Heinrich Bullinger, Antistes, an Philipp Melanchthon (1555)

Heinrich Bullinger, Antistes, an Philipp Melanchthon (1555)

(25. August 1555)

Voll Zutrauen auf Eure Freundlichkeit und Leutseligkeit, sende ich Euch hier, frommer und gelehrter Herr Philipp, ehrwürdiger, liebster Bruder, meinen Sohn Heinrich zu, und beschwöre Euch bei unserm Herrn, daß Ihr sein Vater seyn, ihn in Euer Haus, zu Euch und in Euere Vorsorge aufnehmen wollet. Ich werde Euch bezahlen, was recht und billig ist, und was seine Studienfreunde Euch auch geben. Uebrigens mache ich mich dadurch Euch und den Eurigen verbindlich, und anerbiete alle nur möglichen Gegendienste. Sollte es Euch aber durchaus ungelegen seyn, ihn in Euer eigen Haus aufzunehmen, so seyd ihm wenigstens behülflich, und gebt ihm guten Rath, daß er einen braven und frommen Hausherrn bekomme, und nehmt ihn unterdeß in Euern Schutz. Er wird Niemand zur Last oder beschwerlich seyn, auch mit Niemand zanken. Er wird sich selbst, Gott und den Wissenschaften leben. Er folgt Euch; er wählt sich Euch zum Lehrer, und wünscht Euch zu hören. Ich wünsche, daß er friedlich und unangefochten bei Euch leben, und lauter Gutes, Frommes, Christliches bei Euch lernen könne; denn ich habe ihn Gott und den Wissenschaften gewidmet. Werdet Ihr Eure Bemühungen mit den meinigen vereinigen, und ihn mit Gott, der Tugend und den Wissenschaften bekannt machen, so wird der Herr unser Gott Eure Mühe reichlich mit Segen vergelten, und mich und die Meinigen werdet Ihr dadurch gegen Euch und die Eurigen zeitlebens verbindlich machen. Hierüber aber wird Euch bald unser geliebtester Bruder Calvin schreiben; darum bin ich kürzer; ich weiß, daß Ihr immer mit Geschäften überhäuft seyd. Hier sende ich Eurer Frömmigkeit drei deutsche Predigten, die ich in diesem und vorigen Jahr in den Druck gegeben; die letzte ist vorzüglich gegen dieSchwenkfeldianer. Der Herr Jesus erhalte Euch gesund zum Segen der an Leib bedrängten Kirche. Euch grüßen die Brüder und Mitstreiter von ganzer Seele.

Euer
Heinrich Bullinger
Diener der Kirche zu Zürich

Quelle:
Merkwürdige Züge aus dem Leben des Zürcherischen Antistes Heinrich Bullinger, nebst dessen Reiseinstruktion und Briefen an seinen ältesten Sohn Heinrich, auf den Lehranstalten zu Straßburg und Wittenberg. Der studierenden Jugend auf das dritte Reformations-Jubiläum der Stadt und Republik Bern 1828 gewidmet von Joh. Friedr. Franz, evangel. Pfarrer zu Mogelsberg, Kantons St. Gallen Bern, bei J.J. Burgdorfer. 1828.

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