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Schlagwort: Ottheinrich

Calvin, Jean – An Otto Heinrich, Kurfürsten von der Pfalz, in Heidelberg.

Calvin, Jean – An Otto Heinrich, Kurfürsten von der Pfalz, in Heidelberg.

Nr. 551 (C. R. – 2810)

Auf Wunsch der Pariser Gemeinde sandte Calvin Bude und Beza nochmals nach Deutschland, um die Fürsten zur Intervention für die Verfolgten zu veranlassen, was umso nötiger war, als ein französischer Agent Rascalon in entgegengesetztem Sinne an den deutschen Höfen wirkte. Ähnliche Briefe wie an den Kurfürsten sandte Calvin an den Landgrafen von Hessen und den Herzog von Württemberg, sowie an den Hofprediger des Kurfürsten, Michael Diller.

Von der Notwendigkeit einer deutschen Gesandtschaft nach Frankreich.

Erlauchtester Fürst und edelster Herr, als meine lieben Brüder Jean Bude und Theodore Beza das letzte Mal zu Ew. Hoheit kamen, unternahmen sie zwar die Reise im Interesse aller Evangelischen auf meine Bitte, denn meine Amtspflicht machte mich neben andern zum Fürsprecher der Verfolgten, aber doch wagte ich es nicht, ihnen ein Empfehlungsschreiben mitzugeben, so sehr ich es gewünscht hätte, da ich fürchtete, es möchte hochmütig scheinen, wenn ein Ew. Hoheit persönlich noch Unbekannter sich die Freiheit nähme, zu schreiben, als ob er etwas vermöchte und gölte. Jetzt aber habe ich eine bessere Entschuldigung dafür, als ich wollte; denn nun zwingt und drängt mich die Not, das zu tun, was mir damals der Respekt verbot. Aus der Genannten Bericht habe ich zwar deutlich erkannt, dass Ew. Hoheit so geneigt ist, den armen Brüdern Hilfe und Erleichterung zu verschaffen, dass es einer weitern Ermahnung weder durch mich noch durch sonst jemand bedürfte; aber wenn die Gesandten nun Ew. Hoheit berichten werden, wie die Sachen in Frankreich jetzt stehen, und für ihren Bericht vollständig sichere Beglaubigungen erbringen können, so wird Ew. Hoheit nicht nur ihren frommen Eifer bei dieser zweiten Reise loben, sondern gewiss auch mir gestatten, mich ihnen als Helfer anzuschließen. Da die durchlauchtigsten Fürsten so freigebig und einmütig und zweifellos nicht minder in ehrlicher Herzensaufwallung versprochen haben, für die verfolgten Brüder eintreten zu wollen, so wunderten wir uns und die verfolgten Brüder mit uns, wodurch nun die bereits beschlossene Gesandtschaft nach Paris mit einem Mal eine Verzögerung erleide; doch glaubten wir, dass man trotzdem nicht untätig gewesen sei, sondern nur ein anderes Vorgehen, von dem wir nichts wussten, gewählt habe, das besser und nützlicher schien. Es ziemte auch unsrer Bescheidenheit und der schuldigen Ehrfurcht nicht anderes, als anzunehmen, bloß um in diesen stürmischen Zeitläufen den armen Brüdern doch helfen zu können, sei der erste Plan geändert worden. Während wir nun so gespannt warteten, traf unser Herz mit einiger Wahrscheinlichkeit die Befürchtung, die erlauchtesten Fürsten könnten durch eitle Gerüchte oder, um es offen zu sagen, durch boshafte Ränke gewisser Leute sich haben betrügen lassen. Schließlich blieb es nicht beim Verdacht, sondern wir sahen deutlich, dass gewisse bezahlte Hungerleider um schnöden Gewinnes willen unwahre Schönfärbereien in die Welt gesetzt hatten, um den Eifer zur Hilfe lahm zu legen. Ew. Hoheit möge verzeihen, wenn ich die ganze Sachlage offen darstelle. Dass der Bericht, die