Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (638)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (638)

Nr. 638 (C. R. – 3254)

Bernard Bochetel, Bischof von Rennes, weilte als französischer Gesandter in Deutschland. Papst Pius IV., (Giovanni Angelo Medici), gab dem Herzog von Urbino das ihm von Paul III. abgenommene Camerino zurück; dem Herzog von Florenz, Cosimo Medici, suchte er nach Meinung seiner Zeitgenossen bei der Aufrichtung eines Königreichs Etrurien zu helfen. Auf den Dezember 1560 berief er das Konzil zu Trient wieder ein, doch wurde es erst 1562 eröffnet. Jean de Monluc war Bischof von Valence. Marillac, Erzbischof von Vienne, war einer der Prälaten, die die Notwendigkeit einer kirchlichen Reformation einsahen und dafür arbeiteten; er stellte an der Notabelnversammlung zu Fontainebleau den Antrag auf Einberufung eines Nationalkonzils. Admiral Coligny war seit dem Frieden von Chateau-Cambresis wieder frei. In Lyon war die Verschwörung Ferrieres de Malignys entdeckt worden (vgl. 636). Zur Nachschrift vgl. 623.

Von italienischer Politik und der Notabelnversammlung in Fontainebleau.

Dass dein Brief an unsern lieben Beza schon längst mir übergeben worden ist, habe ich dir, verehrter Bruder, gemeldet. Auch den an mich habe ich von unserm Nachbarn, dem Belgier, erhalten – fünf Tage nach seiner Ankunft hier. Da ich von dem guten jungen Mann, dem du Aufträge an mich gegeben hast, (es ist der aus dem Aosta-Thal, der seinem Vater und seinem Herzog entflohen ist), erfahren hatte, du habest schon zwei Tage vor seiner Abreise geschrieben, so empfing ich den Boten nicht gerade freundlich. Er hatte wirklich keine Entschuldigung vorzubringen, da ich jeden Tag morgens gepredigt und nachmittags Vorlesung gehalten hatte. Aber ich bin an die Dummheit dieses Volkes längst gewöhnt, und da sie unsere Nachbarn sind, so wage ich nicht allzu scharf von ihnen zu reden; denn auch ich bin belgischen Stammes, obschon man aus dem verschiedenen Wohnort auf einen großen Unterschied schließen könnte. Doch das ist Spaß; denn wir sind uns alle nur zu ähnlich.

Doch nun zu deinem Brief. Was der französische Gesandte in Deutschland zu tun hat, haben kluge Leute schon bei seiner Durchreise gemerkt; denn man sah, dass die für die Gesandtschaft angegebenen Gründe ganz bedeutungslos waren. Die Guisen haben nur den einen Vorsatz, alles durcheinander zu bringen, um möglichst viele mit sich in die Sache hineinzuziehen. Was du von ihren bisherigen Umtrieben erzählst, ist jedenfalls wahr, und ich zweifle nicht daran; aber Gott hat auch allerlei Mittelchen, sie an weiterem zu hindern. Denn der Kaiser möchte das Herzogtum Mailand für seinen Sohn, den König von Böhmen, erwerben, damit dieser auch ein Erbgut bekommt. Zwei Töchter hat er schon in Italien verheiratet, wie du weißt, die eine mit dem Sohn des Herzogs von Florenz, die andere mit dem von Mantua; dieser letztere ist sein williger Nachbeter. Der andere aber, der den Papst lenkt, wie er will, und sich seines Königreichs Etrurien so bemächtigt hat, dass alle seine Nachbarn, erschreckt durch seine Macht, nichts zu sagen wagen, strebt nun noch höher. Venedig, Ferrara und andere schließen sich ihm an; jedes hat seine eigenen Zwecke im Auge. Der Anfang der Geschichte war, dass das Herzogtum Camerino widerrechtlich seinem rechtmäßigen Besitzer entrissen worden sei; den hat nun der Papst wieder eingesetzt. Weil aber der apostolische Stuhl bei diesem Tausch zu kurz gekommen ist, will er Piacenza und Parma wiederhaben und merkt nicht, dass dieses Geplänkel zu einem ernsten Kampfe werden kann. Und doch soll all das das Vorspiel zu ökumenischen Konzile sein! Ich lasse es gerne so gehen, und auch du wirst nichts dawider haben. Wenn du also schriebst, der Vater im Himmel werde ihre blutdürstigen Pläne zunichte machen, so glänzt bereits ein Funke dieses Hoffnungslichtes. Wir müssen eben die Höhe blicken; die Hauptsache ist, dass, wenn wir bisher wie starr gewesen sind, Gott uns nun aus unsrer Trägheit aufrütteln will.

