Luther, Martin – Schrift an Doctor Staupitz, Vicarium ec. – Von dem Wörtlein Buße (Trinitatis 1518)

Luther, Martin – Schrift an Doctor Staupitz, Vicarium ec. – Von dem Wörtlein Buße (Trinitatis 1518)

Dem Ehrwürdigen HErren und meinem rechtschaffenen Vater in Christo, Johann Staupitz, der Heiligen Schrift Doctoren, und Vicarien der Augustinianer Vater ec.

Ich bin wohl eingedenk, Ehrwürdiger Vater, daß unter anderen Ew. Ehrwürden holdseligen und heilsamen Reden, durch welche der Herr Jesus mich wunderbarlich pfleget zu trösten, auch einst dieses Worts Buße gedacht ward, welches wir von Ew. Ehrwürden höreten und mit solchen Freuden annahmen, als wäre es uns vom Himmel herab eröffnet. Nämlich, daß das rechte wahre Buße wäre, welche an der Liebe der Gerechtigkeit und Gottes anfähet, und daß das Ende und Vollkommenheit der Buße, wie die Papisten davon reden, vielmehr zu nennen ist der Anfang der Buße. Durch welches Wort wir auch verursachet worden, ein groß Mitleiden zu haben mit den armen hochbetrübten Gewissen, welchen durch die Stockmeister (sollt sagen Beichtväter) unzählich viele, dazu unträgliche Gebote aufgeladen, auch Weise oder Form (wie sie es nennen) zu beichten vorgeschrieben sind.

Daher mir auch dieses Wort Buße in meinem Herzen haftete wie ein scharfer Pfeil eines Helden, also, daß ich bald drauf fiel, und es gegen die Sprüche der Schrift, die von der Buße lehren, hielte und befand, daß dieselben Sprüche übereinstimmten miti Ew. Ehrw. Rede, daraus ich solchen Trost empfing, daß das Wort Buße von derselben Zeit an mir angenehm, lieblich und tröstlich zu hören war, das ich zuvor nicht ohne Schrecken konnte hören nennen. Denn es däuchte mich, es wäre kaum ein harter, schrecklicher Wort in der ganzen Schrift, denn eben das Wort Buße; gleichwohl stellte ich mich oft vor Gott, als liebte ich ihn, unterstand mich auch dasselbe mit der That zu beweisen; aber es war nicht recht, sondern erdichtete und erzwungene Liebe. Also werden und süße und lieblich Gottes Gebote, wenn wirs nicht allein in Büchern lesen, sondern in den Wunden unsers lieben süßen Heilandes Jesu Christi lernen verstehen.

Ueber das trug sichs weiter zu, daß ich durch Fleiß und Anleitung trefflicher gelehrter Männer, die durch Gottes Gnade Griechische und Ebräische Sprache uns fleißig und treulich lehrten, verstund, daß das Wort Buße nach und aus dem Griechischen heiße Besserung und Erkenntniß seines Unglücks nach empfangenem Schaden und erkanntem Irrthum, welches unmöglich ist zu thun, es werde denn der Mensch anders gesinnet, und gewinne Liebe zur Gerechtigkeit. Welches lles mit St. Pauli Theologia und Meinung so fein übereinstimmt, daß mich dünkt, ich könne nun Paulum leichter und besser lesen und verstehen, denn zuvor. Zu dem bin ich so weit gekommen, daß ich sehe, daß das griechische Wort (im Latein Poenitentia) nicht allein heiße Veränderung des Gemüths und Herzens, sondern auch die Weise der Veränderung, welche geschieht durch die Gnade Gottes.

Da ich solchem fleißig nachdachte, konnte ich gewiß schließen, daß alle Lehrer vor dieser Zeit geirret hätten, die von den Werken der Buße so viel gehalten und so hoch erhoben, daß sie uns von der Buße nichts übrig gelassen haben, denn etliche kalte Satisfactiones, d.i. Genugthuungen und die leidige Ohrenbeichte; sind durch das lateinische Wort poenitentia bewogen und betrogen, daß Buße thun mehr laute auf unser Werk, denn auf des Herzens Aenderung, die durch Gottes Gnade geschiehet.

Da mein Herz mit solchen feinen Gedanken entbrannte, siehe da fingen an um uns her unversehens zu tönen, ja helle zu schallen neue Posaunen vom Ablaß, und Drommeten von Vergebung der Pein und Schuld, durch welche doch wir nicht ermahnet werden zu rechter geistlicher Kriegsübung. Kurz, da ward kein Wort gehöret von der Lehre der rechten Buße, sondern die Ablaßkrämer unterstanden sich so hoch zu heben und rühmen nicht die Buße noch ihr Theil, so man nennet Genugthuung, sondern ihr geringstes Theil, nämlich die Erlassung oder Vergebung der Sünden, also, daß sie hoch erhaben, zuvor nie erhört ist worden. Ueberdies lehreten sie auch das Volk viel gottlose, falsche, ketzerische Lügen mit solcher Gewalt (wollte sagen Vermessenheit, Frevel und Durst) daß, wer nur ein wenig dawider muckte, mußte bald ein Ketzer, zum Feuer verdammt, und schuldig sein des ewigen Fluchs.

