Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (192).

Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (192).

Francois Favre war wegen Ehebruchs vom Konsistorium exkommuniziert worden. Der Rat, indem die Anhänger Favres und Perrins die Mehrheit hatten, bestritt die Kompetenz des Konsistoriums dazu; drei Monate lang wurde darüber gestritten. Viret sollte als Vermittler nach Genf kommen. Claude Roset war Stadtschreiber. Das scharfe Urteil über Jean Petit ist im Original giechisch; der Popanz ist natürlich Perrin. Viret war seit November 1546 wieder verheiratet.

Bitte um Vermittlung in Genfer Streitigkeiten.

Ich bin unschlüssig, ob du kommen sollst. Roset hat, soviel ich höre, übertrieben in seiner Darstellung, wie nötig es sei. Freilich, nicht er allein sündigt durch Übertreiben. Denn der ganze Rat macht viel Lärm um nichts. Unter der ganzen Schar sehe ich keinen, auf den ich mich verlassen kann. In einer guten, greifbar klaren Sache haben sie keinen Mut. Wie Kinder sind sie alle und lassen sich durch lächerliches Kopfschütteln erschrecken, wenn ein nichtsnutziger Mensch tut wie ein Verrückter. Ich kämpfe nicht für mein Wohl, sondern für das des Staats, um das es geschehen ist, wenn ich weg bin. Gebe ich nicht nach, so stürzt notwendig das ganze Sittengericht zusammen. Ja, sie führen sich so auf, dass sie einem täglich einen Notschrei in der Predigt abnötigen. Übrigens hätten mich Rosets Bitten an dich wenig gerührt. Jetzt hat mir aber unser Bruder de St.-Andre gemeldet, unser Komödien-Cäsar und einige andere derselben Partei hätten sich angelegentlich erkundigt, ob du nicht gleich kämest. So sehe ich, dass viele dein Kommen wünschen, andere es erwarten, weil sie wissen, dass man dich berufen hat. Mir berichtet niemand vom Rat treulich, allein Michel ausgenommen. Aber der ist weder sehr scharfsichtig, noch wird er zur engeren Beratung beigezogen. Jean Petit bietet sich mit dem besten Willen an, aber an dem ist ja nichts vernünftig. Außer diesem ist keiner, der zu mir kommt. Corne ist mir durch allerlei nicht unbedenkliche Vermutungen verdächtig geworden. Ich habe ihn zwar gern, aber er lässt einem kein Vertrauen zu ihm fassen. Erstens ist er ängstlich, zweitens argwöhnisch, schließlich verehrt er jenes Gespenst und Popanz geradezu. Alle, die die Sache gern ohne Unruhe beigelegt sähen, hoffen, du werdest ein guter Friedestifter sein. Selbst die Gegenpartei wünscht dich herbei, und ich vor allen, damit du sehen, urteilen und ausführen kannst, was du für nötig für die Kirche hältst. Aber zieh unsern elenden Zustand in Betracht. Neulich hörte Farel sagen, ungeschickt sei es gewesen, dass er sich zu mir hin gewendet habe, weil nichts getan werden könne, wenn er nicht von mir getrennt sei. Mir wäre ganz gewiss nichts angenehmer, als wenn hier alles von dir glücklich durchgeführt würde, und wenn ich dabei ins Pfefferland verbannt würde. Aber diese Maßregel würde wohl dir nicht weniger missfallen als mir. Und doch ist sie das, was von denen, die für die Gemäßigten gelten wollen, dir vorgeschrieben wird. Doch damit du meine Meinung in einer so verworrenen Sache weißt: wenn du nächsten Dienstag hier sein und bis Montag bleiben könntest, so tätest du, scheints mir, etwas, was der Mühe wert wäre. Müßtest du aber schon bälder heimreisen, so rate ich dir nicht dazu, dir umsonst so viel Mühe zu machen. Wenn dir Eure kirchlichen Verhältnisse nicht erlauben, so rasch zu kommen, so will ich nichts sagen. Aber wäre ich an deiner Stelle, ich wüsste, was ich täte. Doch will ich nicht, dass du dich bloß nach meiner Meinung richtest. Lebwohl, liebster Bruder und Freund, samt deiner Frau und den Kollegen, die du alle von mir grüßen sollst. Herr de Falais lässt dir herzlich danken, und auch mir, dass ich dich zur Reise veranlasste.

27. März 1547.
Dein
Johannes Calvin.

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