Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (1520)

Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (1520)

Durchlauchtigster Herr. Unser allerlieblichster Seligmacher hat uns allen geboten die Kranken zu besuchen, die Gefangenen ledig zu machen und alle Werke der Barmherzigkeit gegen unsren Nächsten treulich zu erfüllen, wie denn Christus unser Herr selbst zuvor mit dem Vorbild einer wundersamen Liebe solches zu beweisen und anzuzeigen aus dem Schoos des allerhöchsten Vaters herabgestiegen ist, sich in unser Gefängnis? versenkt, unsre Schwachheit angenommen und in unsern Sünden gedient und gearbeitet hat. Wer dieß allerliebste, holdseligste und freundlichste Vorbild und Gebot verschmäht, wird billig am jüngsten Tag hören: Geht ihr vermaledeieten in das ewige Feuer. Ich bin schwach oder krank gewesen und ihr habt mich nicht besuchet.

Aus dieser Ursach hab ich mich unterstanden Ew. Churf. Gn. mein Dienst und Gebühr dieser Besuchung zu bereiten darum, daß ich ohne die Schuld und Zeichen der Undankbarkeit diese Form und Gestalt meines Herrn Christi, das ist Ew. Churf. Gn. Krankheit, in keinen Weg kann und mag übergehen, mit welcher Gottes Hand meinen Herrn angegriffen und berühret hat, und kann mich nicht stellen, als hörte ich Gottes Stimme nicht, die mir aus dem Leib und Fleisch Ew. Churf. Gnaden zuschreit und spricht: ich bin krank. Denn ein Christenmensch ist nicht krank, wenn er krank ist, sondern Christus, unser Herr und Seligmacher selbst, in welchem der christliche Mensch lebt, wie denn der Herr Christus selber sagt: Was ihr meiner Kleinsten einem gethan habt, das habt ihr mir gethan. Und wie wohl man dieß Gebot Christi, unseres Herrn und Seligmachers, als das allergemeinste Gebot gegen alle Menschen halten muß: so muß man es doch mehr an den Verwandten des Glaubens und am allermeisten an unsern Freunden und Nächsten beweisen, üben und halten.

Zudem, daß ich sammt allen Leuten Ew. Churf. Gn. in Ihren Landen schuldig bin mit Ew. Churf. Gn. ein Mitleiden zu tragen, mit zu kranken und alle Beschwerung mit zu tragen, als mit unserm Haupt, in welchem alles unser Heil, Verwaltung und Wohlfahrt steht. Derhalben auch die ganze Versammlung und Commun des heiligen Römischen Reichs und der christlichen Kirche Ew. Churf. Gn. dienst-, dank- und liebpflichtig ist, auf die allermänniglich Augen, Gedanken und Herzen Achtung haben, als auf einen getreuen Vater des Vaterlandes deutscher Nation und eine einige, tröstliche Zuflucht des ganzen heiligen Römischen Reichs.

Aber ich, der ich mich billig für Ew. Churf. Gn. Schuldmann aus viel Ursachen erkennen soll, bekenne, daß es billig sei, Ew. Churf. Gn. vor Andern Unterthänigkeit, Gebühr und Ziemung zu beweisen. Als ich aber das nach Betrachtung meiner Armuth und Dürftigkeit nicht mochte finden, hat mich endlich mein geliebster Freund Georg Spalatin erinnert, Ew. Churf. Gn. eine geistliche Vertröstung, das ist, etwas aus der heiligen Schrift zu machen und zu überreichen.

Derhalben ich diese Tafel, in vierzehn Capitel getheilt, gemacht hab und dieselbe Ew. Churf. Gn. opfere und überreiche , welche ich anstatt der vierzehn Nothhelfer von wegen ihrer Anzahl und Werkes Ew. Churf. Gn. heilwärtig wünsch zu sein. Es ist nicht eine silberne Tafel, sondern eine geistliche, welche sich gebührt nicht in die Kirchen, sondern in das Gemüth zu setzen. Der erste Theil hat sieben Bildniß oder Betrachtung der Uebel, Beschwerung oder Widerwärtigkeit: der andere Theil sieben Bildniß der guten Ding, wie es denn sich selbst anzeigen wird. Darum gehab sich Ew. Churf. Gn. seliglich und geruh nach ihrer gewohnlichen. Fürstlichen, Hochgnädigen Erzeigung diese meine geringe Arbeit gnädiglich anzunehmen, der ich mich auch unterthäniglich befehl

Ew. Churf. Gn. unterthäniger Diener
Br. Martin Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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