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Schlagwort: Sigismund August von Polen

Calvin, Jean – An König Sigismund August von Polen.

Calvin, Jean – An König Sigismund August von Polen.

Nr. 472 (C. R. – 2362)

Vgl. 437. Eine besondere Empfehlung an den immerhin noch nicht evangelischen König war für Lismanino nötig, weil dieser auf Calvins Rat in Genf die Mönchskutte abgelegt und geheiratet hatte. Auf der Versammlung der polnischen Reichsstände zu Petrikow hatten die Landboten ein Nationalkonzil zur Reformation der Kirche verlangt, auf dem die Bischöfe keine Stimme haben sollten und zu dem Calvin, Beza, Melanchthon, Laski und de Quesnoy (vgl. 467) zu berufen seien.

Ansporn zu rechtem Reformationseifer. Empfehlung für Lismanino.

Wenn ich mich auch, edelster König, nicht wundere oder darüber aufhalte, dass Ew. Majestät damals, als die Versammlung der Reichsstände vorzubereiten war, durch eine solche Geschäftslast und viele wichtige Dinge davon abgehalten worden ist, in Muße meine Ermahnung durchzulesen, so habe ich doch das Vertrauen, dass sich Ew. Majestät, seit mehr Ruhe eingetreten ist, doch eine kleine Weile freier Zeit dazu genommen hat, so dass schließlich meine Arbeit doch nicht unnütz war. Denn aus dem Briefe, den mir Ew. Majestät zu schicken geruhte, sehe ich, dass mein Eifer Gnade gefunden hat und mein damaliges Schreiben, in dem ich kurz die beste Art einer Kirchenreform und den passendsten Anfang dazu darzustellen versuchte, nicht hochmütig und verächtlich verworfen worden ist. Ja, weil Ew. Majestät bezeugt, es freundlich aufgenommen und gerne durchgesehen zu haben, und die Absicht ausspricht, bei mehr Muße die Einzelheiten reiflich erwägen zu wollen, so scheint mir dies ein Anlass, mit noch größerm Vertrauen wiederum zu schreiben. Wenn ich also jetzt nochmals wage, Ew. Majestät zu ermuntern, so glaube ich nicht erst um Erlaubnis bitten zu müssen und halte eine lange Entschuldigung für unnötig. Zwar weiß ich wohl und denke stets daran, wie groß der Unterschied ist zwischen der Hoheit, zu der Gott einen großen König erhoben hat, und meiner geringen und niedrigen Stellung; weil aber Ew. Majestät wohl weiß, was das göttliche Wort bedeutet, das den Königen der Erde befiehlt, den Sohn Gottes zu küssen (Psalm 2, 12), und nicht im Unklaren darüber ist, dass der äußere Brauch des Küssens hier den Gehorsam im Glauben bezeichnet, der demütig auch Ermahnungen annimmt, die von Christi Mund und Geist ausgehen, so glaube ich, aller Furcht und Bedenklichkeit überhoben zu sein. Also ich, den der höchste König zum Verkündiger seines Evangeliums und zum Diener seiner Kirche eingesetzt hat, ermahne in seinem Namen Ew. Majestät, da bereits in Polen der wahre Glaube aus dem argen Dunkel des Papsttums aufzutauchen beginnt und viele fromme, herzhafte Leute die abergläubischen Frevel wegwerfen und frei nach einem reinen Gottesdienste trachten, die Sorge dafür allen übrigen voran zu stellen. Tatsächlich, so sehr die ewige Herrlichkeit Gottes den schattenhaften hinfälligen Zustand dieser Welt übertrifft, so sehr muss unser Eifer unter Hintansetzung alles andern sich vor allem auf den Schutz und die Erhaltung reiner, frommer Lehre richten. Dass Polen bisher, beschmutzt durch die Gräuel des Papsttums und seinen verderbten und verkehrten Gottesdienst, menschlichen Phantastereien gefolgt ist, dass es schließlich, ganz untergegangen in der Flut der Irrtümer, den Anblick des himmlischen Lichtes entbehren musste, das ist ein trauriges, klägliches Schauspiel gewesen. Jetzt aber, da der Herr beginnt, auch Polen von dem Wahnsinn und Taumel, der einst auf der ganzen Welt lag, frei zu machen, da muss auch Hoch und Niedrig aus der Erstarrung geweckt werden. Dürfen da die Könige säumen, die Gott zu hohem Rang erhoben hat, damit sie darin allem Volke voranleuchten? Wie viel uns nun die echte Religion gelten muss, durch die Christi Thron unter uns wieder errichtet wird, wie viel der richtige Kultus, in dem wir ein Sinnbild seiner Gegenwart und ein lebendig leuchtendes Bild von ihm haben, das versteht Ew. Majestät, auch wenn ich nichts darüber sage. Wenn uns zur Stärkung dieser Beziehung nicht allein schon Davids Beispiel genügt, so ist unsre Trägheit unerträglich. Denn obwohl die Väter Gott damals nur in unklaren Bildern in einem irdischen Heiligtum verehrten, so wird doch berichtet, dass David feierlich schwur: „Ich will meine Augen nicht schlafen lassen, noch meine Augenlider schlummern, noch in die Hütte meines Hauses gehen, bis ich eine Stätte finde für den Herrn, zur Wohnung dem Mächtigen Jakobs (Psalm 132, 3 – 5). Wenn diesen König schon die fromme Sorge um den gesetzlichen Gottesdienst nicht ruhen ließ, so dass er Tag und Nacht ebenso ängstlich wie eifrig danach trachtete, den rechten Standort für die Bundeslade zu finden, wie viel mehr muss nun der geistliche Gottesdienst erst den Eifer eines christlichen Königs in Anspruch nehmen und in ihm alle Lust entzünden, die herrliche Ehrenpflicht zu erfüllen und Christo die gebührende Stellung zu geben! Dazu kommt noch, dass David, wiewohl ihm die Ehre nicht zu Teil ward, einen Tempel zu bauen, doch nicht säumte, sein ganzes Leben hindurch Steine und Bauholz, Silber und Gold zu sammeln, damit sein Nachfolger Salomo, mit all diesen Vorräten ausgerüstet, sich unverzüglich und umso munterer an Werk machen könne. Um wie viel tapferer noch muss doch ein christlicher König alle seine Kräfte sammeln und brauchen zum Wiederaufbau des Tempels Gottes, damit der Gottesdienst nicht länger in Vergessenheit unter unschönen Trümmern daniederliege. Und wenn auch Hemmungen nie ganz fehlen, die solch frommes Streben aufhalten, so ist doch Ew. Majestät Lage eine viel bessere, als einst die der frommen Könige Hiskia und Josia, die einen schweren, harten Kampf mit dem Trotz des widerstrebenden Volkes zu bestehen hatten, da heute der Adel Polens zum großen Teil bereit und freudig ist, sich dem christlichen Glauben zu unterwerfen. Eine solche Hilfe muss einen herzhaften König so lebendig machen, dass er seinerseits nicht minder energisch seine Hand bietet. Er darf auch sein Ohr nicht solchen Schmeichelreden leihen, mittels deren der Satan durch weltlich gesinnte Menschen die Herzen vieler mit gefährlicher Kühle und feiger Gleichgültigkeit überströmt. Nein, weg mit aller Blasiertheit! mit Hand und Fuß ans herrliche Werk, besonders wo die Gelegenheit zum Handeln so offen liegt, damit nicht diese von Gott gegebene Gelegenheit versäumt wird und man dann umsonst vor der verschlossenen Türe steht!

