Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (645)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (645)

Nr. 645 (C. R. – 3285)

Am 30. Oktober 1560 trafen der König von Navarra und Conde in Orleans mit Franz II. zusammen und Conde wurde als Hochverräter verhaftet; Calvin hatte Conde zur Flucht geraten (vgl. 641). Die Nachbarn, die Calvin als die Urheber der französischen Unruhen anklagt, sind die Lyoner. Bullinger hatte Calvin von dem Plan berichtet, Melanchthons Äußerungen über die Sakramentslehre zu publizieren und dazu um Melanchthons Briefe an Calvin gebeten. Matthias Flacius Illyricus (Vlacich aus Istrien), Professor in Jena (vgl. 518), war der Hauptführer der Lutheraner. Der Herzog von Savoyen machte Miene, gegen Genf zu ziehen.

Von Bezas erfolgloser Mission. Melanchthons Briefe.

Ich beantworte deinen letzten Brief nur kurz, verehrter Bruder, weil unser lieber Freund Hans Leyner zu mir kam, als ich eben, von allerlei widerwärtigen Geschäften ganz erschöpft, zum Nachtessen eilte, und mir sagte, seine Begleiter drängten ihn, schon morgen früh zu reisen. Unser lieber Beza wir dir seine Reise in der Hauptsache selbst schildern. Die Leute, denen wir helfen wollten, ließen sich nicht raten; freilich waren wir nicht so sehr um sie allein bemüht, wie um die ganze Kirche. Der König von Navarra hatte, wie ich dir schon schrieb, von selbst meine Hilfe beansprucht und mich überaus freundlich gebeten, Beza zu ihm zu senden. Hätte ich ihm eine abschlägige Antwort erteilt, wie hätten da alle frommen Leute geschrieen! Wir wären daran schuld gewesen, wenn nicht alles gut gegangen wäre! Nicht nur furchtsam, auch treulos und grausam hätte man uns gescholten. Beza hat seine Pflicht nicht nur treu, sondern sogar mit unglaublicher Festigkeit getan. Hundertmal aber hat man den Plan geändert. Schließlich kams so, dass, wie alle sehen, der König von Navarra und sein Bruder selbst ins Verderben liefen. Hätte man uns geglaubt, so hätte man leicht zum Abschluss kommen können, ohne auch nur einen Tropfen Blut zu vergießen. Dafür haben wir stets gearbeitet; nun aber hat die gänzliche Hoffnungslosigkeit alle entmutigt; denn überall hausen die Soldaten wie in Feindesland. Nun wälzen unsere Nachbarn, die doch die Anstifter des Aufruhrs waren, uns die Schuld zu; doch ich will von ihnen gar nicht reden.

Drei Gründe hindern mich, dir, wie du es wünschest, die Briefe Melanchthons zu schicken, in denen er offen seine Übereinstimmung mit uns erklärt. Erstens sind es nicht viele und so geschrieben, dass du selbst fändest, dass er mir Dinge anvertraut hat, die solchen, die uns beiden nicht Freund wären, ein Gespött, andern mit der Sache weniger Vertrauten aber kaum verständlich wären. Ferner muss man doch auch dem Toten Rechenschaft tragen, dessen Ruf durch manches, was er an mich geschrieben, nicht wenig herabgezogen würde. Schließlich sind auch Dinge dabei, deren Veröffentlichung zwar für mich recht ehrenvoll wäre, die aber doch dem Geschimpf eines Flacius und seinesgleichen ausgesetzt wären. Dazu hatte ich, als ich deinen Brief erhielt, bereits die Hälfte einer Schrift fertig, die den Heßhus widerlegen soll und die nicht so sehr nach vorgefasstem Plan als in unbestimmtem Drang geschrieben ist; seine Schmähungen sind doch so stark, dass sie einen Stein reizen müssten.

Dass die Glarner immer noch im Ungewissen sind, betrübt uns. Aber der Hochmut Moabs wird sich selbst zerreiben und Gott wird diese Zyklopen gewiss zu Fall bringen, so dass sie, die andern eine Grube graben wollten, selbst ins Verderben stürzen werden.

Von den Unruhen in Frankreich will ich jetzt nichts schreiben, um dir nichts Ungewisses zu erzählen. Bald erfährst du dann etwas. Lebwohl, hochberühmter Mann, von Herzen verehrter Bruder. Herrn Pietro Martire, Herrn Gwalther und die übrigen Kollegen lasse ich grüßen. Der Herr behüte, leite und segne Euch alle. Wir sind jeden Moment so in Gefahr, dass viele verzweifeln, viele sich fürchten, andere aber lachen. So empfehlen wir uns Eurer Fürbitte.

Genf, 4. Dezember 1560.
Dein
Johannes Calvin.

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