Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (744).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (744).

Nr. 744 (C. R. – 4018)

Bullinger meldete Calvin, dass in den katholischen Nachbar-Kantonen für Frankreich geworben und dabei sehr mit den Heldentaten der guisischen Schweizertruppen geprahlt werde. Bern stand in Verhandlungen mit Savoyen wegen Zurückgabe des eroberten savoyischen Gebietes; am 25. April 1563 hatte in Basel eine Tagung stattgefunden, bei der die Eidgenossen, die reformierten Orte eingeschlossen, erklärt hatten, sie würden das von den Bernern eroberte Gebiet ihnen nicht verteidigen helfen; so sah sich Bern genötigt sich zur Auslieferung der drei Vogteien Thonon, Ternier und Gex zu entschließen, wogegen ihm die Waadt gesichert werden sollte; die Teilung kam durch spanische und französische Vermittlung am 30. Oktober 1564 endgültig zustande.

Von den Schweizern in Frankreich, der Mündigkeit des Königs und der savoyischen Gefahr.

Wenn sich Eure Nachbarn so frech aufspielen und rühmen, so wundert es mich, dass Ihr Euch durch solchen Lärm aufregen lasst und ihn nicht vielmehr verachtet und für nichts haltet. Denn man weiß in ganz Frankreich nicht, wo sie solche Heldentaten verrichtet hätten. Zwei Fähnlein liegen in Orleans als Besatzung. Einige von ihnen, die im Schlafe lagen, haben die Unsern aufgeweckt, doch ohne Blutvergießen. Bisher blieben sie ruhig dort und sind eben energisch damit beschäftigt, Trauben zu vertilgen wie hungrige Drosseln. Die, die an der Belagerung Le-Havre-de-Grace teilnahmen, haben sich, durch die frühere Niederlage vorsichtig geworden, gar nicht in den Bereich der Geschosse gewagt. Die Franzosen, die viel kühner vorgingen, sind scharf zurückgeschlagen worden, und als sie Laufgräben angelegt hatten, ließen die Engländer große Wassermassen darein strömen, die sie wegschwemmen sollten; es gab einen schweren Verlust. Seither wurde der Kampf nur mit dem schweren Geschütz geführt, bis das Pulver ausging. Da das den Engländern versteckt werden konnte, wurden sie zur Übergabe gezwungen. Indessen beginnt der Krieg sicher wieder von neuem; denn auf beiden Seiten werden Gesandte gefangen gehalten wider das Völkerrecht. Sieh, was Eure Nachbarn da ausposaunen können! Vor den Truppen, die, wie du meldest, in Luzern angeworben werden, fürchten sich die Unsern nicht. Könnten diese Truppen nicht auch gegen unsere Feinde ausgerüstet werden? Denn es missfällt dem königlichen Rat, dass sie auf eigene Kosten in Deutschland werben lassen, und es ist ihnen strenge untersagt worden, damit fortzufahren. Auch wird die Entdeckung einer frevelhaften Verschwörung ihren Einfluss brechen. Indessen kämpft die Königin-Mutter mit höchstem Eifer um die Mündigkeit ihres Sohnes. Er ist kaum über das dreizehnte Altersjahr hinausgekommen und hat sich trotzdem vor dem Parlament von Rouen majorenn erklärt in Übereinstimmung mit seiner Mutter und den Prinzen, unter denen als erster der Herzog d´ Orleans aufgezählt wird, ein elfjähriges Knäblein. Du siehst, wie der alte Glanz Frankreichs zum Gespött geworden ist! Die Pariser nehmen diese Mündigkeitserklärung nicht an, und das mit Recht. denn es bestehen zwar sieben oberste Gerichtshöfe in Frankreich, aber sechs sind nur dazu da, Recht zu sprechen. Allein das Pariser Parlament hat bisher auch politische, auf ganz Frankreich bezügliche Dinge behandelt; freilich, sollte es nach der Ordnung gehen, so müssten sogar die drei Reichsstände eingeladen werden. Wie dem auch sei, der König wird aller Natur zuwider marjorenn und erhält das Recht zu dieser Erklärung, das nach dem Gesetz für andere auf der Entscheidung des Königs beruht, nur von sich selbst. Seit seinem Einzug in Paris hat er vor, die Tollheit des aufrührerischen Volkes zu bändigen. Der Connetable verteidigt zäh das Edikt, das unsern Kirchen Freiheit und Sicherheit verspricht, und ist der Meinung, es müsse Geltung bekommen.

Wegen des Augsburgischen Bekenntnisses brauchen wir nicht so sehr in Angst zu sein; denn die Versuche, es Frankreich aufzudrängen, sind umsonst, weil niemand von den Papisten es annehmen will und auch die Unsern es energisch verwerfen. Dass aber unsere Sorglosigkeit keinen Schaden anrichte, dafür haben wir uns Mühe gegeben und werden es auch weiterhin tun.

Aber wie stehts indessen bei Euch? Für sich selbst sorgt Euer Rat wie immer und meint, er könne sein Land unangetastet erhalten, auch wenn alle andern zu Grunde gingen. Verzeih, wenn ich scharf rede, weil Euer Rat wirklich noch nicht das geringste Zeichen gegeben hat, dass ihn die Forderungen der Zeitlage ernstlich bekümmern. Die Berner wenigstens beklagen sich gewiss, dass in den Beratungen gar kein Eifer um das Gemeinwohl zutage getreten sei. Wenn heute dem Savoyer die drei Vogteien zurückgegeben werden, so sind wir von allen Seiten eingeschlossen und können, fern von aller Hilfe, leicht überrumpelt werden. Der Savoyer wird sich auch mit diesem Teil nicht zufrieden geben, sondern dann unbedenklich auch den andern in Anspruch nehmen, damit es sich auch eher verlohnt, Krieg zu führen. Aber wenn wir dadurch in die größte Gefahr kommen, so will ich doch nicht verlangen, dass Ihr uns berücksichtigt, sondern nur, dass Ihr der allgemeinen Gefahr Rechnung tragt. Nochmals, verzeih mir, aber bis Eure Obrigkeit sich anders benimmt, muss ich glauben, sie wolle zu unserm Unglück auch noch ihr Teil beitragen. Aber Gott lässt uns wohl so von den Menschen verlassen werden, damit wir lernen, unser Herz zu ihm zu kehren und an ihm festzuhalten. Lebwohl, berühmter Mann und verehrter Bruder. Der Herr erhalte dich lange gesund; er leite dich auch fernerhin und segne dein Wirken. Ich lasse alle Kollegen vielmals grüßen.

Genf, 9. September 1563.
Dein
Johannes Calvin.

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