Luther, Martin – Brief an Staupitz, Januar 1521

Luther, Martin – Brief an Staupitz, Januar 1521

Wittenberg, den 14. Januar 1521

Heil von Christo voran! Verehrungswürdigster Vater! Als wir bei unserm Zusammensein in Augsburg uns verschiedentlich über meine Sache besprachen, sagtet ihr unter anderem zu mir: „Seid eingedenk, Bruder, daß ihr dies Werk im Namen unseres Herrn Jesu Christi angefangen habt!“ Und das war nicht Euer Wort, sondern Gott sprach durch Euren Mund, und ich habe es treu im Herzen bewahrt.

So sind es eure eigenen Worte, mit denen ich euch heute bitte: Seid auch ihr eingedenk, daß ihr einst jenes Wort zu mir gesprochen habt. Bisher war es ja nur Scherz und Spiel, nun aber wird es bitterer Ernst, und wie ihr gesagt habt, wo Gott nicht das Werk hinausführt, so ist es unmöglich, es zu Ende zu führen. Sichtlich liegt nun alles allein in Gottes Hand; niemand kann das noch leugnen. Wer will hier raten? Was vermöchten Menschengedanken? Der Aufruhr steht in hellen Flammen, und ein Ingrimm lodert auf beiden Seiten, daß es aussieht, als könne er kaum am jüngsten Tage gedämpft werden.

Das Papsttum ist nicht mehr wie gestern und ehegestern, und mag es auch bannen und Bücher auf den Scheiterhaufen schichten und mag es mich selber töten, so stehen doch auf jeden Fall große Ereignisse vor der Tür. Wie gut wäre es für den Papst gewesen, wäre er darauf ausgegangen, mit guten Mitteln zum Frieden zu wirken und nicht mit roher Gewalt des Luther Verderben zu suchen. Unter Zagen und Beten habe ich die päpstlichen Bücher und seine Bannbulle verbrannt; jetzt aber bin ich darüber froher, als je über eine Tat in meinem ganzen Leben. Denn sie sind verderblicher, als ich zu glauben wagte. Denn sie sind verderblicher, als ich zu glauben wagte.

Emser schreibt von Leipzig aus gegen mich in deutscher Sprache auf Veranlassung des Herzogs Georg. Dieser speit gegen mich Wut und Galle und verfolgt sein Ziel durch die verruchtesten Unterhandlungen bei Hofe.

Der Kaiser hat mich durch ein Schreiben an den Kurfürsten vorgeladen; dieser hat es aber abgeschlagen, und auch der Kaiser hat alsbald in einem zweiten Briefe den ersten widerrufen. Gott allein weiß, was daraus werden soll. Unser Vikarius Wenzeslaus Link ist nach Nürnberg gereist. Teschius war in Grimma und soll von da fort sein; der Herr schütze ihn. Bei uns steht noch alles in schönster Blüte, wie bisher. Hutten hat die Bulle mit den beißendsten Bemerkungen wider den Papst angegriffen und trägt sich noch mit mancherlei Plänen über diesen Gegenstand.

Meine Werke sind dreimal verbrannt worden, in Löwen, in Köln und in Mainz. In der letztgenannten Stadt waren die Leute, die es vollzogen, großer Verachtung und sogar Lebensgefahr ausgesetzt. Auch Thomas Murner hat eine wütende Schrift gegen mich verfaßt. Den barfüßigen Esel zu Leipzig lasse ich links liegen.

Lebt wohl, teurer Vater; betet für Gottes Wort und für mich. Ich bin ein Spiel der Wogen, die mich fortreißen und umhertreiben.

Wittenberg am Tage Felicis 1521

Martinus Lutherus, Augustiner

Quelle:
Der Gärtner Eine Wochenschrift für Gemeinde und Haus Organ freier Evangel. Gemeinden in Deutschland und der Schweiz Verantwortlicher Herausgeber: F. Fries in Witten 17. Jahrgang Bonn 1909 Verlag: Johannes Schergens G.m.b.H. Bonn a. Rhein

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