhl zu Rom setzet, beide Gestalt des heiligen Sacraments zu behalten, auch folgend, daß ihr das unschuldige Blut euers seligen Johannes Huß und Hieronymi von Prag1) sammt ihrer Lehre nicht verdammet: denn diese zween Artikel wird der Lästerstuhl, die trunkene Hure von der Heiligen Blut, ernstlich von euch erfordern und gehalten wollen haben. Er wird euch auch nicht annehmen, noch annehmen mögen, ohne Versehrung seiner Tyrannei, ihr verschwöret denn obgedachte zween Artikel. Aber, alle die, so sie verschwören werden, sollen wissen, durch mein Zeugniß für Gott und der Welt, daß sie den Herrn Christum verschwören, und Kinder des Verderbens und ewiger Verdammniß sind. Wahrlich, ich und die Unfern wollen Johannem Huß, den heiligen Märtyrer Christi, vertheidigen, und wenn auch gleich ganz Böhmen, da Gott für sei, seine Lehre verläugnete, so soll er doch der unser sein.

Darum bitte ich E. Gn. Hochw. und Achtb. lieben Herrn auf dies Mal kurz (auf eine andere Zeit will ich, ob Gott will, davon mehr und weiter schreiben), daß ihr fest wollet stehen und verharren im Ungehorsam des Teufels, wie ihr bisher durch viel Trübsal, so ihr darüber ausgestanden, beständig geblieben seid, und wollet unserm Evangelio, das, Gott Lob! jetzt wiederum blühet, ja keine Unehre aufthun durch euern Abfall. Weiter laßt euch auch dies nicht irren, obgleich nicht alle Dinge bei euch in dem Stand sind, als sie wohl billig sollten. Seid ihr jetzt Galater, ei Gott kann irgend einen Paulum erwecken, der euch wiederum zurecht bringe, und das gesund mache, das jetzt krank ist. Allein fallet nicht gar ab, das ist, unterwerft euch nicht der gottlosen römischen Tyrannei.

Zuletzt bitte ich den Herrn Jesum Christum, daß er gnädiglich fortfahre und Gedeihen gebe, daß eure Herzen hinfort erleuchtet und geführet werden in alle Vollkommenheit der Gnaden und Erkenntniß Christi, der da ist gelobet und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen. E. Gn. Hochw. und Achtb. wollen mir mein unbedächtig Schreiben zu gut halten in Christo. Geben zu Wittenberg am 10. Tag Julii, Anno 22.

E. Gn. Hochw. und Achtb. williger Diener in Christo

Martinus Luther.

1) Huß wurde 1415, Hieronymus 1416 zu Costnitz verbrannt.

 

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

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