Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Straßburg.

Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Straßburg.

Weggelassen ist eine in ihrer Knappheit schwer verständliche Auseinandersetzung mit den Ansichten der Kirchenväter Hilarius und Cyrillus. Vgl. 457. Bouquin war mit dem Juristen Francois Baudouin (Balduinus), von Bourges nach Straßburg gekommen. Über von Sleida vgl. 431. Der italienische Refugiant Geronimo Zanchi war Professor der Theologie in Straßburg seit 1553.

Was heißt Teil haben an Christo?

Sollte ich so unhöflich sein, irgendein Ärgernis, das ich in irgendeiner Sache an dir nehme, stillschweigend zu hegen, statt es durch eine freimütige Aussprache mit dir aus meinem Herzen zu tilgen? Sollte ich, der ich dich aus Erfahrung als aufrichtigen, treuen Freund kenne, irgendeinen schlimmen Verdacht, ohne unvorsichtig zu sein, auch nur aufkommen lassen können? Jedenfalls tust du, hochgelehrter Mann, recht und klug, dass du nichts Derartiges in deinem Sinn sich festsetzen lässest. Ist dir je ein Zweifel an mir gekommen, so ist er zerstört worden, ehe dein Brief in meine Hände kam. Denn du hast erfahren, woher mein Zögern kam. Gewiss, ich habe dir die Sache auseinandergesetzt, wie sie war, höchstens etwa habe ich dir das verschwiegen, dass ich auch deshalb so lange wartete, weil meine Schreibfaulheit mir diesen guten Vorwand vorspiegelte.

Was ich dir versprochen habe, nämlich, ich wollte dir über unser geheimnisvolles Teilhaben an Christo schreiben, das werde ich allerdings nicht so vollständig halten, wie du hoffst; weil ich, obwohl die Sache von großer Wichtigkeit ist, doch glaube, dass sie unter uns gut mit wenigen Worten sich darstellen lässt.

Dass der Gottessohn unser Fleisch annahm, um unser Bruder zu werden, teilhaft der gleichen Natur wie wir, von diesem Teilhaben brauche ich dir nicht zu reden. Denn nur um das Teilhaben handelt es sich, das aus seiner himmlischen Herrlichkeit fließt und uns Leben einhaucht und bewirkt, dass wir in einem Leib mit ihm zusammenwachsen. Ich behaupte aber, sobald wir im Glauben Christum aufnehmen, wie er sich uns im Evangelium darbietet, werden wir wahrhaftig seine Glieder, und Leben strömt in uns ein nicht anders als vom Haupte [in die Glieder]. Denn nicht anders versöhnt er uns durch das Opfer seines Todes mit Gott, als weil unser ist und wir eins mit ihm. So erkläre ich die Stelle bei Paulus, wo er sagt, die Gläubigen seien berufen zur Gemeinschaft mit ihm (1. Kor. 1, 9). Denn das Wort Genossenschaft oder Gesellschaft scheint mir den Sinn dieser Stelle nicht genügend auszudrücken, sondern mir bedeutet sie jenes heilige Einswerden, durch das uns der Gottessohn in seinen Leib aufnimmt, um alles, was ihm gehört, mit uns zu teilen. So schöpfen wir unser Leben aus seinem Fleisch und Blut, so dass es nicht mit Unrecht unsere Nahrung genannt wird. Wie das geschieht, das geht weit über das Maß meines Verständnisses hinaus; das muss ich gestehen. Also ich ahne dieses Geheimnis mehr, als dass ich mich mühe, es zu begreifen; nur das erkenne ich, dass durch die Gotteskraft des Geistes Leben vom Himmel auf die Erde herabströmt, weil das Fleisch Christi weder an sich lebendig machen, noch seine Wirkung zu uns gelangen könnte ohne das unmessbare Wirken des Geistes. Der Geist also ists, der bewirkt, dass Christus in uns wohnt, uns erhält und ernährt und alles das tut, was dem Haupte zukommt. Den krassen Vorstellungen von einer substantiellen Vermischung [unseres Fleisches mit dem Leib Christi] verschließe ich mich, weil es mir durchaus genügt, dass der Leib Christi zwar in seiner himmlischen Glorie bleibt, aber von ihm Leben auf uns herabströmt, nicht anders, als die Wurzel den Zweigen Saft zuführt.

