Calvin, Jean – An Eduard VI., König von England.

Calvin, Jean – An Eduard VI., König von England.

Über die religiösen Pflichten des Königs.

Sire, wiewohl ich fürchten muss, Ihnen lästig zu werden, und deshalb mich auch öfteren Schreibens enthalte, so nehme ich mir jetzt doch die Freiheit, Ihnen eine kurze, von mir verfasste Auslegung des 87. Psalms zu senden, in der Hoffnung, dass Sie Gefallen daran finden und die Lektüre Ihnen recht nützlich sei. Als ich diesen Psalm eines Tages in der Predigt behandelte, schien mir der Stoff so passend für Sie, dass ich mich gleich entschloss, die Hauptsache so aufzuschreiben, wie Sie sehen, wenn Ihre Majestät geruht, nur ein Stündlein Zeit daran zu wenden. Freilich habe ich den Stoff allgemein und ohne bestimmte Anwendung auf Ihre Person behandelt, aber da ich beim Schreiben nur an Sie dachte, so werden Sie es tatsächlich nach Ihrer Klugheit auf sich anwenden und im Inhalt eine für Ihre Majestät sehr nützliche Lehre und Unterweisung finden können.

Sie wissen, Sire, wie groß für Könige und Fürsten die Gefahr ist, dass die Höhe, zu der sie erhoben sind, ihre Augen blende, und dass es ihnen hier auf Erden allein behage, so dass sie darüber das Himmelreich vergessen. Und ich zweifle nicht daran, dass Gott Sie vor diesem Übelstand zu Ihrer Bewahrung so gewarnt hat, dass sie ihn hundertmal mehr bedenken, als die, die ihn tragen, ohne es zu merken. Nun ist in diesem Psalm die Rede von Adel und Würde der Kirche, wodurch Große und Kleine so hingerissen werden sollen, dass alle Güter und Ehren sie nicht aufhalten, noch hindern, zu streben nach dem Ziel der Zugehörigkeit zu Gottes Volk. Es ist etwas Großes, König zu sein, besonders über ein Land wie das Ihre, doch zweifle ich nicht daran, dass Sie es unvergleichlich höher schätzen, ein Christ zu sein. So ists ein unschätzbarer Vorzug, den Gott Ihnen, Sire, verliehen hat, ein christlicher König zu sein, d. h. ihm als Statthalter dienen zu dürfen zur Aufrechterhaltung des Reiches Jesu Christi in England. Zum Dank für dieses außerordentliche Gut, das Sie von seiner unendlichen Güte empfangen haben, müssen Sie nun umso eifriger sein, all ihre Kraft darauf zu wenden, dass er geehrt und ihm gedient werde, und müssen Ihren Untertanen ein Beispiel geben der Huldigung vor diesem großen König, indem sich Ihre Majestät nicht schämt, sich in aller Demut und Ehrfurcht dem geistigen Zepter seines Evangeliums unterzuordnen. Wenn Sie das bisher so getan haben, dass wir den lieben Gott nur dafür preisen können, so wird dieser Psalm Ihnen stets zur Stärkung und zum Schilde dienen. Indessen bitte ich, Sire, dass das kleine Schriftchen mir als Ausdruck und Zeugnis diene für den guten Willen, Besseres zu leisten, wenn ich Anlass dazu habe.

Mich untertänigst Ihrer Gewogenheit empfehlend, Sire, bitte ich den lieben Gott, er möge Sie erfüllen mit den Gaben seines heiligen Geistes, Sie führen in aller Klugheit und Tapferkeit, und Sie glücklich sein und gedeihen lassen zur Ehre seines Namens.

Genf, 4. Juli 1552.

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