Statt dass ich dir nun erzähle, was schwer zu erkennen ist, magst du aus der Klageschrift, deren an uns gesandtes Exemplar ich beilege, ersehen, wie kläglich und jammervoll die Lage Frankreichs ist. Du wirst lachen, dass ich dir ein französisches Büchlein aufdränge, doch hast du wohl schon Dolmetscher zur Hand, die dir seinen Hauptinhalt auseinandersetzen können. Da wirst du von den wunderlichen Ränken des Hauses Guise hören. Im Übrigen wirst du meine Kürze verzeihen, denn ich fände kein Ende, wenn ich tiefer in das Gestrüpp eindringen wollte. Kürzlich sind alle Notabeln des Reiches nach Fontainebleau, zwei Tagereisen von Paris, geladen worden. Von den Prinzen königlichen Geblüts war niemand anwesend außer dem Bruder des Königs von Navarra, dem Kardinal Bourbon, der ein Weinfass oder eine Bouteille in Menschengestalt ist. Die Guisen glaubten, der Versammlung einen besonderen Glanz verleihen zu können, wenn sie die Ordensritter vom so genannten St. Michaels-Orden in möglichst großer Zahl von überall her einberiefen. Es erschienen etwa dreißig, während vorher schon etwa zwölf da gewesen waren. Daher pries der Kanzler die Versammlung in hohen Worten als einen erlauchten Rat, in dem die ganze Macht Frankreichs liege, eine Einleitung von stinkender Schmeichelei; dann ging er über zu den Verhältnissen des Königreichs; da die Krankheit Heilmittel erfordere, müsse man die Ursache des Übels zu ergründen suchen. Er schloss seinen Bericht damit, dass er sozusagen ratlos die Versammelten als Ärzte um Hilfe anflehte. Verabredetermaßen fragte nun der König den Bischof von Valence, einen der geringsten seiner Räte, um seine Meinung. Die Guisen wollten nämlich die geheimen Absichten aller erforschen, um dann jeden einzelnen, wie es passte, angreifen zu können. Da erhob sich wider aller Erwarten der Admiral und überreichte dem König eine Bittschrift, in der die Evangelischen der Normandie, um Gott in Reinheit dienen zu können, baten, man möge ihnen gestatten, sich bei Tage zu versammeln, damit sie nicht länger dem verschiedentlichen bösen Geschwätz wegen ihrer heimlichen, nächtlichen Zusammenkünfte ausgesetzt seien. Auf die Frage, woher er diese Bittschrift habe, antwortete er, im öffentlichen Interesse habe er gewünscht, genau zu erfahren, was die Lutheraner eigentlich wollten. Es seien nahezu 50 000 Menschen, deren Unterschriften er vorlegen könne, wenn der König es wolle. In der ganzen Versammlung sprachen nur zwei tapfer, er und er Erzbischof von Vienne. Nach Anhörung aller, deren Mehrheit aus bloßem Stimmvieh bestand, äußerte sich der Herzog Francois de Guise in so zügelloser Frechheit, dass es anderswo nicht geduldet worden wäre. Als Beispiel seines Unsinns vernimm nur das eine. Der Admiral hatte gesagt, der barbarische Brauch, dass der König nicht bloß seine Leibgarde habe, sondern sich mit einem Heer umgebe, gefalle ihm nicht; auch zieme sich eine solche Erziehung nicht für Frankreich; ein junger Mann, wie der König, dürfe nicht zur Furcht vor seinem Volk erzogen werden, das er eigentlich mit Wohlwollen umfangen und hegen sollte. Da antwortete diese Verrückte, der König brauche keine Ammen und Pädagogen, nämlich wenn er auferzogen sei in der Fülle der Kraft (ich zitiere seine Phrasen bis auf die Silben genau!) und dann noch weitere Ausbildung brauche, so sei dazu ja seine Mutter da, die vollständig genüge. Er wagte auch zu sagen, wenn tausend Konzilien es anders beschlössen, so sei er doch gesonnen, am Brauch der Vorfahren festzuhalten. Sein Bruder, der Kardinal, meinte mit mehr Ernst und Scharfsinn, es sei umsonst, von irgendeinem Konzil eine Änderung in der Lehre zu verlangen, da es nicht erlaubt sei, in Diskussion zu ziehen, was früher vom heiligen Geiste ausgegangen sei; seien aber Unsitten in der Lebensführung vorhanden, so müsse man es den Bischöfen überlassen, hier freiwillig zu reformieren. Der Erzbischof von Vienne hatte ihn getroffen, als er sagte, es sei ein hässliches, schmähliches Zeichen von verwirrten Verhältnissen, wenn Bischöfe ihre Kirchen verließen und an die Fürstenhöfe gingen; auch hatte er den König dringend ersucht, die Gemeinden nicht unter dem trügerischen Vorwand des Staatsinteresses ihrer Hirten zu berauben. Daher sagte der Kardinal nun, es solle niemand durch gesetzlichen Zwang verpflichtet werden, sondern jeder solle freiwillig nach Belieben schalten dürfen. Du fragst nach dem Resultat? Der von Vienne ging nach Hause. Nachdem man doch noch vier bis fünf Tage mit nutzlosen Beratungen hingebracht hatte, wurde auf den Dezember eine Versammlung der allgemeinen Landstände angesagt. Eine Versammlung der Bischöfe wurde auf den 20. Januar festgesetzt, nicht zu irgendwelcher Beschlussfassung, sondern nur zur Besprechung der Gegenstände, die dem Konzil vorzulegen wären. Eine Ständeversammlung haben die Guisen bisher hartnäckig bekämpft; nun haben sie wieder Mut gefasst und besinnen sich auf Ränke, mit denen sie die verhöhnen können, die von der Ständeversammlung Besserung erwarten. Es wurde nämlich dem Beschluss die Einschränkung beigefügt, die einzelnen Provinzen möchten in von den Gouverneuren geleiteten Versammlungen vorberaten, was auf der Ständeversammlung zu behandeln sei, wobei ja keine freie Verhandlung möglich ist; dazu sollen auch die Abgeordneten unter dem Vorsitz derselben Gouverneure gewählt werden. So werden also erkaufte Schmeichler, nach dem Willen der Guisen ernannt, kommen. Welches frivole Spielen mit Worten die Prahlerei mit einem Nationalkonzil ist, siehst du aus dem Wortlaut der Ankündigung, die du dir von irgendeinem Freunde übersetzen lassen kannst. Indessen bricht überall die Wahrheit des Evangeliums hervor. In der Normandie predigen unsere Brüder öffentlich, weil Privathäuser Zuhörermengen von drei- bis viertausend Seelen nicht zu fassen vermögen. In Poiton und Saintonges, in der ganzen Gascogne ist die Freiheit noch größer. Languedoc, Provence, Dauphine haben viele wackere Jünger Christ. Der Kardinal hat ganz deutlich gesagt, warum er zögert; nämlich in kurzer Zeit müsse die Frechheit der Wahnwitzigen doch sich selbst verraten. Aber der Herr wird hoffentlich nicht nur seine frevelhaften Gedanken ans Licht bringen, sondern auch seine gottlosen Taten zunichte machen.

