Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (752).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (752).

Nr. 752 (C. R. – 4052)

Orleans war ein Hauptstützpunkt der Hugenotten gewesen und hatte deshalb seit dem Krieg eine Besatzung von katholischen Schweizer-Söldnern gehabt (vgl. 744). Der Connetable de Montmorency war Colignys Oheim; das Pariser Parlament hatte Coligny seinerzeit zum Tode verurteilt; die Guisen hielten ihm gegenüber die Klage aufrecht, er habe Poltrot zum Mord des Herzogs de Guise gedungen.

Allerlei gute und böse Nachrichten aus Frankreich. Politische Pläne.

Seit ich dir schrieb, verehrter Bruder, hat sich folgendes Neue begeben. Als im königlichen Rat fast nur Gegner waren, wurde in einem Anfall von Wahnwitz der Beschluss gefasst, die Befestigungen von Orleans schleifen zu lassen. Der Kommandant begann damit, einige Türme zu zerstören und die Gräben mit den Trümmern füllen zu lassen. Hat aber das Gerücht recht, so empfinden die Urheber des unheilvollen Entschlusses bereits Scham und Reue über ihren Wahnwitz. Dasselbe hatten sie für viele andere Städte beschlossen unter dem alleinigen Vorwand, es sei nicht gut, wenn feste Plätze im Land seien außer den Grenzfestungen zur Abwehr äußerer Feinde.

Prinz de Conde hat sich seit einem Monat vom Hof entfernt aus Zorn, weil die Königin-Mutter die Heirat seines Sohnes mit der Tochter des [Marschalls] de St.-Andre listig im Ungewissen zu halten suchte. So wirft er Christi Sache von sich und lebt nur für sich und seine Interessen. Freilich, wie sich niemand um seine Versöhnung Sorgen macht, so wird auch wie gewöhnlich seine Entrüstung bald von selbst verfliegen.

Nun will ich erzählen, welcher Bericht vorgestern kam. Der Admiral kam, dem König seine Aufwartung zu machen, und wurde sehr freundlich empfangen; dann zog er mit sehr großem Geleit nach Paris. Der Connetable, um seine Neider zu ärgern, kam in sein Hotel und begleitete ihn nach dem Essen ins königliche Schloss. Dort wohnte er einer Beratung bei, in der die wichtigsten Dinge verhandelt worden sein sollen. Die Guisen packten ihren Hausrat zusammen und zogen in ein anderes Stadtviertel. Durch den Herzog de Nemours ließen sie unterdessen der Königin-Mutter sagen, sie wunderten sich, dass dem Admiral ein solch naher Umgang mit ihrem Sohn gestattet werde. Sie gab zur Antwort, er sei ein alter Diener des Königs, und es sei kein Grund, ihn fernzuhalten; auch gefalle es dem König nun einmal so. Aber es sei für alle Platz genug, sie seien also auch eingeladen zu kommen. Doch geschah das nicht. Das Parlament schickte eine Abordnung um Fürbitte zum Connetable, dass er seines Neffen Sinn umstimme; ebenso taten der Bürgermeister und die Stadträte. Der König hatte im Sinn, vor das Parlament zu treten und den Admiral dabei mitzunehmen. Wir werden bald hören, welchen Ausgang dieses Vorgehen genommen hat, auf das die Unsern große Hoffnung setzten. Es wurden am Hof noch erwartet der Prinz de St.-Porcien und der Herzog de Bouillon, der Sohn de la Marches und Urenkel jenes bekannten Robert, die beide erbitterte Feinde der Guisen sind. Der Kanzler, der auf unsrer Seite steht, fasst jetzt wieder Mut nach seiner bisherigen Furchtsamkeit. Der König sollte unter dem Vorwand eines Besuchs bei seiner Schwester, die kürzlich niedergekommen ist, von seiner Mutter nach Lothringen geschleppt werden, und diese Athalia war so hartnäckig darauf versessen, dass aller Widerstand umsonst war. Jetzt soll aber auch dieser Reiseplan geändert worden sein.