Den guten Mann und treuen Diener Christi Francisco Lismanino habe ich deshalb, als er mich um Rat bat, veranlasst, gleich nach Polen zu reisen, da man ihn dort vielleicht brauchen könne; wenigstens habe ich seinen eignen frommen Sehnen gerne beigestimmt. Ich fürchte auch nicht, dass seine sozusagen vorzeitige Abreise Ew. Majestät missfalle, denn die Erfahrung wird zeigen, wie nützlich seine Gegenwart in mancher Beziehung sein wird. Wenn es nicht tunlich scheint, dass er gleich von Anfang offen vom König gebraucht wird, so ersuche ich Ew. Majestät doch im Namen Christi ergebenst und flehentlich, dem Mann von gutem Wandel sonst wie eine freie Bahn zu schaffen.

Unterdessen bitten wir ohne Unterlass, der Herr möge das Werk, das er in seiner wunderbaren Macht begonnen, glücklich zu Ende führen, Ew. Majestät mit Heldenmut ausrüsten und in vollem Glücke gesund erhalten.

Genf, am Tag vor dem Geburtstag des Herrn, von dem ich wünsche, wie Gott ihm die höchste Herrschaft verliehen, so ehrerbietig möge er in Ihrem Palaste aufgenommen und, wie es ihm zukommt, von allen verehrt werden.

1555.
Ew. Majestät ergebenster
Johannes Calvin.

Calvin, Jean – An König Sigismund August von Polen.

Calvin, Jean – An König Sigismund August von Polen.

Der König von Polen sandte seinen Beichtvater, den Franziskaner Lismanino, zum Ankauf reformatorischer Schriften auf Reisen; dieser hielt sich längere Zeit in Genf auf, legte die Kutte ab und nahm ein Weib. Er bewog Calvin auch, an Sigismund August persönlich ein Mahnschreiben zur Reformation zu richten (vgl. 263). Abweichend von seinem gewöhnlichen Brauch redet in diesem Brief Calvin den König auch im Lateinischen mit Vos (Ihr, Sie) an.

Über die falschen Ansprüche des Papsttums.

Wenn ich auch schon vor fünf Jahren, gnädigster König, einen Teil meiner Schriften Ihrer Majestät öffentlich gewidmet habe, um den Samen der Frömmigkeit, der, wie ich hörte, damals schon in Ihrem Herzen ausgestreut war, mehr und mehr zum Wachstum zu bringen, so wagte ich als Unbekannter es doch jetzt nicht, ein persönliches Schreiben an einen so hochberühmten Herrscher zu richten, wenn mir nicht unser verehrter Bruder, dem ich diese Ehrung schuldig bin und dessen treue Ergebenheit für Ihre Majestät mir bekannt ist, so dass er, wie ich nicht zweifle, Ihre Gesinnung durch und durch kennt, dazu durch seinen Rat und sein Mahnen Mut gemacht hätte. Weil er mir also feierlich versprach, Ihre Majestät würde mein Tun nicht ungnädig aufnehmen, so fürchte ich den Vorwurf kühner Zudringlichkeit weiter nicht. Weil es nun aber unsinnig wäre, wenn von einem Diener des Evangeliums ein inhaltsloser Brief vor das Angesicht eines großen Königs käme, so will ich den gleichen Stoff behandeln, wie in der Vorrede meines Kommentars zum Hebräerbrief, weil ich keinen bessern, eines Königs würdigern und zeitgemäßern weiß. Denn ich bin überzeugt, dass Sie in der Ehrfurcht, die Sie vor dem Sohne Gottes hegen, den wir gemeinsam unsern Herrn nennen, es nicht verschmähen werden, sich von einem seiner Knechte ermahnen zu lassen. Wahrlich diese Bescheidenheit steht allen Jüngern Christi wohl an, vom höchsten bis zum niedrigsten, vom König bis herab zum gewöhnlichen Volk, dass wir uns gern und sanftmütig seiner Himmelslehre unterordnen. Denn so küssen nach Davids Weisung [Psalm 2, 12] auch die irdischen Könige den Herrn und das Haupt aller Reiche, dass sie es nicht verschmähen, ihn zu hören, wenn er durch die Menschen, denen er das Lehramt überbunden hat, zu ihnen redet. Übrigens halte ich es meinerseits für meine Pflicht und werde mich bestreben, Ihnen nicht durch Weitschweifigkeit lästig zu werden.

In erster Linie will ich die furchtbare Finsternis, die überall herrscht, die Hochflut von Irrtümern, die fast die ganze Welt bedeckt, die Missbräuche und Verderbnisse, die die Religion beflecken, nicht berühren, um nicht durch überflüssige Behandlung bekannter Dinge Ihre Majestät nutzlos in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe ja nicht mit einem ungebildeten Manne, der nichts von der wahren Frömmigkeit weiß, zu reden, sondern mit einem König, der erleuchtet ist vom Licht der reinen Lehre, so dass er nicht nur selbst frei ist vom krassen Aberglauben des Volkes, sondern auch ganz richtig beurteilen kann, wie verderblich das Labyrinth der Irrtümer ist, in dem noch der größere Teil der Menschheit gefangen gehalten ist. Denn wenn Christus schon von den gewöhnlichen Jüngern will, dass sie Lichtern gleich sein sollen, die auf den Leuchter gestellt ihren Glanz weithin strahlen lassen, was wird er dann von einem König fordern, den er auf den Höhepunkt menschlicher Ehrenstellung gesetzt hat, damit er allen andern voranleuchte? Denn je ehrenvoller die Höhe des Thrones ist, auf dem Sie sitzen, umso schwieriger ists, einen gleich hohen Sinn zu pflegen, damit die Würde durch die Tugend ihres Inhabers noch geschmückt wird, und umso sorglicher müssen Sie an die Rechenschaft denken, die Sie einst vor Gott werden ablegen müssen. Wenn nun schon wir im Dunkel lebenden Menschen uns fürchten müssen, dass der Leben schaffende Same [des Wortes Gottes] nicht ersticke, entarte, oder ganz verloren gehe, was muss erst Ihre Majestät tun, der es nicht genug sein darf, aus sich persönlich reiche Frucht zu bringen, es sei denn, dass sie danach strebe, diese Frucht wieder als neuen Samen unter viele Tausende Ihrer Untertanen auszustreuen. Halten Sie das also im Sinne, edelster König, dass in Ihrer Person für ganz Polen ein Licht von Gott entzündet ist, das nicht ohne schwere Schuld verborgen bleiben darf.

