Calvin, Jean – An Professor Martin Sidemann in Erfurt.

Calvin, Jean – An Professor Martin Sidemann in Erfurt.

Von Luthers Nachbetern.

Dass sich dir ein Bote angetragen hat, durch den du mir bekannt wurdest, freut mich. Dein Brief, der ja voll Freundlichkeit war, hat mir sehr wohlgetan. Vor allem war es mir lieb zu hören, dass du nicht zu denen gehörst, die ihr Ungestüm so hinreißt, oder die ihr Trotz und Eigensinn so gefangen hält, dass sie nichts, was von Genf kommt, annehmen, weil wir dem, was die Sachsen wollen, nicht beipflichten. Je weiter aber diese Sucht um sich greift, umso mehr Lob verdient dein maßvolles Verhalten, dass du dich nämlich allein der Wahrheit verpflichtest und frei von törichtem Vorurteil, recht und ohne Geringschätzung abwägst, was die Wahrheit ist. Lebte doch Luther heute noch! Obwohl er ja in der Sakramentsfrage in seiner Heftigkeit auch stets das Maß überschritt, so ists doch kein Vergleich mit der maßlosen Verrücktheit dieser Leute. Wenn sie bis zuletzt unversöhnlich bleiben, so kommts schließlich so, dass sie uns durch ihren ganz unerträglichen Trotz bei allen vernünftigen, anständigen Menschen in Gunst bringen, die jetzt im Schrecken noch kein klares Urteil über die Frage abzugeben wagen. Da sie nämlich keinen von Luthers tatsächlichen Vorzügen besitzen, so geben sie sich mit umso mehr Geschrei als seine echten Schüler aus; aber solche Nachahmer sind nicht viel besser als Affen. Bei ihrer Unwissenheit und Unbildung ist nichts ekelhafter als ihr Hochmut. Wenn sie selbst Philippus [Melanchthon] nicht verschonen, so liegt ein Teil der Schuld allerdings an ihm selbst, weil er bisher ihre Angriffe noch nie mutig zurückgewiesen hat. Jetzt ists zwar fast zu spät, das noch gut zu machen, aber er muss doch einmal sich mit Mannesmut rüsten; das wird die beste Art sein, ihre Bosheit zu brechen. Ich habe ihn eben in einem kurzen Brief ersucht, ob er nicht etwa ihre Wut dämpfen wolle. Erreiche ich damit nichts, so muss ich, das sehe ich, kräftiger dreinschlagen. Es ist ja schmerzlich, dass im Schoß der Kirche selbst solche Händel entstehen; aber wenn sie um nichts solchen Lärm anfangen, so wird’s entschuldbar sein, wenn wir zum Schutz der Wahrheit kämpfen. Lebwohl, trefflicher Mann und hochverehrter Bruder. Der Herr sei stets mit dir; er leite und behüte dich.

Genf, 14. März 1555.
Dein
Johannes Calvin.

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