Die allgemeine Stimmung neigt zum Friedensschluss mit England. Damit brächen dann alle Ränke des Kardinals von Lothringen zusammen. Der dem Namen nach mündige König wird ganz von fremdem Einfluss beherrscht, und das geradezu sklavisch. Hätte er etwas Wagemut, er stünde uns gar nicht fern. Welche Frechheit in der Unterdrückung der Unsern bei allen Justizbeamten herrscht, kannst du kaum glauben. So werden denn Unschuldige jämmerlich geplagt, und die Frechheit wächst, da sie straflos bleibt. In Orleans ist wenigstens eins nach Wunsch gegangen: die Besatzung ist von dort und andern Orten zurückgezogen worden. So will ich dich bei Zeiten erinnern, Euren Nachbarn, die bald heimkommen werden, eine Wegzehrung rüsten zu lassen.

Nun komme ich zu einer überaus ernsten Sache, und ich möchte, du lenktest darauf deine Aufmerksamkeit und deinen Eifer. Du weißt, es steht nun der Zeitpunkt der Erneuerung des [französisch-]schweizerischen Bündnisses bevor. Wenn nun Euer Rat dazu zu bringen wäre, eine Allianz mit dem König zu schließen, so hätte das den einen Vorteil, dass dadurch das Evangelium in Frankreich gefestigt würde. Ich weiß nicht, ob du von der Verschwörung seiner Feinde gehört hast. Sie meinen, durch die Ausschreibung eines Nationalkonzils leicht und rasch alle evangelischen Kirchen über den Haufen werfen zu können, weil sie dann alles nach ihrem Gutdünken beschließen und auch gleich ausführen könnten. Unterdessen rüstet sich der Papst im Bund mit Spanien, Venedig, den italienischen Fürsten und Savoyen zur völligen Vernichtung Genfs und der Ausrottung unser aller. Die Guten fürchten nun, wenn man dem nicht Einhalt tue, so sei die Königin-Mutter nur allzu geneigt, dieser Partei zu helfen. Das beste und fast einzige Mittel dagegen wäre, wenn die evangelischen Orte der Eidgenossenschaft ein Bündnis mit Frankreich schlössen, in dem die Schonung der evangelischen Kirchen Frankreichs und ihrer Freiheit ausbedungen wäre. Zu erreichen wäre das ohne Schwierigkeit. Wenn Euer Rat darin voranginge, so schlössen sich ihm auch die drei andern evangelischen Orte an. Und nicht nur für Frankreich und für uns [in Genf] wäre es ein Vorteil, wenn der König verpflichtet würde, die evangelischen Kirchen in ihrem jetzigen Zustand zu sichern, sondern auch für Euch wäre es das allerbeste, um Eure [katholischen] Nachbarn im Zaum zu halten; denn deren Übermut würde dadurch gebrochen, und der Sturm müsste sich legen. Ich beschwöre dich also, verehrter Bruder, bei Gott und aller Gläubigen Seligkeit, vergiss die vielen Bedenken, die sich dagegen erheben könnten, und gib dir Mühe, dieses Bündnis zustande zu bringen, das allein das Evangelium in Frankreich heil und unversehrt erhalten und den Ränken der Bösen das Tor sperren kann. Du siehst, wie ganz einfach ich davon mit dir rede; was du von der Sache hältst, möchte ich sehr gern wissen. Das eine wage ich frei heraus zu sagen: weigert sich Eure Obrigkeit, so ist sie wirklich vor Gott und Menschen eines Verbrechens schuldig. Doch ist es vielleicht gar nicht nötig, besonders darauf zu dringen, wenn sie einsehen, nicht nur, welch heilige Pflicht es ist, die bedrohten Kirchen von aller Furcht zu befreien, sondern auch, wie sehr es in ihrem eigenen Interesse ist, den König zum Schutz des Evangeliums so zu verpflichten, dass er sich dieser Aufgabe nicht entledigen kann. Lebwohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder. Grüße alle deine Kollegen angelegentlich von mir, wie auch meine Kollegen Euch grüßen lassen. Der Herr sei mit dir; er helfe dir mit seiner Kraft und erhalte dich noch lange gesund.

Genf, 2. Dezember 1563.
Dein
Johannes Calvin.

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