– – Ich komme nun zu zweiten Gemeinschaft mit Christo, die mir als Frucht und Wirkung jener ersten gilt. Denn nachdem Christus uns durch das innerliche Wirken des Geistes mit sich verbunden und in seinen Leib aufgenommen hat, macht er noch eine zweite Wirkung des Geistes offenbar, indem er uns reich macht an Geistesgaben. Dass wir also stark sind im Hoffen und Dulden, dass wir nüchtern und mäßig uns der weltlichen Lüste enthalten, dass wir uns eifrig mühen, die Leidenschaften des Fleisches zu bändigen, dass das Streben nach Gerechtigkeit und Frömmigkeit kräftig in uns lebt, dass uns der Gedanke ans ewige Leben aufwärts zieht, das fließt, sage ich, aus dieser zweiten Gemeinschaft, indem Christus, um nicht müßig in uns zu wohnen, die Kraft seines Geistes in deutlichen Gaben zeigt. Es ist auch gar nicht widersinnig, dass Christus, wenn wir zu seinem Leib gehören, uns seinen Geist mitteilt, durch dessen geheimnisvolles Wirken unser Geistesleben erst entstanden ist, wie ihm denn die Schrift diese beiden Tätigkeiten öfters zuschreibt. Wenn auch die Gläubigen schon am ersten Tage ihrer Berufung in diese Gemeinschaft kommen, so bietet sich Christus, insofern sein Leben in ihnen wächst, sich ihnen jeden Tag wieder zum Genusse dar. Das ist das Teilhaben an Christo, das wir beim heiligen Abendmahl erhalten. Bei jedem andern, den ich belehren sollte, müsste ich ausführlicher darstellen, was ich bei dir nur kurz andeute, um dir zu zeigen, dass wir fast ganz gleicher Meinung sind.

Von deiner Berufung nach Genf wagen wir, falls nicht etwas ganz Neues eintritt, weiter kein Wort mehr zu sagen. Ängstlich wie ich in dieser Sache bin, hat man mich wirklich nie dazu bringen können, dich zur Übersiedelung zu veranlassen, es sei denn, dass du entlassen würdest. Ich hoffe aber, dass dein Wirken Früchte bringe, die es uns leichter machen, dein Fernesein zu bedauern. Die Katastrophe in Eurer kleinen französischen Gemeinde ängstigt mich sehr. Für Garniers Zukunft werden wir uns umsehen, sobald er kommt; doch der Wiederaufbau der erschütterten Gemeinde muss unsere erste Sorge sein. Du kannst, wenn du dich darum bemühst, hoffentlich viel nützen. Von Bouquin habe ich stets gefürchtet, was nun eingetreten ist. Wäre doch Baudouin lieber in Bourges geblieben, als dass er die Herde Christi mit diesem stinkenden Bock verunreinigt hätte! Gib dir also, wie bisher, Mühe, dieses Übel abzustellen, wobei dir jedenfalls die Herren Sturm und von Sleida treulich beistehen werden. Von unsern Verhältnissen kann dir der Überbringer, ein lieber Bruder und Kollege, besser berichten, als ichs in einem Brief tun könnte. Um also eine Wiederholung zu vermeiden, lasse ichs, davon zu erzählen. Lebwohl, hochberühmter, mir stets im Herrn verehrter Mann. Grüße meine Freunde, die Herren Sturm, Zanchi und die übrigen angelegentlich. Auch Herrn Pierre Alexandre möchte ich nicht übergangen wissen; ich wollte nur nichts von ihm schreiben, bis ich etwas Sicheres wusste. Eben ehe ich den Brief versiegle, berichtet mir ein Brief Garniers, dass durch seine [Alexandres] Ankunft die Unruhen zum guten Teil gestillt seien. Könnte doch meine Mitarbeit ihn nützlich unterstützen! Aber wenn er von der Gemeinde gewählt ist, so wird er ihr durch seine maßvolle Art bald ihre Ruhe wiedergeben, denke ich. Der Herr behüte dich stets; er leite dich mit seinem Geiste und gebe dir seinen Segen.

Genf, 8. August 1555.
Dein
Johannes Calvin.

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