Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Straßburg.

Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Straßburg.

Weggelassen sind zwei Erörterungen theologischer Natur. „Euer Pfau“ ist Dr. Marbach, der lutherische Hauptpfarrer in Straßburg, der „gottselige Bauch“, der seinerzeit als Lutheraner von Bern vertriebene, jetzt in Straßburg amtierende Beat Gerung. Celso di Martinengo, der Pfarrer der italienischen Gemeinde in Genf. Vermigli nahm den Ruf nach Genf nicht an, folgte aber im folgenden Jahr einem solchen nach Zürich.

Erwiderung auf die Ausstellungen an der Schrift gegen Westphal. Vermiglis Berufung nach Genf.

Unser Tremellius hat deinen Brief, um ihn mir, wie man sagt, von deiner Hand direkt in meine zu legen, lange bei sich behalten. Die Verzögerung richtete aber weiter keinen Schaden an, als dass ich dir erst spät darauf antworte. Denn dass ich die Stellen meiner Schrift, die du anmerkst, nicht geändert habe, hat in anderm seinen Grund, als in der Säumigkeit deines Boten. Zwar ist deine Warnung vor der Gefahr zweideutiger Ausdrücke recht klug und das Beispiel Butzers, den du dazu anführst, dafür ganz passend. Nur müsste unsere Stellung sich dann auch gleichen; ich brauche dir aber wohl gar nicht auseinanderzusetzen, wie groß der Unterschied ist. Denn Butzer gab sich, um den Trotz Luthers und seinesgleichen zu erweichen, mit solcher Untertänigkeit selbst preis, dass er in einzelnen Worten ganz unklar blieb. Ein weiterer Grund, der ihn zwang, bestimmten Ausdrücken aus dem Weg zu gehen, war, dass er nicht ganz aufrichtig die Schmach seiner früheren unklugen Äußerungen verdecken wollte, wie er selbst es oft von mir hören musste. Denn ich glaube, es gibt keinen Menschen, außer mir, der ihn in dieser Beziehung freimütiger und auch schärfer ermahnt hat, dass er es doch einmal wagen sollte, ehrlich und ohne Umschweife zu bekennen, was er für wahr halte. Er aber, darauf versessen, die Sachsen zu versöhnen, rückte nie damit ans Licht. So kams, dass er Himmel und Erde durcheinander brachte [in seiner Abendmahlslehre]. Ich aber habe weder mir Himmelsräume ausgeheckt, die zugleich auf Erden sind, noch einen unendlichen Leib Christi dazu erdichtet, noch mache ich aus den Einsetzungsworten des Herrn eine verdrehte Redefigur, um herauszubringen, dass das Brot seinen Leib enthalte, noch rede ich in gewundenen Worten vom wirklichen Essen des Leibes Christi. Vielmehr versuche ich, in dunkle Fragen Licht zu bringen, Zweifelhaftes lege ich durch unterscheidende Begriffe bestimmt aus, und all die widersinnigen Erfindungen, deretwegen unsere Gegner bisher mit uns stritten, lehne ich ausdrücklich ab. Ich habe mir gar nicht vorgenommen, meine Ausdrücke denen zu lieb zu ändern, die ich als ganz unversöhnlich kenne, und mit denen ich offen im Kampf liege.

