Calvin, Jean – An die sächsischen und niederdeutschen Pfarrer.

Calvin, Jean – An die sächsischen und niederdeutschen Pfarrer.

Widmungsbrief der zweiten Schrift gegen Joachim Westphal. Weggelassen die theologischen Erörterungen über den Inhalt der neuen Schrift, vgl. 484.

Entstehungsgeschichte des Westphalstreites.

Wenn ich mir auch durchaus bewusst bin, dass die Sache, die ich in vorliegender Schrift verteidigen will, gut und gerecht ist, und dass ich bisher in ihrer Behandlung mich treulich gehalten habe, so genügt mir doch diese Stimme im Innern nicht, sondern ich möchte allen Kindern Gottes zeigen, dass mein Vorhaben berechtigt ist. Deshalb glaube ich, es lohne sich der Mühe wohl, Euch, verehrte und geliebte Brüder, von vornherein zu erklären, dass dieses Buch mir nur abgezwungen wurde, damit nicht durch mein Schweigen die christliche Wahrheit verraten werde, in deren Bekämpfung einige verwilderte Menschen die Papisten an Rohheit übertreffen. Weil über die Sakramentslehre mehr als zwanzig Jahre unter den Gelehrten unglücklicherweise Streit geherrscht hatte, schien es, als die Streitlust sich allmählich legte und die Geister sich zur Mäßigung bequemten, das beste Vorgehen zu völliger Aussöhnung, wenn die Lehre, der die Schweizer Kirchen anhängen, in kurzen, schlichten Worten einmal zum Ausdruck gebracht würde. Denn so lange der Streit tobte und man beiderseits erbittert war, war wahrscheinlich die Sache nie klar genug dargestellt worden und hatte man nicht aufmerksam genug darauf gehört, was eigentlich vorgebracht worden war. Den meisten von Euch ist wohl die kurze Darstellung bekannt, die wir vor fünf Jahren unter dem Titel Consensus erscheinen ließen. Darin hatten wir ohne Polemik gegen irgendwen, ohne ein bitteres Wort, nicht nur die Hauptsachen der ganzen Streitfrage in einzelne Punkte zerlegt behandelt, sondern auch versucht, soweit es sich mit einem offenen Bekenntnis der Wahrheit vertrug, alles Ärgernis wieder ganz gut zu machen. Auch musste dabei besonders zur Beruhigung der Gemüter beitragen, selbst wenn etwa jemand nicht ganz geneigt war, billig zu urteilen, dass wir uns in einer besondern Erklärung anerboten, falls jemand noch nicht genug geschehen sei, so wollten wir uns gerne belehren lassen und versprechen, auf guten Rat zu hören, wenn jemand finde, wir hätte die Sache nicht recht dargestellt. Zwei Jahre darauf erhob sich ein gewisser Joachim Westphal, den unser maßvoll schlichter Wunsch nach einer Einigung in der Lehre so wenig mild gestimmt hatte, dass er gerade das Wort Consensus aufgriff, um damit wie mit einer höllischen Brandfackel den alten Hader wieder auflodern zu lassen. Denn absichtlich sammelte er von überall her Sätze, die, wie er wenigstens glauben machen will, sich widersprechen, um so unseren Consensus auseinander zu reißen, und zeigte damit, wie glühend er den Frieden hasse, indem er sein Gift hauptsächlich darum auf uns spie, weil es ihn ärgerte, dass wir in Gedanken und Ausdrücken einig geworden waren. Er schreibt, meine Bücher hätten bei den Leuten seiner Partei viel gegolten und seien sehr beliebt gewesen, als man noch glaubte, ich stimme mit den Lehrern der Zürcher Kirche nicht überein. Woher nun plötzlich diese Entfremdung? Habe ich etwa meine Ansicht geändert? Westphal selbst kann nicht leugnen, ja er sagt es in einer Fußnote seines Buches, die Ideen unseres Consensus fänden sich schon überall in meinen Schriften. Daran muss doch jedermann den unversöhnlichen Hass dieses Mannes gegen die, denen er einmal den Krieg erklärt hat, erkennen, dass er eine Lehre, die er früher begünstigte, nun feindselig bekämpft, um nur nicht mit seinen Gegnern irgendetwas gemeinsam zu haben. Anderswo entschuldigt er sich damit, er sei nur einer erheuchelten Eintracht feind. Aber woher kommt es denn, dass er dieselbe Lehre, die er vorher in meinen Schriften ruhig las, nun hart anficht, da sie von den Zürchern ausgeht? Tatsächlich, – wie ers auch verdecken will -, trieb ihn doch nichts anderes, als er dem unbeugsamen Trotz gewisser Leute von neuem Schutz gewähren wollte, damit er der offensichtlichen Wahrheit nicht weichen müsse. Den törichten Angriff dieses Mannes musste ich in einer kurzen Schrift zurückweisen. Als ob damit ein nicht wieder gutzumachendes Unrecht geschehen wäre, entbrannte er nun noch viel maßloser; nun muss ich seine Frechheit in ihre Schranken weisen. Falls ich ihn etwa zu heftig anfasste, so erwägt nach Eurer Klugheit und Billigkeit, mit welchen Stichen er mich reizte. Ketzerei, Ketzer, teuflische Lästerung, gottlose Verleugnung der Schriftlehre, Umsturz alles Heiligen und Schimpfworte der Art führt er beständig im Munde. Im Grunde verfolgte er mit seinem Buch keinen andern Zweck, als uns mit dem Blitzstrahl seiner Flüche in die unterste Hölle zu schleudern. Was blieb mir da anders übrig, als auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen, damit er sich in seinem Wahnwitz nicht allzu sehr gefalle? Ja, wenn man nur hoffen dürfte, dass solche Menschen sich erweichen ließen, so wollte ich mich nicht weigern, sanftmütig und demütig den Frieden der Kirche zu erkaufen; aber es ist ja allgemein bekannt genug, wie weit ihr Fanatismus geht. So mag auch meine Strenge in der Behandlung solcher Hartnäckigkeit ihre Entschuldigung finden durch das Beispiel des Gottes, der sagt, mit den Verstockten werde er nicht nur unbarmherzig verfahren, sondern sich gegen sie sogar verstockt erweisen (Psalm 18, 26). Im Übrigen war es zwar mein höchstes Bestreben, die Sache selbst richtig darzustellen und mich von ihr so wenig als möglich zu entfernen, weil aber mein Gegner nach seiner Art hin und her springt und auch mich so nicht genau Ordnung einhalten lässt, so sei es mir erlaubt, die Hauptpunkte unserer Streitsache in drei Worten anzudeuten. Westphal leugnet nicht, dass ich vom rechten Gebrauch der Sakramente, von ihrer Bedeutung und Wirkung mit aller schuldigen Ehrfurcht geschrieben habe. Ob auch nach seinem Urteil richtig und gelehrt, damit will ich mich nicht aufhalten, da es mir genügt, dass mein Feind mir doch das Zeugnis frommen Sinnes ausstellen muss. Drei Punkte behält er also noch für den Streit vor. Erstens will er behaupten, dass das Abendmahlsbrot der Substanz nach Christi Leib sei. Zweitens, damit Christus dem Gläubigen im Abendmahl gegenwärtig sei, müsse sein Leib räumlich unbegrenzt und allgegenwärtig sein. Drittens will er nicht zugeben, dass in den Einsetzungsworten Christi ein Bild liege, selbst wenn man sich über ihre tatsächliche Bedeutung einige. – – – – –