Der König von Navarra ist bis jetzt ruhig geblieben. Doch hegt man Verdacht, er habe etwas Großes vor. So wurde, als neulich in zehn Provinzen des Reiches die Garnisonen erneuert wurden, die Hauptmacht des französischen Heeres von den Guisen in die Gascogne verlegt, um ihn am Überschreiten der Pyrenäen zu hindern, wenn er sich etwa rühren sollte. Von Beza wissen wir schon lange nichts mehr, da der Weg gesperrt ist; in Lyon ist nämlich ein Waffenlager entdeckt worden. Nun hat man dort sehr Angst, und obgleich niemand sich widersetzt hat, glaubt man doch, in großer Gefahr zu sein; so hat der Schreck die Verfolgungswut entflammt. Es sind bereits einige gehängt worden, und wer von Genf kommt, wird ins Gefängnis geworfen und gefoltert, fast jeder ohne Unterschied. Von unserm Beza musst du wissen, dass er nicht von selbst nach Nerac gereist ist, sondern berufen durch ein Schreiben des Königs, in dem er mich freundlich und sehr dringend ersuchte, ihm den Gefallen zu tun. Ich glaubte den Wunsch nicht abschlagen zu dürfen, damit Beza teils die Unentschlossenheit rüge, teils den Aufruhrplänen vieler Leute entgegenwirken könne. Denn eine Entscheidung unserer Sache durch Waffengewalt hat mir nie gefallen wollen.

Doch ich will schließen, denn die Masse der Tatsachen ist zu groß, als dass ich sie in einem Brief bewältigen könnte. Dafür, dass Ihr den Knaben, die zur Ausbildung nach Zürich geschickt werden, für gute Lehrer und ehrbaren Familienanschluss gesorgt habt und Euch die Bemühung dafür nicht verdrießen ließet, lässt Euch unser Rat herzlich danken und wird zu Gegendiensten gerne bereit sein, wenn sich Gelegenheit bietet. Außer den vier Staatsstipendiaten sollen noch einige andere aus Privatmitteln geschickt werden, die ich Euch nicht weniger empfohlen haben möchte. Für dreie bin ich darum gebeten worden; da aber zwei, wie ich höre, schon Quartier haben, so möchte ich nun sehr gerne auch den dritten versorgt wissen; denn seine Mutter zeichnet sich durch außerordentliche Frömmigkeit aus und sein Vater ist wie ein lieber, vertrauter Freund; er heißt Michel Planchon. Verzeih, wenn ich, durch die Bitten anderer genötigt, dir mehr Mühe mache, als ich möchte. Lebwohl, berühmter Mann und hochverehrter Bruder. Viele Grüße an deine Brüder und Kollegen, sowie an die übrigen Freunde. Der Herr erhalte Euch alle stets gesund; er leite Euch mit seinem Geiste und segne Euer Wirken.

Genf, 1. Oktober 1560.
Dein Johannes Calvin.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Herrn Wolf bereits für die Übersetzung des Tilemann´ schen Büchleins gedankt habe. Wenn dieser Schwätzer auch eine rügende Feder verdient hätte, so glaube ich doch, es ist besser, ihn mit Verachtung zu strafen.

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