Beza, Theodor von – Brief aus Poissi

Beza, Theodor von – Brief aus Poissi

Poissi, 8. Sept. 1561.

Wir bitten und beschwören Euch bei dem Namen des großen Gottes, der Zeuge und Richter unsrer Gedanken und Worte ist, daß Ihr für heute Alles vergeßt, was seit vierzig Jahren geschrieben und gethan sein mag, und mit uns jede Vorliebe, jedes Vorurtheil, das den Erfolg unsrer Unterhandlung hemmen könnte, ablegen möget, daß Ihr von uns das hoffet, was Ihr, so Gott will, gegründet finden sollte, daß wir uns gerne belehren lassen, und das Alles anzunehmen bereit sind, was uns aus der h. Schrift als wahr erwiesen wird. Glaubet ja nicht, daß wir hieher kommen, einen Irrthum zu behaupten, nein, sondern um die Irrthümer, die wir und Ihr könnten begangen haben, zu verbessern. Glaubt nicht, daß wir den Stolz besäßen, die Kirche Gottes, die ewig sein und bleiben wird, umstürzen zu wollen. Glaubet nicht, wir wollten Euch unsrem armen und niedrigen Stande, mit dem wir gleichwohl durch Gottes Gnade ganz zufrieden sind, gleich machen. Nein, es ist unser ernster Wille, daß Jerusalems Trümmer wieder zu einer Stadt werden, daß der geistliche Tempel wieder erbaut werde, daß des Herrn Haus, von lebendigen Steinen errichtet, von seinem alten Glanze aufs Neue umstrahlt sei; daß alle zerstreuten und auseinandergetriebenen Schafe wieder in die Hände des einzigen, erhabensten Hirten geführt und gesammelt werden. Das ist unser Entschluß und Wille. Habt ihr es bis heute nicht geglaubt, so werdet ihr, das hoffen wir, es heute glauben lernen, da Sanftmuth und Geduld allen unseren Verhandlungen zu Grunde liegen soll. O möchten wir doch, statt alles Streitens und Beweisens mit einer Stimme dem Herrn ein Lied singen, und wie einstmals Heiden thaten, als schon ihre Schlachtordnungen sich gegenüber standen, uns einer dem andern die Hände reichen! Es wäre ja eine Schande, wenn wir, die wir beide die Lehre des Friedens bekennen, uns so leicht trennen, so schwer versöhnen wollten. Doch freilich können wir Menschen dieß Alles nur wünschen, Gott allein kann es zur Ausführung bringen, ich ahnde, er wird es thun, seine Güte wird unsre Sünden bedecken und sein Licht unser Dunkel zerstreuen.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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