– – Übrigens freut mich deine Offenheit zu sehr, als dass du nötig gehabt hättest, den auf meinen Wunsch übernommenen Liebesdienst [deiner Kritik] so sehr zu entschuldigen. Vielmehr müsste ich um Verzeihung bitten, dass ich deinem Rat nicht gefolgt bin, doch verlasse ich mich im Vertrauen auf deine Freundlichkeit darauf, sie werde nicht schwer zu erlangen sein. Denn weder allzu großes Selbstbewusstsein noch Ärger hätten mich gehindert, widerspruchslos das einzuschalten, was du für notwendig hieltest. Da mir aber der bestimmte Wille der Zürcher schon kund geworden war, so wollte ich mich in acht nehmen, dass nicht eine Änderung uns die Basler wieder ungnädig stimme; denn auch den Zürchern war das nicht verborgen, dass man Sulzer und einige seinesgleichen, die nur zu sehr zu den Sachsen neigen, sehr sanft behandeln müsse. Aber, – meinst du, – man durfte doch weder der Unvorsichtigkeit noch dem Eigensinn irgendeines Menschen nachgeben, sondern ich musste die wahre Lehre rein und ohne Verstellung bekennen. Gut, aber ich sehe wirklich keine Gefahr, als könnte mir jemand zweideutige Rede vorwerfen, oder es könnte den Gegnern durch meine Ausdrücke der Kamm schwellen. Weil aber Euer Pfau seinen Hochmut neulich durch sein Schweigen [auf meinen Brief] verraten hat, so wusste ich nicht, ob es gut sei, ihn nochmals zu rütteln. Da es nun aber nach deinem und Herrn Sturms Urteil nichts schaden kann, die Gesinnung aller [Straßburger Pfarrer] auf die Probe zu stellen, so habe ich ein kurzes Brieflein diktiert, das vielleicht eine Äußerung aus ihnen hervorlockt. Ich überlasse es Eurem Urteil, ob Ihr es abgeben oder unterdrücken wollt. Ich wollte nur mein Teil getan haben. Denn wenn ich auch bei dem Erwähnten und bei dem gottseligen Bauche nichts ausrichte, so sind doch vier oder fünf im Kollegium, die uns jedenfalls nicht abgeneigt sind, wie ich glaube.

Ich war eben so weit mit Schreiben gekommen, als man mir deinen zweiten Brief brachte und einen andern von Herrn Johann von Laski, von dem mich wundert, dass er so lang unterwegs aufgehalten wurde. Der gute Mann beklagt sich, er werde von Gegnern, die sich auf mich beriefen, schlimm bedrängt; ich kann mir nicht denken, dass er das zu einem andern Zweck tut, als um mich zu seiner dogmatischen Ausdrucksweise zu bringen, und das kann nicht sein. Da er sich erlaubt, einfach abzulehnen, was wir nach der Schrift über die Gnadenwahl Gottes lehren, so darf er sich doch nicht beschweren, wenn wir nicht annehmen, was er ohne überzeugenden Beweis vorbringt. – – –

Ich fürchte ein wenig, er steigert, verlockt durch ein paar treffende Formeln, durch die allzu scharfe Fassung seiner Ausdrücke nur den Eigensinn unserer Gegner. Das vertraue ich dir allein an. Ich wünschte, wenns möglich wäre, sollte den Feinden aller Anlass genommen werden, es zu weit zu treiben. Feinde kann ich ja die nicht ohne bittern Schmerz nennen, die unsere Brüder sein sollten. So gut es sein mag, ihren Trotz herzhaft abzuweisen, so wünschte ich doch, wir hielten in unserer Lehrart solche Mäßigung inne, dass, wenn sie dann noch auf ihrem Eigensinn beharren, es bei allen billig und vernünftig Denkenden die höchste Entrüstung wachrufen müsste. Melanchthons wegen bin ich so ängstlich nicht. Es kann sein, dass er einem nicht ganz diskreten Freund meinen Brief selbst gezeigt hat; wenn ihn dieser Brief betroffen gemacht hat, so ists ganz gut. Denn er enthielt sicher nichts, das geschrieben zu haben mich reute. Herrn Sturm aber pflichte ich bei, wenn er wünscht, Melanchthon sollte irgendwie aus seiner Umgebung herausgezogen werden können. Er sieht selbst ein, dass das für ihn wünschenswert wäre. Doch hin und her gezogen von mancherlei andern Erwägungen wird er selbst sich nie losmachen, wenn er nicht von anderswoher herausgerissen wird.

