Calvin, Jean – An Viret in Lyon (711).

Calvin, Jean – An Viret in Lyon (711).

Nr. 711 (C. R. – 4210)

Viret, seit Januar 1562 Pfarrer in Lyon, hatte nach Genf gemeldet, er sei entschlossen, noch länger dort zu bleiben, und hatte, da er darauf wohl nicht gleich Antwort erhielt, ärgerlich geschrieben; am 4. September wurde Viret der gewünschte Urlaub erteilt. Louis Franc war der Gesandte Genfs in Lyon. Zu dem gestohlenen Briefe vgl. Nr. 239, 244.

Ärger über einen ungeduldigen Brief des Freundes.

Kurz vor dem Essen habe ich deinen Brief durch einen mir unbekannten Mann erhalten, von dem aber einer der Kollegen sagte, er sei der Diener Louis Francs. Wenn du dich über mein langes Schweigen beklagst, so könnte ich es leicht entschuldigen, wenn ich nicht bei dir den Verdacht wahrnähme, dass ich mich gekränkt fühle, sei schuld daran. Was dir deine Freunde berichtet haben, weiß ich nicht, und ich kümmere mich auch nicht sehr darum; doch will ich nicht verschweigen, dass mich recht geärgert hat, was du über einen abgefangenen Brief schriebst. Denn ich habe noch nicht vergessen, wie eifrig du mich vor vielen Jahren, als dein Famulus bei dir einen Brief von mir stahl, zur Vorsicht im Schreiben ermahnt hast. Meinst du denn, ich nähme dein Schelten so leicht, dass mich die Vorwürfe, mit denen du mich überhäufst, ergötzten? Aber das sollen diese deine Freunde, die ich für Verräter an mir halte, nie erreichen, dass ich mich so in acht nehme. Ich gefalle mir gewiss nicht in meinen Fehlern; aber dieser eine wird kaum je zu ändern sein.

Indessen, was hat dir denn mein Schweigen geschadet? Du sagst, man habe vieles verhandelt, ohne dir nur ein Wort zu melden. Wie, wenn ich von dem meisten selbst nichts weiß? Wie, wenn ich diesen Plänen, die ich nicht billigen kann, überhaupt ganz fern stehe? Wie, wenn ich öfters bezeugt habe, die ganze Verhandlung möge mir unbekannt bleiben, da ich nichts davon wissen wolle? Und doch glaubst du, es sei ein guter Witz und machst mir einen indirekten Vorwurf, wenn du schreibst, man berichte dir nichts, bis alles durcheinander gebracht sei. Hätten dir doch deine Spione treulicher berichtet, wie man mit mir umgegangen ist! Wenn ich dir bitter scheine, – aus deinem Briefe habe ichs gelernt. Freilich, du meinst nicht mich allein, wenn du klagst, man verachte dich, als ob du nicht auch ein Pfarrer seiest und zu unserm Kollegium gehörest. Doch mir genügt es, für mich persönlich zu reden; die Brüder können sich selbst entschuldigen, warum sie dir nicht geschrieben haben, was Tag für Tag vorfiel. Verzeih einstweilen meine Entrüstung, zu der mich der doch noch ein wenig herrische Ton deines Briefes gebracht hat, bis du gesund zu uns zurückkehrst, was, wie ich hoffe und sehr wünsche, bald geschehen wird. Deinem und der Brüder mündlichem Zuspruch will ich dann gern gehorchen. Lebwohl, trefflicher, verehrter Mann. Der Herr sei mit dir, er leite und segne dich.

Genf, 2. September [1562], zwei Stunden nach Empfang deines Briefes.

Dein

Johannes Calvin.

Charles, der bis vor kurzem Pfarrer zu Toulouse war, hat mir geschrieben, er habe nicht im Sinn, dorthin zurückzukehren. Es wundert mich, dass er von meiner Antwort auf seinen ersten Brief ganz schweigt. Wenn er sich nicht mit der Ansicht der Brüder zufrieden geben kann, so soll er seine Freiheit haben; zwingen wird ihn niemand.

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