Weil ich nun ihrer rasenden Unsinnigkeit nicht begegnen, viel weniger ihr steuern konnte, setzte ich mir vor, ihre lästerliche Lügen mit Maßen anzufechten, und ihre ungegründte Lehre in Zweifel zu bringen. Und habe dieß meines Vornehmens guten Grund; denn ich berufe mich auf aller Doktoren und der ganzen Kirche Urtheil, welche allzumal je und je gelehret haben, daß besser sey genugthun, denn Genugthuung erlassen, das ist, Ablaß lösen.

Derhalben habe ich öffentlich disputirt, das ist, Jedermann, hohes, mittelmäßiges, und niedriges Standes zu meinem großen Unglück, ja wider meinen Hals erreget, so viel diese Sache in der Hand und Gewalt dieser Eiferer für das liebe Geld (Ei! für die armen Seelen sollte ich sagen) stehet. Denn die Frömmigen sind mit allzugrober Listigkeit gefaßt, weil sie nicht können läugnen, daß, was ich gehandelt habe, recht sei, fahren sie zu, erdichten und sagen: die Gewalt des obersten Bischofs werde durch meine Disputation verletzt und verkleinert.

Das ist der Handel, ehrwürdiger Vater, daß ich nun mit großer Gefahr öffentlich an Tag hervor muß treten, der ich lieber in einem Winkel begehrte zu sitzen, mit Freude und Lust den fröhlichen Spielen zuzusehen, so vortreffliche hochgelahrte Männer etzt zu unserer Zeit unter einander üben, denn daß Jedermann auf mich sollte sehen und meiner spotten. Aber wie ich merke, so muß auch Unkraut unter Kohl sich sehen lassen, und schwarz unter das weiße gesetzt werden, auf daß es ein besser und zierlicher Ansehen habe.

Bitte derhalben, Ew. Ehrwürden wollte diese meine kindische Schrift freundlich annehmen, und dem frommen Pabst Leoni zuschicken, durch welcherlei Mittel Ew. Ehrwürden es zuwege können bringen, daß sie bei Sr. Heiligkeit, gleich anstatt eines Fürsprechers oder Beistands sei, wider die bösen Practiken der giftigen Ohrenbläser. Nicht daß ich dadurch Ew. Ehrw. in gleiche Gefahr gedenke zu führen; ich will allein auf meine Gefahr alles, was ich hierin thue, gethan haben. Christus mein Herr mag zusehen, ob dieser Handel, den ich führe, ihn oder Luthern belange, ohne welches Wirken und Willen auch des Pabsts Zunge nicht reden kann, was sie will, in welcher Hand auch des Königs Herz ist; denn das erwarte ich zum Richter, daß ers Urtheil spreche durch den römischen STuhl.

So viel aber meine zornigen Freunde, die mir hart drohen und nachstellen, belanget, weiß ich nichts zu antworten, denn das Wort Reuchlins: Qui pauper est nihil timet, nihil potest perdere 1). Ich habe weder Gut noch Geld, begehre auch der keins; hab ich gut Gerücht und Ehre gehabt, der mache es nun zu nicht ohne Unterlaß, der es angefangen hat. Der einige nichtige Leib, durch viel und stete Gefahr und Unglück geschwächt, ist noch übrig; richten sie denselben hin durch List oder Gewalt, Gott zu Dienst, thun sie mir wahrlich einen sehr großen Schaden, verkürzen mir die Zeit meines Lebens irgend eine Stunde oder zwei, und helfen mir desto eher gen Himmel.

Ich lasse mir gnügen, daß ich an meinem lieben Herren Jesu Christo einen süßen Erlöser und treuen Hohenpriester habe; den will ich loben und preisen, so lange ich lebe. So aber Jemand mit mir ihm nicht singen oder danken will, was gehet michs an? Geliebets ihm, so heule er bei sich selbst allein. Er der HErr Jesus bewahre und erhalte Ew. Ehrw. mein liebster Vater ewiglich. Zu Wittenberg gegeben am Tage der heiligen Dreifaltigkeit.

Br. Martin Luther Ew. Ehrw. Discipul.

Quelle:
Schriften Doctor Martin Luthers Für das deutsche christliche Volk Eisleben 1846. Druck und Verlag von Georg Reichardt

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