Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich. (188)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich. (188)

Bullinger hatte Calvin sein Werk über die Sakramentslehre zur Begutachtung mitgegeben. Aus der sehr ausführlichen und ins kleine gehenden Kritik seien nur die Hauptpunkte angeführt, die Calvins Abendmahlslehre sowie seinen Amtsbegriff zeigen.

Über die Auffassung vom Abendmahl und vom geistlichen Amt.

Gnade sei mit dir und Friede von Gott unserm Vater und Herrn Jesu Christo, im Herrn hochverehrter Bruder.

Dein Buch habe ich gelesen, sobald ich heim kam. Das Stillschweigen darüber, das du von mir verlangt hast, werde ich in guten Treuen halten bis aufs äußerste. Zweifle nicht daran. Die Kritik, die ich dir hier vorlege, wird hoffentlich deine Billigung finden. Ich wünschte freilich außerordentlich, einmal mit dir darüber sprechen zu können. Geht es nicht, so bitte ich dich, meine Freiheit in der Kritik gut aufzunehmen, auch wenn ich sie ohne dein Geheiß übte. Denn da ich fest glaube, dass du mich für deinen Freund hältst, wäre es ja schon Pflicht der Höflichkeit, das gern anzunehmen, was, wie du weißt, von einem aufrichtigen Freund kommt. Nun aber, da mich nichts dazu bestimmte, als der Wunsch, dir zu gehorchen, hoffe ich, dass dir mein kritischer Liebesdienst eher angenehm sein wird, als dass er dich beleidigt. Ich habe jedes Kapitel kurz durchgenommen, weil ich es für überflüssig hielt, in längeren Ausführungen mit dir zu verhandeln. So möchte ich nicht, dass du es so auffassest, als schreibe ich dir so knapp nach Art des Zensors, sondern, dass du es mehr unserer Freundschaft zuschreibst, dass ich mich mit einem Fingerzeig begnüge, dir anzudeuten, was ich vermisse. Ich will nicht lang mit dir disputieren, sondern dich nur erinnern, damit du in deiner Klugheit die Sache noch einmal bei dir erwägest. – – –

Im zweiten Kapitel will mir nicht gefallen, dass du das Wort Sakrament als Ausdruck aus dem Militärwesen angibst. Wohl gebe ich zu, dass Taufe und Abendmahl in gewisser Beziehung dem Fahneneid der Soldaten entsprechen. Aber du suchst ja die Grundbedeutung, in der die ältesten Autoren dieses Wort brauchen. Da sehe ich nun, dass von Anfang der Kirche an die Lateiner gleich Sakrament nennen, was bei den Griechen Mysterium heißt. Auch der alte Bibelübersetzer braucht es öfters in dieser Bedeutung, und zwar im alten wie im neuen Testament. Bei den andern Schriftstellern ist kaum ein anderes Wort so oft gebraucht. So ist es, meine ich, gar nicht mehr strittig, dass früher Sakrament soviel geheißen hat wie Mysterium. – – –

Ich sage, das Abendmahl ist die Erinnerung an eine gegenwärtige Tatsache. Man wendet ein, Erinnerung sei aber nur von nichtgegenwärtigen Dingen möglich. Das ist kein Widerspruch. Nicht gegenwärtig ist nämlich Christus im Abendmahl für die Augen, für alle körperliche Sinnesempfindung, für das Räumliche. Denn sein Leib ist im Himmel, das Abendmahl aber wird auf Erden abgehalten. Das ist weit auseinander. Aber gegenwärtig ist Christus für das fromme Herz durch die Kraft seines Geistes, weil die räumliche Trennung ihn nicht hindert, die Seinigen in wunderbarer Weise zu weiden. Denselben Sinn hat auch das Wort des Paulus: Feiert den Tod des Herrn, bis dass er kommt. [1. Kor. 11, 26] Denn weder steigt Christus vom Himmel zu uns hernieder, noch kann man ihn mit den Augen sehen, sondern nur im Glauben ist er bei uns. So besteht kein Widerspruch zwischen seiner geistigen Gemeinschaft mit uns und seinem letzten Kommen. Und nichts steht dem im Weg, dass Christus wesentlich d. h. er selbst in Wirklichkeit sich uns zeigt, und dass wir doch auf sein Kommen warten am Tage der Auferstehung, weil er im Himmel bleibt. Etwas weiter, wo du die tadelst, die unter dem Himmel keinen Ort, sondern einen Seinszustand verstehen, stimme ich dir zwar in der Sache selbst zu, aber ich möchte doch, du gingest etwas sanfter mit ihnen um. – –

