Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (743).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (743).

Nr. 743 (C. R. – 4007)

Das bisher noch von den Engländern besetzte Le-Havre-de-Grace hatte sich am 28. Juli den Franzosen ergeben. Louise de Crussol, geb. de Clermont, war Ehrendame der Katharina von Medici. Francois de Hangest, Sieur de Genlis, war von der hugenottischen Partei zu den Guisen übergegangen. Bullinger hatte Calvin geschrieben, Kurfürst Friedrich von der Pfalz wünsche keine Bücherwidmungen von ihm, um dem Schlagwort Calvinismus auszuweichen (vgl. 737); Kaspar Olevianus war Professor in Heidelberg.

Nachrichten vom französischen Hofe.

Wenn ich dir zuweilen auch einiges Unwichtige schreibe, so fürchte ich doch nicht, dir zu missfallen, denn ich habe dabei nur den Vorsatz, dir zu gehorchen. Dass Le-Havre-de-Grace durch Übergabe in die Hände der Franzosen gekommen ist, habt Ihr gewiss schon gehört. Die Franzosen haben nach ihrem Gutdünken eine Besatzung in die Zitadelle gelegt; auch wurden Geiseln gestellt dafür, dass die Englänger die Stadt auch wirklich verlassen und in ihr Land zurückkehren; Bedingung war gegenseitiger Austausch der erbeuteten Schiffe und Waffen. Seither kam aber schon die Nachricht, die Engländer hätten dem Vertrag entsprochen; so ist jetzt auch in der Normandie Friede, wenn die Königin von England nicht von sich aus den Krieg wieder beginnt, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Jetzt, da unsere Königin-Mutter von dieser Furcht befreit ist, wird sie bald ihre wahre Gesinnung gegen uns offenbaren. Sicher ist, dass bisher infolge ihrer Treulosigkeit unsere Feinde sogar wagten, königliche Edikte einfach abzulehnen, die der Kanzler, der uns von Herzen wohl will, freigebig erlassen hatte; aber durch die geheimen Ränke der Königin-Mutter wird mit allem, was der Minister-Rat Gutes beschlossen hat, Spott getrieben. Vielleicht kann die Gattin des Grafen de Crussol sie noch umstimmen; früher konnte sie die Königin-Mutter wenigstens nach ihrem Gutdünken zu allem bringen, und sie ist eine tapfere Frau, die auf ihre Herrschaft nicht so bald verzichtet. Sie verspricht alles und wird hoffentlich auch etwas tun. Sobald Kardinal de Chatillon seinem Bruder, dem Admiral, anzeigt, es sei bei Hofe keine Gefahr mehr, wird dieser sich ihm anschließen. Der Admiral selbst schreibt, er sei zu ernstlichen Unternehmungen bereit; aber auf den Prinzen [de Conde] darf man nicht hoffen, denn er ist nicht nur schwach und feig, sondern auch ein eitler Narr, der ganz aufgeht in schändlichen Lüsten. De Genlis, der ihn doch durch heimliche Verräterei ins Unglück gebracht hat und schließlich schändlich zu den Feinden überging, steht in höchster Gunst; sein Bruder, der Bourges verraten hat, wird einer großen zahl der treuesten Freunde vorgezogen. Mit dem Herzog de Nemours ist er so vertraut, wie wenn der nie sein offener Feind gewesen wäre. Kurz, wenn de Conde nur sich im Schoß der Dirnen bergen kann, glaubt er König zu sein. Doch was man bei Euch von seiner Unterwerfung unter das Konzil von Trient erzählt, ist bloßes Gerede; denn er will durchaus nicht zugeben, vom evangelischen Glauben abgefallen zu sein. Es war eine Synode in Lyon angesagt, deren Abhaltung aber der König verboten hat. Schuld daran ist der Gouverneur, ein sonst ganz rechtschaffener, aber allzu ängstlicher Mann, der, weil er sich persönlich in acht nehmen wollte, die ganze Sache unmöglich machte. Wir haben den Brüdern geraten, was uns gut schien. Sobald sie uns berichten, was sie dazu meinen, wollen wir mit aller Macht danach streben, die Erlaubnis zu einer neuen Ausschreibung zu bekommen. Die Provence steht noch unter Waffen; in der Dauphine und Languedoc herrscht Ruhe; selbst von den Priestern und Mönchen haben viele bezeugt, sie wollten die Messe nicht mehr. Wenn ihnen niemand in den Weg tritt, werden sie also die Kirchen leer lassen.

Dein Brief mit der Mahnung, meine Vorlesungen über Jeremia dem Pfalzgrafen nicht zu widmen, kam zu spät, denn es war bereits geschehen. Ich hatte rechtzeitig unsern Kaspar um Rat gefragt und weiß nicht, weshalb er nicht geantwortet hat. Übrigens, wenn die Sache Anstoß erregt hat, so ist das leicht wieder gut zu machen; ich mache mir keine große Sorge, dass ich keine gute Aufnahme fände. Lebwohl, hoch berühmter Mann und verehrter Bruder. Der Herr erhalte dich gesund und segne dein Wirken. Allen Kollegen viele Grüße.

Genf, 12. August 1563.
Dein
Johannes Calvin.

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