So muss es Ihre erste Sorge, Ihr erstes Bestreben sein, die Gebiete, die Ihnen untertan sind, aus der schmählichen Verheerung des Papsttums wieder zu sammeln unter die Herrschaft Christi. Es breche hervor der heldenhafte Mannesmut, der nun zu lange schon schlummerte, und schaffe sich an dieser edeln Aufgabe ein rühmliches Zeugnis. Freilich entgeht es mir nicht, wie hoch die Aufgabe ist, und wie viel und wie groß die Schwierigkeiten dabei sind, die der Satan nach seiner Gewohnheit immer wieder in den Weg legt. Aber da für Gottes Ehre und das Reich Christi gekämpft wird und dieser Kampf der Reinheit des Heiligtums, dem Wohl der Menschheit gilt, so ists eine so ausgezeichnet gute Sache, dass sie mit der Ehre, die sie bringt, alle Schwierigkeiten wegtilgt und alle Hindernisse leicht überwindet. Ja selbst die Feinde der Wahrheit zeigen uns durch ihr Beispiel, was wir tun müssen. Denn je leidenschaftlicher Ihre Majestät sie die Wahrheit bekämpfen sieht, umso schmählicher wäre es, ihrer tollen Hitze nicht wenigstens mit mutigem Eifer gleichzukommen. So mögen sie sich in möglichst scharfem Angriff drauflos stürzen, all ihr Rüstzeug herschleppen, die feurigen Bomben, die ihnen der Satan liefert, wie ihre vergifteten Pfeile schleudern, bald mit Hinterlist, bald in offenem Kampfe wüten, das alles darf ein edles und mit der himmlischen Kraft des Geistes Gottes ausgerüstetes Herz so wenig erschrecken, dass es uns vielmehr ein Ansporn wird zu frommem Wetteifer in Gegenwehr und eigenem Angriff. Dazu kommt, dass Gott, weil er es ja sein eigenes Werk nennt, die zerfallene Kirche, deren einziger Gründer er ist, wieder aufzubauen, uns ohne Zweifel, wenn wir dafür kämpfen, nicht im Stich lassen wird.

Übrigens, da Sie nicht nur mit Gegnern in Ihrem eigenen Hause zu kämpfen haben, sondern mit solchen, die sich als Vorgesetzte in Religionssachen, als Hüter des Heiligtums, und als Väter und Vormünder der Kirche rühmen, so wird vielleicht Ihre Majestät ängstlich bei der Befürchtung stehen bleiben, sie könne etwas unternehmen, was nicht in Ihr Gebiet gehöre. Gewiss, es muss allen Kindern Gottes stets bei ihrem Handeln als von Gott geboten und festgelegt gelten, dass man die Grenzen seines Berufes nicht überschreite. Ich muss also, damit kein eitles Schreckgespenst Sie hindere oder aufhalte, in ein paar Worten davon reden, inwiefern das zu befürchten wäre. Wie uns die Papisten stets ihre Hierarchie entgegenhalten, so werden sie ohne Zweifel auch bei Ihnen sich dieses Schildes bedienen. Denn weil Sie uns in den einzelnen Punkten der Lehre weit überlegen sehen, so flüchten sie als Besiegte in diesen erbärmlichen Schlupfwinkel [und sagen]: so verderbt der Zustand der Kirche auch sein möge, Laien sei es doch nicht erlaubt, an ihre Fehler zu rühren. Und sie sind nicht zufrieden, damit einen Unterschlupf zu finden, sondern gleich schwillt ihnen noch der Kamm: weil dem Petrus der Primat über die Kirche gegeben sei und die ganze päpstliche Klerisei in ununterbrochener Reihe bis auf den heutigen Tag sich von den Aposteln ableiten lasse, so stehe ihnen allein das Recht und die Macht zur Leitung der Kirche zu. So wird’s der Mühe wert sein, diese beiden Punkte kurz zu untersuchen. Doch werde ich vom Primat des römischen Stuhles nicht so reden, als müsste ich mir das erst vornehmen; denn ich glaube, diese Frage bereits so behandelt zu haben, dass sich der Papst nur noch mit der größten Unverschämtheit das anmaßen darf, was er bisher behauptet hat: nämlich, er sei das Haupt der ganzen Kirche. Denn, wenn Paulus uns zur Einheit mahnen will und sagt: „Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe (Eph. 4, 5), ein Geist, ein Herr und ein Leib der Kirche“, so hätte er doch nicht auslassen dürfen, was zum Beweis der Einheit von höchster Wichtigkeit gewesen wäre; es sei auch ein Oberpriester, dessen Macht die ganze Kirche in rechter Ordnung verbunden halte. Es wäre ja eine schmähliche Vergesslichkeit gewesen, wenn er die Gläubigen nicht daran erinnert hätte, sie möchten unter dem einen, ihnen von Gott gesetzten Haupte bleiben, wenn es nämlich wirklich wahr wäre, dass einem Menschen der Primat über alle Kirchen gegeben wäre. Aber anderswo (Gal. 2, 7) erklärt er sich selbst deutlich genug, wenn er sagt, er selbst habe das gleiche Apostelamt unter den Heiden, wie es dem Petrus unter den Juden gegeben war. Hier wird sicher nicht bloß eine gleiche Stellung behauptet für beide, sondern die Teilung ist auch der Art, dass genau gesprochen das Apostelamt des Petrus uns gar nichts angeht. Schließlich sagt er auch im eben angeführten Kapitel (Eph. 4, 11), wo er von der von Christo bestimmten Art der Kirchenleitung spricht, nicht, es sei von ihm ein Statthalter erwählt worden, der ihn in seiner Abwesenheit auf Erden verträte, sondern es seien gesetzt Apostel, Hirten und Lehrer, die gemeinsam jeder nach der ihm verliehenen Gnadengabe arbeiten sollten. Wollte Gott, dass einer allen andern vorstünde, so hätte er ihn gewiss nicht mit einem bestimmten Teil seines Geistes begabt, sondern ihm die ganze Fülle des Geistes übertragen. Die lächerliche Ausrede, dass dem Petrus die Schlüssel gegeben worden sind, will ich jetzt nicht widerlegen, weil anderswo genug, ja mehr als genug, bewiesen ist, dass das dem Papst nicht mehr hilft, als wenn es irgendeinem andern Apostel gesagt worden wäre. Denn wie ist er denn mit Petrus blutsverwandt oder verschwägert, dass er sich als seinen Erben aufspielt? Denn, wenn er sagt, es sei [nicht dem Mann, sondern] dem Amtssitz das Vorrecht verliehen, so ist das mehr als töricht. Denn warum wäre dann nicht viel eher Jerusalem der Sitz des Primats, wo doch unbestritten der Sohn Gottes als Hohepriester seines Amtes gewaltet hat? Aber wie gesagt, das kann man anderswo zur Genüge finden, wo es eingehender ausgeführt ist, wie auch der Satz, dass Christus nichts weniger gewollt hat, als einen unter den Aposteln zum Fürsten [über die andern] erheben. Denn dem Hohenpriester, der unter dem Gesetz [des alten Testaments] bestand, ist seine Würde deshalb abgesprochen, damit nun allein Gottes Sohn als Haupt über den andern stehe, diese alle aber als einander beigeordnete Glieder gelten. Aber in wahrhaft gottloser Frechheit verdrehen die Papisten, zum Beweis für die Herrschaft ihres Götzen, das Apostelwort: Wo das Priestertum verändert wird, da muss auch das Gesetz verändert werden (Hebr. 7, 12). Denn der Apostel sagt dort nicht, das Ehrenamt des Hohepriestertums sei von einem Menschen auf irgendeinen andern Menschen übertragen, sondern er behauptet, es bleibe bei dem eingebornen Sohn Gottes, so dass man keinen andern Nachfolger suchen müsse, weil er gesetzt ist zum Priester nach der Ordnung Melchisedeks ewiglich (Hebr. 7, 15. 17). Es müsste uns ja schon einzig der Wille Gottes genügen, wie er denn die wahre Regel der gesetzmäßigen Kirchenleitung und ein unverletzliches Gesetz ist. Dazu kommt aber noch, dass es weder möglich noch nützlich ist, dass ein Oberhaupt der ganzen Kirche in allen Ländern sei, denn das überstiege das Maß menschlicher Schwachheit bei weitem und könnte gar nicht zum allgemeinen Brauch sich eignen. Schließlich haben allein Ehrgeiz und Hochmut den Primat, den uns die Römlinge entgegenhalten, geschaffen. Die alte Kirche setzte freilich Patriarchate ein und wies auch einzelnen kirchlichen Provinzen gewisse Primatrechte zu, damit die Bischöfe durch dieses Band der Eintracht besser unter sich verbunden blieben. Wie wenn heute dem sehr erlauchten Königreich Polen ein Erzbischof vorstünde, nicht um über die andern zu herrschen oder sich ihnen entrissene Rechte anzumaßen, sondern um aus Gründen der Ordnung bei den Synoden den Vorsitz zu führen und die heilige Einigkeit unter seinen Kollegen und Brüdern zu pflegen. Es gäbe dann aber auch Provinz- oder Stadtbischöfe, die besonders der Wahrung der kirchlichen Ordnung oblägen. Wie die natürliche Ordnung es geböte, wäre dann aus jedem Kollegium einer auszuwählen, dem die Hauptsorge obläge. Aber es ist etwas ganz anderes, ein solches maßvoll begrenztes Ehrenamt zu verwalten, so weit es natürlich in menschlicher Kraft liegt, als den ganzen Erdkreis in ein unermessliches Reich zusammenzufassen. So ist also eine läppische Sache, was die Römlinge von dem einen Oberhaupt schwatzen, weil es weder eine heilige Einrichtung Gottes noch ein Brauch der alten Kirche ist, Christo, den allein der Vater im Himmel allen überordnete, ein zweites Haupt beifügen zu wollen.