Kerker seien jetzt ganz leer, durchaus unwahr ist, werden Ew. Hoheit Gesandte selbst erfahren können, wenn sie nach Paris kommen. Wahr ist freilich, dass die Mehrzahl der Gefangenen entlassen wurde zu leichterer Haft und dass einige daraus entflohen sind; doch wurde das nur den Mädchen und jungen Leuten gestattet und einzelnen andern, bei denen ihre Verwandtschaft verlangte, dass sie um ihrer Familienehre willen in Klöster überführt würden. Alle aber, die ganz standhaft blieben, werden noch in stinkenden Kerkerlöchern gefangen gehalten, obschon einige davon lebensgefährlich erkrankt sind, und müssen dort Schmutz und Kälte und die ärgste Schmach erdulden. Fragt Ew. Hoheit nach der Zahl, so hat mir ein Augenzeuge, an dessen Glaubwürdigkeit ich nicht zweifle, neuerdings geschrieben, es seien noch mehr als dreißig, und es ist keiner darunter, der nicht weiß, dass er dem Tode geweiht ist. Wie es denn allgemein bekannt ist, dass die Richter des Pariser Parlaments einen scharfen Tadel erhielten, weil sie zu lässig vorgingen und zu nachsichtig seien. Freilich hätten diese treuen Knechte Christi die Wahl, so zögen sie einen schnellen Tod einer so grässlichen Fristung ihres Lebens vor. Die Brüder in Piemont und den Alpen werden nur wenig milder behandelt, und es schützt sie nur ihre Abgelegenheit. Werden sie vorgeladen, so brauchen sie keine Gewalt, sondern sagen nur zur Entschuldigung, da sie Gott unter sich mit einem heiligen, unlösbaren Bande verbunden habe, so legten sie nicht einzeln Rechenschaft ab über ihren Glauben. Da aber die Feinde in ihrer Grausamkeit ganz rasend sind, so wird, wer sich fangen lässt, ins Gefängnis geworfen, wie denn eben jetzt in Turin ein Diener am Wort mit den Füßen im Block liegt, nachdem er schon zwei volle Monate in Ketten gelegen hat. Auch das Parlament von Grenoble verfolgt die Bewohner eines Tales hart. Tatsächlich leben alle in beständiger Furcht. Dass der König selbst nicht mildern Sinnes geworden ist, geht aus den neuerdings veröffentlichten Dekreten deutlich hervor. Da ihm die Richter, obwohl er sie mit furchtbaren Drohungen zur Unmenschlichkeit zwang, nicht streng genug waren, sind auf seinen Wunsch vom Antichrist zu Rom drei Kardinäle eingesetzt worden, die die Gerichtsbarkeit in Glaubenssachen nach ihrem Gutdünken oder vielmehr nach ihrer Willkür durch ihre Trabanten üben. In einem zweiten Edikt hat der König auch den Bischöfen und ihren Dienern die volle Freiheit zu morden wiedergegeben, so dass sie Gewalt haben über Leben und Tod; den weltlichen Richtern des ganzen Reiches ist die Untersuchung entzogen, und sie sind nur noch Henker, die die Urteile vollstrecken müssen. Mit welch schmutzigen Schmähungen der König die reine Lehre des Evangeliums belegt, wird Ew. Hoheit aus den beigelegten Edikten selbst ersehen. Denn wenn er scheinbar nur die Sakramentierer zu treffen scheint, so ist das, wie die Erfahrung laut lehrt, eitel Dunst. Zweifellos haben die Ränkeschmiede am französischen Hof diesen Namen, der, wie sie wissen, für viele einen üblen Klang hat, nur aus List hier eingesetzt, um die deutschen Fürsten irre zu führen. Denn das kann ich vor Gott und seinen Engeln hoch und heilig versichern, dass in Frankreich als Sakramentierer gilt, wer nicht bekennt, dass Christus Tag für Tag in der papistischen Messe von neuem geopfert werden werde. Alle also, denen