Calvin, Jean – An Jean Locquet in Straßburg.

Calvin, Jean – An Jean Locquet in Straßburg.

Am 15. Juni 1555 war in Straßburg Jean Garnier, der Pfarrer der französischen Gemeinde, samt seinen Ältesten, wegen seines Streites mit fünf Gemeindegliedern (vgl. 413, 409) vom Rat abgesetzt worden, und an seine Stelle einstweilen Pierre Bouquin (der „Bock“), ehemaliger Carmeliter-Prior zu Bourges, jetzt theologischer Lehrer in Straßburg, gesetzt worden; doch war bereits der eifrig calvinistische Pierre Alexandre, bisher in Montbeliard, in Aussicht genommen worden. Der im Amt gelassene, im Predigen still gestellte Diakon Garniers Jean Locquet, früher Augustiner-Mönch, hatte Calvin berichtet, dass er bei Bouquin zwar zur Predigt gehe, aber das Abendmahl nicht mit ihm austeile, und gefragt, ob dies Verhalten richtig sei. Pietro Martire Vermigli war damals ebenfalls als theologischer Lehrer in Straßburg.

Über die Schwierigkeiten in der französischen Gemeinde in Straßburg.

Dein Verhalten, lieber Bruder, billige ich, nämlich, dass du dich lieber von dem Bocke scheiden wolltest, als ihn als Hirten anzuerkennen, der gewalttätig und in durchaus unkirchlicher Weise Euch aufgedrängt worden ist. Ich habe Euch meine Antwort nicht, wie du meinst, absichtlich aufgeschoben, sondern nur, weil sich mir seither keine günstige Gelegenheit bot, einen Brief zu senden. Auch dein maßvolles Vorgehen hat mir nicht missfallen, nämlich, dass du einstweilen seine Predigten besuchst, teils um ihn zu beschämen, teils um ihm entgegenzutreten, wenn er in seinem Unrecht weiter ginge. Zufällig traf sichs, dass mir dein erster Brief übergeben wurde, als ich eben in den Konvent meiner Amtsbrüder ging; ich las ihn vor, und als ich deine Klugheit rühmte, pflichtete mir jedermann bei. Tatsächlich hat mich die Botschaft aufs schmerzlichste getroffen, dass die Obrigkeit nach ihrem Gutdünken, um nicht mehr zu sagen, die gesetzlich feststehende Kirchenordnung umgestürzt und die Freiheit unterdrückt hat. Erträglicher und, wie mir scheint, zur Wiederherstellung der Eintracht günstig wäre es, wenn Herr Pierre Alexandre mit Stimmenmehrheit gewählt an die Stelle unseres Bruders [Garnier] käme. Oft hat es mich gewundert, dass man in diesem Zwiespalt nicht zu dem Mittel gegriffen hat, das am nächsten lag und das das passendste und beste gewesen wäre, nämlich dass die Gemeinde dich an seine Stelle gewählt hätte. Doch da das nun einmal nicht geschehen ist, so muss doch jetzt endlich dem Hader ein Ziel gesteckt werden. Dazu wird wohl das Ansehen Herrn Pietro Martire [Vermiglis] am meisten beitragen können, der aus der ihm bekannten Lage heraus am besten beurteilen kann, was gut ist. Könnte ich nur auch etwas dazu tun, ich wollte gewiss keine Mühe sparen und keine Feindschaft scheuen; aber ich befürchtete bisher, und das hält mich auch jetzt noch zurück, meine Gegenwart könnte die Sache noch schwieriger machen. Dann liegt auch nichts weniger in meiner Art, als mich einzumischen. Aber bis dieser Brief zu dir kommt, ist die Sache wohl schon beigelegt. Lebwohl, trefflicher Mann und bester Bruder. Grüße die Freunde von denen du weißt, dass es ihnen Freude macht. Der Herr leite dich auch weiterhin und behüte dich.

Genf, 8. August 1555.
Dein
Johannes Calvin.

Kommentare sind geschlossen.