Ja, käme aber selbst aus irgendeinem Rechtsgrunde dem Oberpriester in Rom die höchste Ehre zu, so hat er sich ihrer doch selbst beraubt, weil er vom Glauben der Apostel abgefallen ist und den Platz verlassen hat, der ihm von Gott dann angewiesen wäre. Denn um der erste unter den Bischöfen zu sein, müsste er selbst Bischof sein. Wenn aber nun offen feststeht, dass den Bischofstitel unwürdig führt, wer nicht das Lehramt ausübt, was wird man von dem halten müssen, der nicht nur die Last des Lehramts auf andere abwälzt und in weltlichem Prunke schwelgt, sondern sogar die Lehre Christi so grausam als gottlos auszurotten strebt. Will der Papst etwas an sich haben von Paulus, so sei er eine Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse [1. Kor. 4, 1]. Will er sich schmücken mit dem Lobe des Petrus, so sei er ein treuer Hirte seiner Herde und ein Zeuge der Leiden Christi [1. Petr. 5, 1]. Da er aber geradezu mit Absicht dem ferne steht, ja sich nicht einmal den Schein gibt, er sei ein Diener am Worte Gottes, so hat er sich selbst des Primates, wenn ihm überhaupt je ein solcher gegeben worden wäre, entäußert. Dazu, wie kann Rom die Mutter der Kirchen sein, da diese Kirche doch selbst kein anderes Urteil verdient als Babel? Die Seele der Kirche ist die reine Lehre; da es gewisser als gewiss ist, dass diese reine Lehre zu Rom ganz vernichtet ist, so folgt daraus, dass nur ein Leichnam dort zurückbleibt. Schließlich gibt’s ja nichts Widersinnigeres, als dass der als das religiöse Oberhaupt in der Herde Christi verehrt wird, der der erklärte Feind des wahren, echten Christentums ist. Weiterhin täuscht sich Ihre Majestät durchaus, wenn sie erwartet, bei der ordnungsgemäßen Gestaltung der Verhältnisse im Reiche Polen bei der Sekte Unterstützung zu finden, die an nicht als an völliger, fürchterlicher Verwirrung ihre Freude hat. Denn der Papst zu Rom und seine Höflingsschar kann nicht herrschen, es sei denn die Kirche unterjocht, der Gottesdienst besudelt, die Ordnung zerrissen, ja alle Religion vernichtet. Darf man da hoffen, dass, wer aus dem Verderben der Kirche seine Nahrung zieht, ein Mittel zur Heilung ihrer Schäden selbst vorbringe oder auch nur anwenden lasse? Wenn deshalb ein frommer, christlicher Fürst im Sinne hat, der Unordnung abzuhelfen, so darf er sich keinen Augenblick abhalten lassen durch die Trägheit der Seelenhirten, wenn sie in ihrem Amte säumig sind. Noch weniger braucht ihn der freche Übermut derer, die überhaupt nur fälschlich Hirten heißen, in seinem frommen Bestreben zu hindern. So ist es ein eitles Schreckgespenst, wenn es heißt, ohne den Willen des Papstes dürfe zur Reformation der Kirche nichts getan oder versucht werden. Vielmehr muss sich, was die Apostel beim ersten Aufgang des Evangeliums erfuhren, auch heute noch erfüllen: Christus wird von den Bauleuten verworfen, d. h. von denen, die sich Bischöfe nennen lassen; weil er aber gesetzt ist zum Eckstein, so wäre es nicht recht, wenn er ihrem gottlosen Widerstreben weichen müsste.