Doch jetzt ist eher bei dir von einem Ortswechsel zu reden, denn diese Sache ist weiter gediehen. Als unser Celso hörte, die hier lebenden Italiener wünschten dich herbei, um deiner Gelehrsamkeit wie um deiner Frömmigkeit willen, da schloss er sich nicht nur gerne ihrem Wunsche an, sondern wurde sogar zum eifrigen Förderer der Sache. Man zögerte nicht lange. Die ganze italienische Gemeinde beschloss, dich zu bitten, wenn du frei seiest, diese Stellung an ihr zu übernehmen. Ich werde von ihnen gebeten, bei dir dafür ein gutes Wort einzulegen, und nichts tue ich lieber. Auch täte ich es nicht erst jetzt, wenn vorher auch nur auf eine mittelmäßige Besoldung hinzuweisen gewesen wäre. Der Tiefstand unserer Staatskasse trug die Schuld, dass ich dir nichts anbieten konnte, da die Stadt selbst ihren Pfarrern kaum genug zum Leben gewährt. Wenn aber auch, was die italienischen Brüder zusammenlegen wollen, keine hohe Besoldung abwirft, so weiß ich doch, dass das dich jedenfalls nicht hindert, unsern Bitten zu folgen. Darum dreht sich die ganze Verhandlung, ob du deine jetzige Stellung verlassen darfst. Der heiße Wunsch, du möchtest kommen, den ich in mir spüre, macht, dass meine Ansicht darüber mir selbst etwas verdächtig ist. Klug, wie du bist, erkennst du gewiss aus deiner gegenwärtigen Lage, was sich zu tun empfiehlt, so dass du fremden Rat nicht brauchst. Fühlst du dich aber in Straßburg nicht so fest verpflichtet, dass du nicht ruhig weggehen dürftest, so mach dir keine Bedenken, dem Ruf nach Genf zu folgen. Denn wir sind ebenso fest davon überzeugt, dass es von Nutzen sein wird, wenn du kommst, als dass der Herr selbst uns diesen Gedanken gegeben hat. Es ist zwar eine kleine Herde, aber eine so auserlesene, dass ich glaube, man darf in ihr die schönste Blüte Italiens sehen. Auch brauchst du nicht zu fürchten, die Eifersucht eines Kollegen werde dir zu schaffen machen. Von unserm Celso verspreche ich dir, dass er nach seinem milden Charakter dir ein ebenso gefälliger als treuer Helfer sein wird, und du wünschest ja nichts mehr, das weiß ich, als auch ihn, an dem du die Anhänglichkeit eines Kindes sehen wirst, in aller Freundlichkeit und Bescheidenheit als Bruder zu betrachten. So erübrigt uns nur, abzuwarten, was dir dein Gewissen erlaubt. Denn wir wagen es nicht, dich zu berufen, es sei denn, dass du frei bist, besonders da dich der Herr zu Straßburg in ehrenvollem Amte mit Nutzen braucht.

Da den Deutschen ihre Waffen bisher so wenig Erfolg gebracht haben, so wunderts mich nicht, dass sie ihre Entwaffnung gar nicht als Verlust empfinden. Ja, da ihre eigene Trägheit sie schon früher den Schutz Gottes verscherzen ließ, so zweifle ich nicht daran, dass sie vom Herrn jetzt wie betäubt sind, so dass sie sich zu ihrem eignen Verderben verschwören. Eurer kleinen französischen Gemeinde, die zwar noch nicht Frieden, aber doch mehr Ruhe gefunden hat, wünsche ich dazu Glück. Lebwohl, hochberühmter Mann und sehr verehrter Bruder. Herrn Sturm und Sleidan viele Grüße. Der Herr fahre fort, Euch zu leiten und zu behüten und auf jegliche Weise zu segnen.

Genf, 18. Januar 1555.
Ganz der Deine
Johannes Calvin.

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