Calvin, Jean – An Wolfgang Müslin in Bern (511)

Calvin, Jean – An Wolfgang Müslin in Bern (511)

Nr. 511 (C. R. – 2548)

 

Valerand Poulain wurde vom Schiedsgericht zwar formell freigesprochen, aber doch zur Abdankung gezwungen. Der Führer der Straßburger Lutheraner Marbach (vgl. 409) war damals bei Ottheinrich von der Pfalz, um ihn für die lutherische Lehre von der Allgegenwart des Leibes Christi zu gewinnen. Ludwig Rabus von Memmingen war Zells Nachfolger in Straßburg, ebenfalls ein lutherischer Eiferer. Der frühere Berner Pfarrer Beatus Gerung stand mit seinem Straßburger Kollegen, deren Senior Diebold Schwarz war, im Streit, weil er das Interim festhalten wollte; Matthias Pfarrer war ein Straßburger Ratsherr. Herwagen war Müslins Verleger in Basel; es scheint sich um Zensurschwierigkeiten für eine Schrift Müslins zu handeln.

Vom Erfolg der Frankfurter Reise.

Vom Erfolg meiner Frankfurter Reise hätte ich dir gern auf der Rückreise mündlich mehr erzählt, als es brieflich angeht, wenn ichs nicht besser gefunden hätte, die Augen der Herren in Bern zu schonen, denen, wie du weißt, mein Name zu verhasst ist, als dass sie meinen Anblick hätten ertragen können. Die Schlichtung der Zwietracht in der französischen Gemeinde war ein sehr unangenehmes Geschäft, das uns ganze vierzehn Tage vollauf in Anspruch nahm. Obwohl Valerand jeder Art von Strafe wert gewesen wäre, so sind wir doch aus gewissen Gründen nachsichtig schonend mit seinen Fehlern umgegangen. Weil das aber das einzige Mittel war, den Frieden in der Gemeinde wieder herzustellen, so musste er abdanken, und zugleich haben wir offen vor der Gemeinde ausgesprochen, wenn auch in etwas gemilderter Form, dass er nicht in allen Dingen das Pfarramt rechtschaffen verwaltet habe. Denn es waren ihm offenkundig Dinge nachgewiesen, deretwegen ich mich, falls mich solcher Tadel träfe, auf alle Zeit in tiefste Höhle verkröche; er aber, gezwungen, unsern Spruch anzuerkennen, hört in seiner gewöhnlichen Unverfrorenheit nicht auf, mit seiner Freisprechung zu prahlen. Dabei hat uns auch Wels, dessen Verrücktheit dir wohl nicht unbekannt ist, noch zwei Tage mit einer Disputation zu schaffen gemacht; er verteidigte die Willensfreiheit und bekämpfte die Prädestination. Wie der von merkwürdiger Frechheit geschwollene Mensch dann mit Schimpf und zum Spaß der ganzen Zuhörerschaft abziehen musste, soll dir lieber jemand anders berichten. Auch in der englischen Gemeinde hatte ich einige Händel zu schlichten. Ich glaube schließlich doch, reiche Frucht meiner großen Mühe in Frankfurt geerntet zu haben. Die deutschen Pfarrer wichen einem Gespräch mit mir aus. Einer, den man für gelehrter hält als die andern, Matthias [Ritter], hat einmal mit mir zu Mittag gegessen. Er titulierte mich ehrwürdiger Lehrer; in Wirklichkeit war er aber ein gar verstockter Schüler. Als der Rat die Pfarrer aufforderte, wenigstens vor meinem Abschied noch einmal mit mir zu reden, antworteten sie, es sei ihnen zu gewagt; denn sie hegten den Verdacht, ich wolle nur Gelegenheit finden, mit ihnen zu disputieren; sie aber seien ungelehrte Leute und nicht stark genug, mir zu antworten. Kurz darauf begab sichs, dass sie mir alle begegneten. Ich trat auf sie zu und sagte, es wundere mich, dass sie in einer so klaren Sache so befangen seien; ich hätte nur vorgehabt, eine Art Einigung herbeizuführen; da sie aber das nicht zugäben, so wolle ich nicht so zudringlich sein, sie wider ihren Willen an den Haaren herbeizuziehen. Ich setzte ihnen auseinander, was ich hatte sagen wollen und setzte sie damit ganz in Verblüffung, nur einer brach in die lächerlichen Worte aus: Wie göttliches Wesen (er sagte wirklich so) wäre ich ihnen erschienen, wenn ich nicht so hartnäckig auf meinem Irrtum bestünde, so aber könnten sie mich nicht mit gutem Gewissen aufnehmen. Ich behandelte den Kerl, wie ers verdiente, und auch von seinen Genossen wurde er ärgerlich angelassen. Vom Frankfurter Rat wurden mir alle Bezeugungen des Wohlwollens und der Höflichkeit zu teil, so dass ich gar nicht ehrenvoller hätte behandelt werden können.

In Straßburg habe ich Diebold Schwarz und ein paar andere von den Pfarrern gesehen. Marbach war nämlich, wie Sturm witzig meinte, allgegenwärtig in der Pfalzgrafschaft. Rabus schützte Krankheit vor. Die Straßburger Schule gab mir ein Bankett. Dem Matthias Pfarrer habe ich es streng vorgehalten, dass sie bisher gegen Beat Berung so schwach und nachsichtig gewesen sind.

Das alles wollte ich, um dir zu gehorchen, trotz meiner knappen Zeit dir lieber wenigstens flüchtig mitteilen, als still für mich behalten. Was Herwagen von deinen Büchern schreibt, halte ich für eitel Geschwätz; nicht als ob er es selbst erfunden hätte, aber möglicherweise wollte ihm jemand mit irgendeinem Hintergedanken Angst machen. Ich habe eifrig nachgeforscht und nichts erfahren; doch habe ich streng gesagt, wenn jemand solches versuche, so werde ich in deinem Auftrag die Sache führen. Übrigens werde ich in allen Dingen, die dich angehen, deine Bitte gar nicht erst abwarten; erinnerst du mich aber an etwas, so will ich mir Mühe geben, dass du merkst, dass wir alles gemeinsam haben. Du aber wende dich, wie es dein Recht ist, in allem, was in meiner Macht steht, ganz vertraulich an mich mit deinen Wünschen. Lebwohl, bester Mann und von Herzen verehrter Bruder. Grüße Herrn Haller, Herrn Moritz und die andern Kollegen angelegentlich von mir; Herrn Zurkinden lasse ich stets auch grüßen. Der Herr Jesus halte Euch stets aufrecht mit seiner Kraft und leite Euch mit seinem Geiste.

Genf, 26. Oktober 1556.
Dein
Johannes Calvin.

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