Es bleibt noch eine zweite Frage: wer soll, um die gesetzmäßige Aufeinanderfolge zu wahren, die Pfarrer ordinieren? Weil ich es für sehr wichtig halte, dass nichts in der Kirche unordentlich geschieht, damit nicht dadurch jeder Willkür der Zügel freigelassen wird, auch weil es uns durch Pauli Mund vom Geiste Gottes ausdrücklich vorgeschrieben ist: „Lasst es alles geziemend und ordentlich zugehen“ [1. Kor. 14, 40], so bin ich der Meinung, ein geordneter Dienst am Wort sei stets mit Ehrfurcht festzuhalten. Denn das verlangt schon die richtige Vernunft, wie auch das Gebot Gottes, dass keiner sich frech eindränge, und nicht jeder beliebige Privatmann sich das Hirtenamt anmaße, sondern dass einer, durch den Entscheid der andern Pfarrer erwählt, dann der Gemeinde vorgeschlagen und durch ihre Zustimmung bestätigt werde. Dazu soll dann noch die feierliche Handauflegung kommen, die man [im engern Sinn] die Ordination nennt. Da die Papisten allein darüber mit uns so sehr streiten, so zeigen sie damit zur Genüge, dass sie ganz außer acht lassen, was doch die Hauptsache ist, die Wahl nämlich. Tatsächlich ist bei ihnen ja die Sorge um eine richtige Prüfung der Tauglichkeit so gering, dass es die reine Komödie verbunden mit einer Verhöhnung Gottes ist. Bloß auf dem Prunk der Zeremonie bestehen sie: nicht zufrieden mit dem alten Brauch der Handauflegung weihen sie ihre Priester durch eine Salbung, die weder in der Schrift erwähnt wird, noch als Brauch der apostolischen Kirche überliefert ist. Da sie diese Salbung nur aus der Hefe des Judentums wieder aufgegriffen haben, so wird sie, wo der reine Glaube wieder zur Geltung kommt, mit den andern Missbräuchen des Papsttums abzuschaffen sein.

Doch ein anderer Aberglaube ist noch weit schlimmer, nämlich, dass sie ihre Priester nicht zum Amt der Predigt und Seelsorge weihen, sondern dazu, in entheiligender Frechheit das Recht und Amt Christi an sich zu reißen und sich anzumaßen. Sie werden nämlich eingesetzt, das Messopfer zu zelebrieren, durch das, wie sie sagen, Gott versöhnt werden soll. Deshalb ist das ganze papistische Priestertum nicht nur eine unfromme Entweihung des wahren Dienstes am Wort, sondern eine fluchwürdige Schmähung Christi, so dass, wer ein papistischer Priester ist, gar nicht ein Knecht Christi sein kann, bis er jenen Titel von sich wirft. Deshalb muss ihr Amtscharakter, obwohl er nach ihrer Lehre unaustilgbar ist, doch abgefeilt und ausgetilgt werden, wenn die Kirche Gottes reine Diener haben soll. Auch noch durch ein anderes Merkmal der Schmach ist das papistische Priestertum mit Recht den Frommen ein Abscheu. Denn wie nach den alten Grundsätzen des Kirchenrechts, wer seine Weihe empfängt von einem Ketzer oder Schismatiker, sich desselben Vergehens schuldig macht, so weiß Ihre Majestät wohl, welcher Art seit vielen Jahrhunderten die salbenden Bischöfe mit ihren Hörnermützen waren. Wer also jetzt in ihren Stand aufgenommen zu werden begehrt, gibt er nicht indirekt seine Zustimmung zu der entsetzlichen Verwüstung [der Kirche], deren jene Bischöfe vor Gott und seinen Engeln schuldig sind? Doch ist damit die Frage noch nicht gelöst. Denn weil es nicht unterschiedslos jedem erlaubt ist, zum Pfarramt zu gelangen, so müssen freilich diejenigen, die sich als richtige und dieser Ehre würde Pfarrer bewähren wollen, ordnungsgemäß berufen und eingesetzt sein. Da wäre es nun – das will ich zugeben – wünschenswert, dass eine ununterbrochene Aufeinanderfolge in Kraft stünde, so dass das Amt gleichsam von Hand zu Hand ginge. Aber wir müssen uns daran erinnern, was ich früher erwähnte, dass reine Lehre die Seele der Kirche ist, und deshalb das, was das Wesen der Kirche, ihre Reinheit, ausmacht, bei denen umsonst gesucht wird, die offene Feinde des Evangeliums sind. Weil aber die wahre Reihe der Weihen durch die Tyrannei des Papstes unterbrochen ist, braucht es heute neue Hilfsmittel zur Wiederherstellung der Kirche. Umsonst prahlen die Papisten mit dieser Kette, die doch von ihnen selbst zerrissen ist, wie ich sagte. Denn was ist das Papsttum anders als Abfall von Christo? Wie wollen sich die Nachfolger eines Abgefallenen rühmen? Hilfe schafft aber Gott selbst, indem er tüchtige, ehrliche Lehrer aufruft, die die Kirche, die im Papsttum in wüsten Trümmern lag, wieder aufbauen.

Es war ein ganz außerordentliches Amt, das Gott uns auferlegt hat, indem er unser Wirken zur Reformation der Kirchen brauchte. Der Männer Beruf also, die so wider alles menschliche Erwarten in ungewohnter Weise plötzlich aufstanden als Kämpfer für den echten Glauben, lässt sich nicht nach der gewöhnlichen Regel messen. Übrigens wurden sie von Gott berufen mit dem Gebot, sie sollten, wenn die kirchlichen Verhältnisse neu geordnet seien, andere Pfarrer an ihre Stelle setzen.

Deshalb, edelster König, was auch der papistische Klerus schwatzen mag vom erblichen Recht seines Priestertums, so mag so eitles Gerede Ihre Majestät nicht hindern, unter Gottes Schutz das alleredelste und vor Gott und seinen Engeln löbliche Werk zu beginnen, dass Christus allein in Ihrem Reich durch die reine evangelische Lehre herrsche. Die beste, nützlichste Art des Vorgehens wird dabei folgende sein: Weil jetzt Wölfe an Stelle der Hirten stehen und es ein allzu gewaltsames Mittel scheinen könnte, wenn nun neue Hirten, allein durch königliche Macht gewählt und ohne andere Berufung, an ihre Stelle träten, so möge Ihre Majestät vorerst nur Lehrer einsetzen, die überall den Samen des Evangeliums ausstreuen. Das wäre aber nur ein provisorisches Amt, solange die Verhältnisse noch ungeordnet und in der Schwebe wären; denn die allgemeine Verwaltung der Kirche könnte nicht mit einem Schlag geändert werden. Aber mit dem erwähnten Anfang oder Vorspiel könnte ein bequemer Übergang zur völligen Erneuerung der Kirche geschaffen werden. Es wäre freilich noch keine Reformation der Kirche, sondern erst eine Art Vorbereitung dazu. Sind die Verhältnisse dann aber zur Reife gediehen, so könnte kraft königlicher Gewalt und der Zustimmung der Reichsstände eine bestimmtere Ordnung über die Wahl der Pfarrer für die Zukunft festgestellt werden. Im Übrigen müsste Ihre Majestät, weil die Feinde der reinen Lehre versuchen werden, den frommen, wahrhaftigen Lehrern gewaltsam die Türen zu sperren, diesen hilfreiche Hand bieten, damit sie freimütig das Volk vom abergläubischen Irrtum in die Bahn wahrer Frömmigkeit leiten könnten.

