Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (347).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (347).

Neben den Händeln mit Trolliet usw. war der Sommer 1552 reich an Intrigen der Gegner Calvins; besonders wandten sich die Alt-Genfer gegen die Einwanderung der französischen Refugianten; sie wurden als zur Französisierung Genfs abgesandt betrachtet, und aus den Unterstützungen, die den Armen unter ihnen zuteil wurden, mag das Gerede über französische Fonds in Genf entstanden sein. Pierre Vandel (vgl. 203) war ein Führer der Gegner Calvins. Viret hatte im September gegen Berthelier, einen andern Führer, geklagt, und der Rat hatte ihm Hilfe versprochen; doch schien die Behörde Calvin viel zu lau. Virets Angelegenheit war ein Streit zwischen Bern und Lausanne über Disziplin. Weggelassen ist eine undurchsichtige Notiz über einen Brief Garniers, des französischen Pfarrers in Straßburg.

Calvin als Verräter Genfs beschuldigt.

Wenn ich zuweilen nicht schreibe, weil nichts Schreibenswertes vorliegt, so hat mich in diesen Tagen eine über meinen Wunsch reiche Fülle an Stoff gar nicht zum Schreiben kommen lassen. Denn ich wollte lieber die überaus traurigen Sorgen, die mich quälen, allein verwinden, als Erleichterung darin suchen, dass ich dich damit belästigte. Freilich, auch wenn ich einen Teil der Last auf dich abwälze, so wird mirs dadurch nicht leichter, sondern das Übel wird eher noch schwerer. Rechne noch dazu, dass schon das Schreiben die Erinnerung wieder wachruft und die Wunde wieder schmerzhaft macht. Ich wusste, dass meine Feinde schon seit vier Monaten im geheimen Stoff sammelten zu einer Intrige, womit sie bei den nächsten Wahlen, die für die Stelle eines Stadtrichters im November stattfinden sollen, einen Brand schüren wollten. Bernard hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Doch war uns die Beschuldigung, mit der sie uns angreifen und zugleich vernichten wollten, unbekannt. Jetzt hat der Herr sie schon vorher ans Licht gezogen. Sie streuten in den Wirtschaften das Gerücht aus und sprechen auch im Rathaussaal schon laut davon, es seien bei drei Franzosen in Genf 4000 Gulden niedergelegt worden als Lohn des Verrats der Stadt [an Frankreich]. Sie spielten auf die drei Armenpfleger an, von denen der Herr zum großen Schmerz aller Frommen de Tilliac neulich zu sich heimgerufen hat. Vandel schämte sich nicht, vor dem Rat zu behaupten, es seien 300 000 Gulden. Sie haben sich aber getäuscht; denn ihr Feuer ging gleich in Rauch auf, während sie gehofft hatten, mit dieser furchtbaren Anklage einen Brand zu erregen, der uns in einem Augenblick verzehren sollte. Nichtsdestoweniger treiben sie ruhig ihren Übermut weiter, weil sie sehen, wie feig die sind, die hätten helfen sollen und es auch ohne Mühe hätten tun können, wenn sie nur ein Fünklein Mannesmut hätten. Was sollten die Böswilligen nicht wagen, wo alle Übeltaten straflos bleiben? Doch bald, hoffe ich, wird unser Rächer da sein – Christus. Was man Viret versprochen hat, daran denkt man nur noch sehr kühl. Ich mühe mich zwar redlich, ihr Gedächtnis aufzufrischen; aber man treibt sein Spiel mit uns. Es wäre also besser, Viret käme selbst wieder. Doch wäre es gut, vor dem Martinstag, an dem die Feinde ihr verzweifelter Sinn zur Raserei treiben wird, wenn man ihnen nicht entgegentritt. Übrigens hat er sonst genug zu tun, und die Angelegenheiten, die er in Händen hat, sind mir so wichtig, dass ichs für Unrecht hielte, ihm ein Hindernis in den Weg zu legen oder ihn nur ein bisschen aufzuhalten. Vielmehr schäme ich mich eigentlich, dass er in seinen Schwierigkeiten von mir nicht mehr Trost empfängt, als wenn ich im Grabe läge. Wenn ich also auch noch so sehr wünschte, du möchtest uns durch deine Gegenwart aufrichten, so wird mans doch auf später hinausschieben müssen, denn es wäre nützlicher, Ihr könntet beide zugleich hier sein. – –

– – Lebwohl, trefflichster, allerliebster Bruder. Grüße den edeln Herrn de Dommartin, deinen Kollegen und die übrigen Freunde. Der Herr behüte Euch mit seinem Schutze, mache Euch reich mit den Gaben seines Geistes und segne Euch in allem.

Genf, 26. Oktober 1552.
In Treuen dein
Johannes Calvin.

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