Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (443)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (443)

Den Ausdruck Artolatrie (Brotanbetung) hatte Melanchthon in seinem letzten Brief von der lutherischen Abendmahlslehre selbst gebraucht.

Calvin dringt auf ein offenes Bekenntnis.

Dein Brief erlauchter Mann, war mir nicht nur darum erfreulich, weil mir alles lieb ist, was von dir kommt, und weil ich daraus sehe, dass in deinem Herzen noch die gleiche Liebe festwurzelt, mit der du mich von Anfang an umfasstest, sondern vor allem deshalb, weil du meinen Eifer in der Bekämpfung der Servetischen Gottlosigkeit mit so reichem Lobe bedenkst, woraus ich auch schließe, dass du durch die schlichte Offenheit meiner Ermahnungen dir gegenüber nicht erzürnt worden bist. Nur das vermisste ich, dass dein Brief nicht länger war; zwar will ich dich nicht unverschämt drängen, aber soweit es erlaubt ist, ohne deinen Frieden zu stören, möchte ich dich doch wieder und wieder gebeten haben, die Fragen, von denen ich dir schrieb, wenigstens still bei dir zu erwägen. Ich setze das Vertrauen auf dich, du werdest dich wenigstens bemühen, dass wir uns über die Gnadenwahl auf eine deutlichere Lehrform als die bisherige einigen können. Deines Herzens innerste Meinung über die Artolatrie war mir schon früher bekannt, und du verhehlst sie ja auch in deinem Briefe nicht. Doch missfällt mir bei dieser Frage deine allzu große Lässlichkeit, durch die der Wahnwitz der Leute, die du sich so stürmisch zur Vernichtung der ganzen Kirche drängen siehst, nicht nur begünstigt, sondern von Tag zu Tag größer wird. Mags dir auch nicht leicht sein, solche Bestien zu bändigen (ich glaube zwar, dass das nicht richtig ist, wenn du es nur wagen wolltest) so weißt du doch, dass unsere Pflicht nicht von der Hoffnung auf Erfolg abhängen darf, sondern dass wir tun müssen, was Gott von uns fordert, selbst in der verzweifeltsten Lage. Auch deine Entschuldigung genügt mir nicht, die Übelgesinnten, die dich wegbekommen möchten, könnten darin einen guten Anlass finden. Was sollen Knechte Christi anders tun, als den Neid verachten, böses Geschwätz nicht anschlagen, alle Angst vor Gefahren hintansetzen und so alle Hindernisse, die der Satan in den Weg legt, mit sieghafter Festigkeit überwinden? Gewiss droht dir doch von ihnen, so sehr sie auch wüten mögen, nichts Schlimmeres, als dass du Wittenberg verlassen müsstest. Meines Erachtens hättest du manchen Grund, dir das von dir aus sogar zu wünschen. Aber wäre selbst das Schlimmste zu befürchten, so musst du dir doch einmal klar machen, was du Christo schuldig bist, damit du nicht ein offenes Bekenntnis der Wahrheit unterlässest und dadurch bösen Menschen stillschweigend sozusagen deinen Schutz gewährst zur Unterdrückung der Wahrheit. Ich habe, um ihrem Lärm Schweigen zu gebieten, die Hauptsache unserer Lehre wieder in einer kurzen Schrift dargestellt; alle Schweizer Kirchen haben dazu ihre Unterschrift gegeben; die Zürcher haben die Sache ganz außerordentlich unterstützt. Nun warte ich sehr gespannt auf dein Urteil, und begehre auch sehr zu wissen, was Eure andern Leute davon halten und sagen. Hören die, die uns so feindselig heruntermachen, nicht auf mit ihrem Lärm, so werden wir dann dafür sorgen, dass die ganze Welt auch uns schreien hört. Lebwohl, erlauchter, hochverehrter Mann. Der Herr leite dich mit seinem Geiste, behüte dich mit seinem Schutz und halte dich aufrecht in seiner Kraft, zugleich erhalte er uns in heiliger Eintracht, bis er uns in seinem Himmelreich zusammenführt.

5. März 1555.

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