Weil ich nun aber sehe, dass ich schon weiter gegangen bin, als ich mir anfänglich vorgenommen habe, so will ich dem zuvorkommen, dass Ihre Majestät meiner überdrüssig werde, und hier Schluss machen mit Schreiben. Der Herr und Vater im Himmel leite Ihre Majestät durch die Hand seines eingeborenen Sohnes, bewahre Sie in seinem Schutz, unterstütze Sie mit seiner Kraft und lenke Sie, edelster König, mit seinem Geiste.

Genf, 5. Dezember 1554.

Calvin, Jean – An den König Sigismund August von Polen.

Calvin, Jean – An den König Sigismund August von Polen.

Der Pole Florian Susliga hatte die reformierten Länder und Städte bereist und den Reformatoren von erfreulichen Fortschritten des Evangeliums in Polen berichtet.

Widmung des Kommentars zum Hebräerbrief.

Zu dem, dass heutzutage so viel alberne Menschen in planlosem Drauflosschreiben unerfahrene und unkritische Leser durch ihr Geschwätz belästigen, erlauchtester König, kommt noch der weitere Übelstand, dass sie ihren Unsinn auch noch königlichen oder fürstlichen Persönlichkeiten widmen, um zu seinem Aufputz oder seiner Verdeckung einigen Glanz zu erborgen. Dadurch machen sie aber nicht nur sonst heilige Namen gemein, sondern in gewisser Weise werden auch die mit solcher Widmung bedachten von ihrer Schande befleckt. Die zudringliche Frechheit solcher Leute nötigt wirklich ernste und ruhige Schriftsteller, sich zu entschuldigen, wenn sie ihre Werke großen Männern öffentlich widmen wollen, Werke, in denen doch so gar nichts der Entschuldigung Wertes steht, dass sie der Größe derer, denen sie gewidmet sind, vielmehr durchaus entsprechen.

Ich wollte das vorausschicken, damit es nicht den Anschein hat, als gehöre ich zu den Leuten, die im Vertrauen auf das Beispiel anderer sich erlauben, was trotz seiner Verkehrtheit gewöhnlich und allgemein geschieht, als ob es dadurch erlaubt wäre. Auch ist mir keineswegs entgangen, wie sehr es nach törichtem Selbstvertrauen aussieht, wenn ich, um von anderm ganz zu schweigen, ein Dir unbekannter, obskurer Mensch, es wage, Deine königliche Majestät anzusprechen. Aber wenn Du, o König, den Grund meines Vorhabens gehört hast und mein Tun billigst, so macht es mir keine große Sorge, wie andere darüber urteilen. Wiewohl ich nämlich meine Kleinheit nicht vergesse und wohl weiß, welche Ehrfurcht Deiner Majestät gebührt, hat mir im Grund doch der Ruhm Deiner Frömmigkeit allein, der zu allen, die nach der wahren Lehre Christi streben, gedrungen ist, schon genügt, alle meine Furcht wegzunehmen.

Denn ich bringe Dir ein Geschenk, das zurückzuweisen Dir schon diese Deine Frömmigkeit nicht erlaubt. Denn da der Brief an die Hebräer eine reichhaltige Darstellung der ewigen Gottheit Christi, seines höchsten Lehramts und einzigartigen Priestertums enthält, also die Hauptstücke der himmlischen Weisheit, und ihre Erklärung so vorbringt, dass uns die ganze Wirksamkeit und Aufgabe Christi aufs Lebendigste ausgedrückt wird, so nimmt er in der Kirche mit Recht den Rang und die Ehre eines unvergleichlichen Schatzes ein. Dass er aber auch Dir, der Du einzig wünschest, dass Christus herrsche und geehrt werde, gelte, was er wert ist, daran zweifle ich nicht. Über seine Auslegung, die ich unternahm, will ich nichts weiter sagen, als dass ich darauf traue, Du werdest, wenn Du etwas davon erprobt hast, meinen treuen Fleiß loben. Aber wie ich mir nicht das Lob hoher Begabung und Gelehrsamkeit anmaßen will, so schäme ich mich doch auch nicht, wo es die Sachlage mit sich bringt, zu zeigen, was mir der Herr an Schriftverständnis verliehen hat, denn das heißt ja, sich nicht anders rühmen als in ihm. Wenn in mir irgendwie Fähigkeit ist, der Kirche Gottes in dieser Beziehung zu helfen, so habe ich mich bei dieser Arbeit besonders bemüht, davon eine Probe abzulegen. So hoffe ich, wie gesagt, mein Geschenk werde mich bei Deiner königlichen Majestät nicht nur genügend entschuldigen, sondern mir auch Deine Gunst erwerben.

Zu dieser Widmung hat mir Mut gemacht der hochedle Florian Susliga von Warschau, eine nicht unrühmliche Zierde des polnischen Adels. Seine Bitten vermochten um so mehr bei mir, als er sie nicht, wie viele, aus Ehrgeiz und unüberlegter Liebe zu seinem Vaterland entflammt an mich richtete, sondern, damit es Deiner königlichen Majestät in Deiner freiwilligen Neigung zur Aufrichtung des Reiches Christi, und sehr vielen, die in deinem Reiche leben und auch die Absicht haben, solches zu unternehmen, eine neue Aufmunterung sei. Du hast ein weites und berühmtes Königreich, ausgestattet mit mancher Schönheit. Aber das wird erst sein festes Glück begründen, wenn es Christum zum obersten Herrn und Leiter erwählt und sich so befestigt in seiner treuen Hut. Ihm dein Zepter unterzuordnen, ist Deiner hohen Stellung so wenig unrühmlich, dass es vielmehr weit ehrenvoller wäre als aller Triumph der Welt. Denn wenn schon unter den Menschen Dankbarkeit als die Tugend gilt, die einem großen, hohen Sinn eigen ist, was wäre da für Könige schmählicher, als wenn sie sich dem Sohne Gottes, von dem sie auf dem Gipfel der Ehre erhoben worden sind, undankbar erwiesen? Denn das ist nicht nur eine edle, sondern eine mehr als königliche Knechtschaft, die uns in den Rang der Engel erhebt, wenn Christus seinen Thron errichtet unter uns, so dass allein sein göttliches Wort Hohen und Niedern Lebens- und Sterbensregel ist. Denn wenn es auch heutzutage ein viel gebrauchtes und fast allen geläufiges Bekenntnis ist, man gehorche dem Befehl Christi, so sind doch sehr wenige, die den Gehorsam, dessen sie sich rühmen, wirklich üben.