diese gräuliche Lästerung der Messe missfällt, werden fälschlich geschmäht, als ob sie das heilige Abendmahl Christi abschaffen wollten. Freilich, das will ich nicht verhehlen, dass die Brüder in Frankreich die Ansichten teilen, die ich öffentlich lehre, wie sie auch unsern Genfer Katechismus brauchen. Doch verdienen sie es nicht, dass sie deswegen der Fürsprache Ew. Hoheit verlustig gehen müssten, da sie anerkennen, dass Christus im Abendmahl auch wirklich gewährt, was er symbolisch darstellt, und deutlich bekennen, dass unsere Seele im Abendmahl nicht anders durch Christi Fleisch und Blut gespeist wird, als wir zur Erhaltung unseres Leibes Brot und Wein genießen. Wenn über die Art der Mitteilung eine gewisse Meinungsverschiedenheit besteht, dürfen deswegen Leute in höchster Lebensgefahr im Stich gelassen werden, die doch auch glauben, dass sich uns Christus wahrhaft mitteile und zu eigen gebe durch die geheimnisvolle Wirkung seines Geistes, auch wenn er nicht mit seinem Leib allgegenwärtig Himmel und Erde erfüllt? Denn was wollen wir denn anderes, als dass wir zusammenwachsen zu einem Leib Christi? Wenn wir glauben, das sei nicht anders möglich, als wenn Christus auch nach seiner menschlichen Natur allgegenwärtig sei, so tun wir gewiss seiner Macht Abbruch. Ach, könnte doch dieser unselige Streit durch Ew. Hoheit kluges und machtvolles Eingreifen einmal geschlichtet werden! Dass es aber weder fromm noch menschlich wäre, indessen die zur Schlachtbank geschleppten Märtyrer Christi aller Hilfe zu berauben, erkennt Ew. Hoheit selbst. Übrigens haben die Feinde des Evangeliums nichts weniger vor, als da Unterschiede zu machen; es wird unterschiedslos als Sakramentierer verurteilt, wer bekennt, Christi einmaliges Opfer genüge zur ewigen Seligkeit; denn es liegt ihnen gar nichts daran, was man von der Mitteilung des Fleisches und Blutes Christi im Abendmahl glaubt, wenn nur ihre Einkünfte aus dem gottlosen Gräuel der Messe ungeschmälert bleiben. Schließlich geht daraus, dass Rückfällige und Hartnäckige im Edikt mit der gleichen Strafe bedacht werden, ganz klar hervor, dass jeder, der nicht vom wahren, offenen Bekenntnis zu Christo lässt, dem Tode geweiht ist. So bleibt mir nun nichts anderes übrig, als im Namen der ganzen französischen Kirche Ew. Hoheit ergebenst zu bitten, Ew. Hoheit wolle nicht nur geruhen, beim Könige selbst Fürbitte einzulegen, sondern auch die andern durchlauchtigsten Fürsten dazu beizuziehen, damit der König merke, dass alle sich ernstlich für diese Sache interessieren. Irgendeine Art des Vorgehens vorzuschreiben, steht weder mir zu, noch den Überbringern dieses Briefes. Doch kann ich nicht umhin, Ew. Hoheit als höchst wünschenswert darzulegen und zur Erwägung zu bringen, ob es nicht das Empfehlenswerteste wäre, dem König einmal offen klar zu machen, welche Lehre er bekämpft. Findet dieser Plan, ein Glaubensbekenntnis abzulegen, Anklang, so haben meine Brüder Bude und Beza ein solches in Händen, dem alle, die heute in Frankreich als Ketzer verfolgt werden, wie ein Mann ihre Zustimmung geben werden. Doch ich will schließen, um nicht durch Weitschweifigkeit beschwerlich zu fallen. Der Herr behüte Ew. Hoheit allezeit, mache Sie reich an Segen aller Art und leite Sie auch fernerhin mit dem Geiste der Klugheit und unüberwindlicher Stärke bis ans Ende.

Genf, 22. Februar 1558.