Die Ursachen des ganzen Streites wollte ich darum deutlich zeigen, damit daraus erhelle, dass die Uneinigkeit, die längst ausgelöscht sein sollte, nicht aus gerechtem Grunde, sondern mehr nur durch den stolzen Übermut der Gegenpartei neu entflammt wird. Wenn Ihr fürchtet, und es ist sicher zu befürchten, dass dies zu einem unheilvollen, kläglichen Ende führe, so beschwöre ich Euch beim heiligen Namen Christi und bei dem Band unserer Einigkeit in ihm, gebt Euch redlich Mühe, ein Mittel dagegen zu suchen. Welches Vorgehen zu einer Einigung vorgeschlagen wird, – ich bin nicht nur geneigt es anzunehmen, sondern ich täte es mit Freuden. Pflicht Eurer Frömmigkeit und Eurer Freundlichkeit wiederum wäre es, mich, von dem Ihr wisst, dass ich mein ganzes Streben und Wirken in guten Treuen und mit nicht zu verachtendem Erfolge auf die Erbauung der Kirche richte, eher zu unterstützen, als von einem zudringlichen Menschen nach seinem Gelüsten mit Füßen treten zu lassen. Doch was rede ich von mir persönlich? Zieht vielmehr die heilige Verbindung mit soviel Kirchen, die dieser Westphal zu zerstören trachtet, in Erwägung. Was er auch Gegenteiliges plappert, – sicher ist doch, dass wir zu solcher Übereinstimmung des Glaubens aus der elenden Zerstreuung des Papsttums nicht bloß menschlicher Weise vereinigt worden sind. Vom einen Gott und der wahren, rechten Art ihm zu dienen, von der Verderbtheit des menschlichen Wesens, von der Seligkeit aus Gnaden, von dem Weg, Gerechtigkeit zu erlangen, von Amt und Wirksamkeit Christi, von der Buße und ihren Wirkungen, vom Glauben, der, auf den Verheißungen des Evangeliums beruhend, uns Heilsgewissheit gibt, vom Gebet zu Gott und von allen andern Hauptpunkten wird ja überall bei uns die gleiche Lehre verkündigt. Den einen Gott, unsern Vater, rufen wir im Vertrauen auf denselben Mittler an, der gleiche Geist der Gotteskindschaft ist uns ein Unterpfand unseres zukünftigen Erbes, durch das gleich Opfer hat Christus uns alle versöhnt, auf die gleiche Gerechtigkeit, die er uns erworben, verlassen sich unser aller Herzen, desselben Hauptes rühmen wir uns. Da wäre es doch wunderlich, wenn Christus, den wir als unsern Frieden preisen, der aller Fehd´ ein Ende gemacht und Gott im Himmel uns gnädig gestimmt hat, nicht auch das bewirkte, dass wir auch auf Erden brüderlich Frieden halten. Haben wir denn nicht alle Tage unter demselben Banner gegen die Tyrannei des Antichrists, gegen die schnöden Entstellungen des Christenglaubens, gegen gottlosen Aberglauben und Entweihung alles Heiligen zu kämpfen? Solche Pfänder heiliger Zusammengehörigkeit und solche Übereinstimmung, die doch deutlich von Gott gewirkt ist, für nichts zu achten, und Spaltung erregen zu wollen unter denen, die demselben Kriegsherrn folgen, ist ein ebenso herzloses, als gottloses Zerteilen der Glieder Christi. Und dass Ihr solches Tun begünstigt oder ihm irgendwie zustimmt, das wäre durchaus unbillig. Lebt wohl, verehrte Brüder. Der Herr behüte Euch, er leite Euch mit seinem Geiste und mache Euch reich an seinen Segnungen.

Genf, 5. Januar 1556.

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