Das kann nicht anders geschehen, als wenn das ganze religiöse Leben geordnet wird nach der sichern Vorschrift seiner heiligen Lehre. Da gibt’s aber nun wunderliche Kämpfe, da die Menschen nicht nur aus Hochmut, sondern geradezu von ungeheurem Wahnsinn ergriffen, die ewigen Gebote des himmlischen Lehrmeisters weniger hoch achten als ihre eiteln Erfindungen. Denn welche Vorwände die auch vorbringen, die zu unserer Bekämpfung sich dem Antichrist von Rom verdingen, der Quell aller Kämpfe, die seit mehr als dreißig Jahren die Kirche so stark erregen, ist doch das, dass sie, welche als die ersten unter den Jüngern Christi gelten wollen, sich nicht seiner Lehre zu unterwerfen vermögen. Soweit ist ihr Ehrgeiz und ihre Frechheit gegangen, dass Gottes Wahrheit unter unzähligen Lügen begraben liegt. Was er eingesetzt hat, ist von den schmutzigen Entstellungen besudelt, sein Dienst in jeder Hinsicht verderbt, die Glaubenslehre ganz umgestürzt, das Kirchenregiment in wilde Tyrannei verwandelt; ein schändlicher Jahrmarkt wird mit allem, was heilig ist, getrieben, die Herrschaft Christi ist zu zügelloser Tyrannei der Gottlosen geworden, an Stelle des Christentums ist eine entsetzliche Entweihung aller Dinge, voll des krassesten Hohnes getreten. Will man nun all dem furchtbaren Übel entgegenwirken mit dem einen Mittel, nämlich dass man dem Sohn Gottes, der vom Himmel her redet, auf Erden Gehör schenkt, so stehen sofort alle die Riesen dagegen auf, die zwar nicht wie Atlas die Kirche auf ihren Schultern tragen, sondern nur einen Götzen, den sie sich gemacht, mit dem leeren Prunk hoher Titel in den Himmel heben. Das ist der Haupteinwand, den sie in ihrem scharfen Tadel gegen uns erheben, wir störten durch unsern Einspruch den Frieden der Kirche. Kommt es dann zur Untersuchung, so malen uns die genialen Künstler eine Kirche hin, die nach der ganzen Art ihrer Leitung Christo fern und fremd ist. Was ist das aber anderes, als ein frevelhafter, heiligtumsschänderischer Versuch, den Leib von seinem Haupt zu trennen? Daraus erhellt, wie leichtsinnig bei vielen das Prahlen mit dem Christennamen ist; die Mehrzahl will nichts weniger, als sich von der reinen, evangelischen Lehre lenken lassen.

Dass Du nun erkennst, o König, dass zu einer vollständigen Wiedereinsetzung Christi in seinen Besitz ein ernstliches Ausfegen vieler abergläubischer Bräuche notwendig ist, das spricht für deine einzigartige Klugheit; dass Du es aber unternimmst und anfassest, was Du so richtig für nötig hältst, für eine Tapferkeit, wie sie sich selten findet. Dass Du von Gott nach dem Vorbild eines Hiskia oder Josia dazu bestimmt bist, die reine evangelische Lehre, die durch Satans List und der Menschen Treulosigkeit in aller Welt verderbt worden, in Bälde im Königreich Polen wiederherzustellen, dafür gibt manches allen Guten fast sichere Hoffnung. Denn, – um von Deinen andern hervorragenden Eigenschaften zu schweigen, die selbst die Fremden preisen, die Bewohner deines Landes aber mit großem Segen spüren, – es hat sich bei Dir stets ein außerordentlicher Eifer, fromm zu werden, gezeigt, und jetzt leuchtet Deine Frömmigkeit selbst. Doch das ist die Hauptsache, dass Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, Deinen Geist erleuchtet hat mit dem Licht seines Evangeliums, so dass Du nun weißt, die wahre Weise zur Leitung der Kirche sei nirgends zu suchen als bei ihm, und erkennen kannst, welcher Unterschied besteht zwischen der echten Religionsform, die er gestiftet, und der erfundenen und entarteten, die später eingeführt worden ist. Denn auch Du siehst, wie verderbt und entstellt der Gottesdienst ist, weil an seine Stelle unzählige abergläubische Bräuche eingedrungen sind, wie die Gnade Christi unwürdig verdunkelt, die Kraft seines Todes vermindert, er selbst fast zerrissen und zerpflückt ist; durch die gründliche Zerstörung der Heilsgewissheit sind die Gewissen elendiglich, ja in entsetzlicher Weise geplagt und gequält worden; von dem wahren, rechten Beten zu Gott sind die armen Menschen auf die verschiedensten, verworrenen Umwege geführt worden; die Kirche ist von grausamer Tyrannei bedrückt; es ist kein Teilchen des Christentums unverfälscht übrig geblieben.

Es ist nun nicht glaublich, edelster König, dass Gott Dich umsonst mit solcher Kenntnis ausgerüstet hat, wenn er Dich nicht zu seinem Mitarbeiter zu großen Dingen erwählt hat. Damit auch kein unschuldiges Blut frommer Märtyrer Strafe herabziehe auf das berühmte Königreich Polen und so sein großes Glück aufhalte, so ist es auch durch Gottes wunderbare Vorsehung geschehen, dass auch kein Tropfen solchen Blutes vergossen worden ist. So gnädig und mild war König Sigismund seligen Angedenkens, Deiner Majestät Vater, dass er, als die Verfolgungssucht fast alle Länder der christlichen Welt ergriffen hatte, reine Hände behielt. Ja, auch Dein Adel, und zwar die Besten unter Deinen Edeln, lassen sich nicht nur willig Christum verkündigen, sondern verlangen mit Sehnsucht nach ihm. Da sehe ich einen Johannes von Laski, aus vornehmem Grafengeschlecht, auch andern Völkern die Fackel [des Evangeliums] vorantragen. Um so unerträglicher ist die Frechheit Ecks, der sein Büchlein vom Messopfer dem König Sigismund, Deiner Majestät Vater, widmete und dadurch dem erlauchten Königreich Polen einen, soweit es daran beteiligt war, hässlichen Makel aufbrannte. Freilich ist das an diesem Silen nicht zu verwundern, der als Fürst aller Weinsäufer den Altar nicht weniger als den Abtritt zu bespeien pflegte. Wenn ich nun mit der Widmung meines Werkes an Deine Majestät auch nur das erreiche, dass vom Namen Polen dieser dreckige Eckische Schmutz weggewischt wird, damit er nicht mehr da haftet, wo er so schmachvoll hingespritzt wird, so meine ich schon nicht wenig erreicht zu haben.

