Calvin, Jean – An Herrn de Falais in Bern.

Calvin, Jean – An Herrn de Falais in Bern.

Nr. 481 (C. R. – 1692)

Schon Herrn de Falais´ Eintreten für Bolsec (vgl. 330) hatte zu einer starken Abkühlung des Freundschaftsverhältnisses geführt, so dass de Falais nach Bern zog. Wann der nochmalige Annäherungsversuch stattfand, ist nicht genau festzustellen, da Calvins Antwort undatiert ist; doch stammt das Zitat Castellios wahrscheinlich aus seiner nicht mehr erhaltenen Schrift über die Prädestination aus dem Jahr 1554 oder aus der in Nr. 408 erwähnten Schmähschrift. Ein Zeugnis des endgültigen Bruches ist dann aus dem Januar 1556 in Nr. 483 erhalten.

Bruch mit de Falais.

Monseigneur, da Sie meinen, eine gute Sache zu vertreten, so verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen zulieb nicht sagen kann, ich habe unrecht, denn das wäre Heuchelei. Denn ich weiß, dass ich selbst schon vor langer Zeit Ihnen gesagt habe von diesem Menschen, was an ihm sei, und nach dem, was er getan, war das auch nur zu allgemein bekannt. Seitdem haben Sie ihn aber so sehr gelobt, dass mein Berichterstatter den Ausdruck brauchte, er habe um keinen Menschen in der Welt ein solches Wesen machen hören. Da Sie nun so weit gegangen sind, obwohl Sie von mir unterrichtet waren, so konnte es nicht anders sein, als dass Sie ihn so hoch erhoben, um uns dadurch zu verurteilen samt unserer Lehre, als deren Todfeind er sich gezeigt hat, ja die er geradezu wütend und wahnsinnig hasste, so dass er sich nicht schämte zu schreiben: „Calvins Gott ist ein Heuchler, ein Lügner, treulos und ungerecht, ein Heger und Pfleger aller Schandtaten, ja schlimmer als der Teufel.“ So müsste ich, um Ihnen zu Gefallen zu sein, auf Gott und die Wahrheit verzichten und auf die Seligkeit, die ich erhoffe. Sie wollen das nicht, das glaube ich. Wenn sie freilich in der Menschenfreundlichkeit und Milde Ihres Geistes sich damit zufrieden geben, nicht wissen zu wollen, wer der ist, der Gott bekriegt, und nicht nur das, sondern auch unserm Zeugnis keinen Glauben beimessen und uns dadurch recht verächtlich scheinen lassen, so müssen Sie es, bitte, schon leiden, dass ich mit einigem Eifer die Ehre meines Meisters wahre. Aber, [werden Sie sagen], ich hätte Sie davon in Kenntnis setzen sollen. Ich antworte: nachdem ich von Ihnen so schnöde beiseite gesetzt worden bin, wollte ich mich wohl hüten, mich nochmals dem Gespött auszusetzen. Wäre ich nur zehn Stunden früher von dem erwähnten Wort in Kenntnis gesetzt worden, so wäre es mir recht gewesen, wenn Sie selbst gehört hätten, was ich darüber auf dem Herzen hatte. Die Gelegenheit ergab, dass Ihr Freund gleich darauf oder folgenden Tags mich fragte, ob ich Sie gesehen hätte. Ich sagte nur, ja und es reue mich, und wenn Sie hundertmal wieder hier durch kämen, so wollte ich mit Ihnen weniger Umgang haben als mit all meinen offenen Feinden, da Sie schon, als Sie sich noch als meinen vertrauten Freund gaben, wie man mir seither berichtet hat, der Lobredner Castellios waren, der so verrückt ist in all seiner Gottlosigkeit, dass ich in Wahrheit hundertmal lieber Papist sein möchte. Ihr Freund fragte mich dann weiter, ob ich wünsche, dass Sie das erführen; ich erwiderte, in der Absicht hätte ich es ihm gesagt, da ich es selbst noch nicht rechtzeitig gewusst hätte. Hat er es auch weiterhin verbreitet, so geschah es gegen meine Meinung und meinen Willen und sogar gegen sein Versprechen. Dass ich gesagt hätte, Sie seien ganz angesteckt von den Irrlehren dieses Scheusals, das ist das Gegenteil von dem, was ich wirklich sagte. Denn ich sagte, Sie müssten uns ja ganz grundlos hassen, um nur aus Verachtung gegen uns ein solches Scheusal zu loben. Alles in allem sagte ich, von jedem andern hätte ich ein solches Unrecht schon sanfter hingenommen als von Ihnen, in Anbetracht des Vertrauens, das ich auf Ihre Ehrlichkeit gesetzt hatte, aber noch weher hätte es mir getan, zu sehen, dass Sie, ohne zu wissen warum, einem Menschen anhingen, der abscheulicher ist als alle Papisten der Welt. Tatsächlich habe ich es ihm mehrmals gesagt, ich wisse nicht, wie und weshalb das so sei, und was das bedeuten solle. Da Sie auch jetzt noch es lieben, einer Lehre zu folgen, die dem ganz entgegengesetzt ist, was ich in er Schule meines Meisters lernte (denn Sie sagen, sie wollten das Böse vergessen, das an ihm sein könnte, dagegen ist uns gesagt: Seht auf die Hunde [Phil. 3, 2], beobachtet, tadelt, flieht sie, hütet Euch vor ihnen), so will ich Ihnen das Vergnügen lassen. Habe ich nun zu rau und grob geredet, so verzeihen Sie; aber Sie haben mich dazu gezwungen. Und damit Sie wissen, dass es nicht zornige Aufwallung oder böse Verstimmung ist, so habe ich diesen Brief geschrieben zu einer Stunde, da ich mich bereit halten muss, vor Gott zu erscheinen, der mich wieder einmal mit einer Krankheit heimgesucht hat, die mir vor Augen steht wie ein Spiegel des Todes. Ich werde ihn bitten, Monseigneur, Erbarmen mit mir zu haben und mich in Gnaden anzunehmen, Sie aber zu behüten und Sie zu führen durch seinen Geist und Ihres sowie der gnädigen Frau und Ihrer ganzen Familie Glück zu mehren.

Ihr Diener
Johannes Calvin.

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