Calvin, Jean – An Matthias Schenck in Augsburg.

Calvin, Jean – An Matthias Schenck in Augsburg.

Nr. 621 (C. R. – 3184)

Matthias Schenk von Konstanz hatte zu Straßburg unter Calvin studiert, war dann in seiner Vaterstadt Lehrer und jetzt Rektor des Augsburger Gymnasiums. Mit den dortigen lutherischen, aus Sachsen berufenen Pfarrern war er als Reformierter in Streit geraten und hatte nun Calvin davon berichtet.

Über die lutherischen Theologen.

Von den sächsischen Theologen erzählst du nichts, lieber Bruder, was nicht durch die gleichen allzu traurigen Erfahrungen überall bekannt wäre. Wo sie eine Kirche in ihre Gewalt bekommen, da richten sie sie nicht nur durch törichtes Selbstvertrauen, sondern durch geradezu unbändigen Hochmut zu Grunde. Wittenberg hat ja, das will ich zugeben, einige fromme, wackere Leute hervorgebracht; aber die meisten glauben Luthers treue Abbilder zu sein, wenn sie, statt von Geistesgröße, wie er sie hatte, von aufgeblasener Anmaßung strotzen. Es war ja einst zu Jerusalem auch so, als doch unter den Aposteln die wahre Frömmigkeit besonders in Ansehen und Flor stand; da gabs keine grimmigeren Feinde der heidenchristlichen Gemeinden, als die Leute, die von Jerusalem kamen und sich als Schüler des Jakobus und der andern rühmten. Nicht nur, dass sie in maßlosem Übereifer, wie es etwa vorkommt, den Lehrern ergeben gewesen wären, deren Ruhm sie übermütig machte, sondern unter falschem Vorwand fielen sie über alle wirklichen, rechten Lehrer her. So auch die Affen Luthers; denn wirkliche Nachahmer hat er wenige hinterlassen; sie schreien: Wittenberg, Wittenberg, und wenn man irgendwo nicht ganz auf ihre Worte schwört, so machen sie den größten Lärm. Als unser Consensus mit der Zürcher Kirche veröffentlicht wurde, fürchtete ich nichts weniger, als dass Westphal daraus einen Grund zum Streit herausgreifen könnte. Gezwungen ging ich damals in den Kampf, um die wilde Bestie zu bändigen. Ich wunderte mich nachher, wie viele von ähnlicher Wut erfasst sind. Ihre Unwissenheit nicht nur, sondern auch ihre unredlichen Verleumdungen glaube ich dabei so aufgedeckt zu haben, dass, wer auch nur halbwegs vernünftig urteilt, ihren Hochmut und ihr stinkend eitles Geschwätz verachten muss. Sie verhehlen es sich auch gar nicht, dass ihre letzte Hoffnung nur noch auf tyrannischer Gewaltherrschaft ruht. Dass du in aller Bescheidenheit die gute Sache verfichtst und dich eifrig davor hütest, durch Euren Zwist die Gemeinde zu beunruhigen, ist löblich, und ich wünsche dir Glück dazu; nur musst du andrerseits auch herzhaft ihren Trotz ertragen, damit Gottes Wahrheit ihren Platz behaupte; denn es wäre nicht recht, wegen des Unverstands oder des Hochmuts der törichten Leute auch nur ein bisschen zu weichen. Wäre es mir möglich und böte sich mir Gelegenheit, so möchte ich dir gerne Waffen liefern zum Kampfe; wenn du es dich nicht verdrießen lässest, die kürzlich erschienene letzte Auflage meiner Institutio zu lesen, so wirst du, wenn ich nicht irre, im 17. Kapitel des vierten Buches eine nicht zu verachtende Unterstützung finden. Du fragst mich weiter um Rat, ob du das heilige Abendmahl aus den Händen derer nehmen dürftest, denen wir als Ketzer gelten, weil wir leugnen, dass wirklich Christi Fleisch von unsern Zähnen zerbissen werde. Nun sehe ichs freilich für ein schlechtes Beispiel an, wenn jemand sich des Abendmahls enthält; aber da du unser Einigungs-Bekenntnis annimmst, so wäre es doch eine verkehrte, charakterlose Heuchelei, ihre falsche, widersinnige Phantasterei, die durch unheilvolle Zauberkünste die Grundlage unseres Glaubens erschüttert, auch nur stillschweigend zu billigen, ohne dass du vorher ein deutliches, offenes Bekenntnis der reinen Lehre ablegen kannst. Ich halte es daher für das Beste, wenn du freimütig und offen bezeugst, die Schuld, dass du nicht am Abendmahl teilnehmest, liege an denen, die die reine, echte Lehre Christi nicht zuließen. Unser lieber Beza lässt dich vielmals grüßen. Sage bitte auch dem hochberühmten Herrn Doktor Seyler und seinem Sohn viele Grüße von mir. Lebwohl, trefflicher Mann, bester Bruder. Der Herr leite dich stets mit seinem Geiste; er behüte dich und segne dein Wirken.

Genf, 22. April 1560.
Dein
Johannes Calvin.

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