Dazu war nun kaum ein anderes Buch aus der ganzen heiligen Schrift geeigneter [als gerade der Hebräerbrief]. Denn darin bemüht sich der Apostel hauptsächlich zu zeigen, dass, was Eck ein Opfer nennt, mit dem Priestertum Christi in offenem Widerspruch steht. Zwar wird die Messe nicht erwähnt; die hatte Satan damals noch nicht aus der Hölle hervor gespieen. Aber wenn der Apostel die Kirche zufrieden sein heißt mit dem einmaligen Opfer, das Christus am Kreuze gebracht habe, so dass aller Opferkult nun dahinfalle, so schließt er doch damit allen neuen Erfindungen dieser Art die Tür. Der Apostel ruft: einmal ist Christus am Kreuz geopfert [Hebr. 9, 28]. Eck behauptet: dieses Opfer wird täglich wiederholt. Der Apostel verkündet: Allein Gottes Sohn war ein Priester, tauglich, sich Gott darzubringen, und darum ward er eingesetzt nach [Gottes] Eid [Hebr. 7, 28]. Eck sagt: Nein, das Priestertum bleibt nicht an seiner Person, und überträgt dies Amt auf gedungene Priester. Es ist mir aber nicht verborgen, mit welchen Haarspaltereien er sich über diese und ähnliche Beweisstellen lustig zu machen versucht. Doch ist nicht zu befürchten, dass er damit andere anführe als solche, die freiwillig blind sind oder das Licht scheuen. Freilich war er auch so trunken von renommistischem Übermut, dass er mehr Mühe darauf verwandte, sich selbst frech herauszustreichen, als genau zu beweisen. Ich will aber, um nicht fruchtlos einen toten Hund zu beschimpfen, jetzt nichts weiter sagen, als dass mein Kommentar auch dazu dienen soll, den Schmutzfleck, den jener Kerl in seinem Rausch durch das Hervorbringen seines schmutzigen Buches auf den Namen Polen gebracht hat, abzuwischen. Wer mein Buch lesen will, von dem braucht man nicht mehr zu fürchten, dass er sich in Ecks Falle fangen lasse.

Wenn ich nun durch die Widmung meines Werkes an Deine Majestät nicht nur Dir, o König, persönlich einen Beweis meiner Ergebenheit zeigen, sondern sie auch aller Welt bezeugen wollte, so bleibt mir nun nichts anderes mehr übrig, als Deine Majestät demütig zu bitten, diesen meinen Eifer nicht zu verschmähen. Wahrlich, wenn er Deinem frommen Wirken ein Sporn wird, so glaube ich, den größten Erfolg gehabt zu haben. Wohlan denn, hochherziger König, übernimm unter Christi Glück bringender Führung die Aufgabe, die Deiner hohen königlichen Stellung wie Deines persönlichen Heldenmutes würdig ist, damit die ewige Wahrheit Gottes, in der seine Ehre und der Menschen Seligkeit liegt, soweit Deine Herrschaft reicht, ihr Recht wiedererlange, das ihr der Antichrist entrissen hat. Groß ist die Aufgabe und so schwer, dass sie auch dem Mutigsten mit Recht Sorge und Angst macht. Aber erstens gibt’s keine Gefahr, der wir nicht mutig entgegengehen, keine Schwierigkeit, die wir nicht standhaft ertragen, keinen noch so großen Kampf, in den wir uns nicht unverzagt stürzen müssten um einer so wichtigen Sache willen. Sodann, weil es Gottes eigenes Werk ist, so dürfen wir nicht darauf allein schauen, wie weit unsere Menschenkraft reicht, vielmehr müssen wir seiner Kraft die Ehre geben, so dass wir im Vertrauen nicht nur auf seine Hilfe, sondern auf seine Führung wagen, was über unsere Kraft geht. Ich meine, die Schrift nimmt nicht grundlos überall das Amt, die Kirche zu gründen und zu erneuern, für Gott in Anspruch. Denn ganz abgesehen davon, dass das eine schon an sich göttliche Sache ist, die alles Verständnis der Welt weit übersteigt, so sammelt, sobald irgendwo ein Anfang davon sich zeigt, der Satan all seine schädlichen Ränke zu Hauf, um weitern Fortschritt zu hemmen oder doch zu verzögern. Wir wissen aber, dass es dem Fürsten dieser Welt nie an unzähligen Trabanten fehlt, die bereit sind, sich ihm zum Kampf wider Christi Reich zu verdingen. Die einen stachelt ihr Ehrgeiz dazu, die andern treibt ihr Bauch. Uns plagen solche Kämpfe nach unsrer geringen Bedeutung nur mäßig; Deine Majestät wird ohne Zweifel weit größere Schwierigkeiten erfahren. So muss, wer sich anschickt, die Lehre der Seligkeit und das Heil der Kirche zu fördern, gewappnet sein mit unüberwindlicher Festigkeit. Da nun die Sache über Menschenkraft geht, so reicht er uns eben die Waffen vom Himmel her. An uns ist nur, die Verheißungen, die wir überall in der Schrift treffen, unserm Geiste einzuprägen: Der Herr, der selbst den Grund seiner Kirche gelegt hat, wird nicht dulden, dass sie zerstört bleibt, sondern wird dafür sorgen, dass die Trümmer gesammelt und wieder aufgebaut werden. Mit solchen Worten verheißt er uns, er wolle uns nie allein lassen bei unserm Werk. Denn, wie er nicht will, dass wir als müßige Zuschauer seiner Wundermacht dasitzen, so hilft er uns auch bei unsrer Hände Werk und zeigt durch seine gegenwärtige Hilfe klar genug, dass er der Hauptbaumeister ist. Ferner wollen wir es uns nicht verdrießen lassen, uns immer wieder daran zu erinnern, was er so oft nicht ohne Absicht wiederholt und uns einprägt, wie oft wir nämlich kämpfen müssen mit den Feinden, die uns stets feindselig angreifen. Denn wie gesagt, ihrer sind eine fast unendliche Menge und gar verschieden sind sie von Art. Aber eins genügt, uns reichlich Mut zu machen: wir haben einen Feldherrn, der so unbesieglich ist, dass, je mehr er angegriffen wird, desto mehr Sieg und Triumph trägt er davon.

Lebwohl, unbesiegbarer König. Der Herr Jesus leite Dich mit dem Geist der Klugheit und unterstütze Dich mit dem Geist der Stärke, mit aller Art Segen überschütte er dich, er erhalte deine Majestät lange blühend und behüte dein Reich. Amen.

Genf, 23. Mai 1549.