Im selben Kapitel stößt es mich etwas, dass du die Gleichnisrede, die im Sakrament liegt, einfach den Bildern der profanen Sprache vergleichst. Zwar leugne ich nicht, dass eine gewisse Ähnlichkeit besteht; aber es hätte gleich auch die Verschiedenheit betont und die einzelnen Stufen dieser Verschiedenheit angegeben werden müssen. Denn wo ist zum Beispiel in einem Bild des Kaisers der Geist, der es selbst gewissermaßen lebendig macht, so dass es dadurch wirksam wird in unserem Herzen? Ich weiß, dass viele gute Leute von Zwinglis Lehre nichts wissen wollten, weil dieser Vergleich so oft darin wiederkehrte ohne die nötige Berichtigung. Denn daraus schlossen sie dann, es werde aus dem Abendmahl ein Theaterschauspiel. Auch Melanchthon gehört zu diesen Leuten. – – –

– Um kurz zu sein, will ich andere Beispiele übergehen und nur das eine hervorheben: Das ist mein Leib, für Euch gegeben. Du behauptest, das Brot sei ein Symbol. Das meinen wir auch. Du leugnest aber, dass uns damit auch wirklich der Leib Christi dargereicht werde. Ich nehme dagegen gerade das an. Du meinst, der Knoten lasse sich auflösen, wenn man bildliche Redeweise annehme. Das gebe ich aber nicht zu. Denn ein leeres Symbol kann von Gott nicht ausgehen. So stellt das Brot nicht nur dar, dass der Leib Christi einmal für mich geopfert worden sei, sondern er wird mir auch heute noch zur Speise geboten, von der ich lebe. Wirklich religiös müssen wir die Worte verstehen: Nehmet, esset! Deshalb redet Paulus ja auch von Gemeinschaft mit Christo. – – –

Namentlich bestreitest du ja das, dass wir sagen, Gott wirke zwar allein, aber durch Vermittlung der Sakramente und seiner Diener. Ja, du begnügst dich dabei nicht, uns einfach zu tadeln, sondern du fährst heftiger über uns her, als es zu deiner maßvollen Art passt. Vielleicht ist es dir gar nicht in den Sinn gekommen, dass du mit dem bösen Verdacht, den du unsrer Lehre so gehässig anhängst, mich persönlich triffst. Oder was sonst? Darauf zielt doch deine Rede und das will sie, dass jeder, der so lehrt, wie mich mein Gewissen zu lehren zwingt, den schimpflichen Tadel erhält, er maße sich eine Tyrannei über die Seelen an.

Indem du uns zur Schrift zurückrufst, erreichst du meines Erachtens nur, dass jedermann sieht, es steht in der Schrift, was wir nach deiner Aussage Falsches, Gefährliches lehren. Die Schrift lehrt, dass die Diener am Wort die Menschen zur Wiedergeburt bringen, die Herzen zu Gott bekehren, die Sünden vergeben. Wende diese Stellen hundertmal hin und her; eine richtigere und passendere Auslegung findet sich nicht als die: Gott, dem alles zu eigen ist, handle durch seine Diener als durch seine Werkzeuge. Warum wird denn sonst die Kirche eine Mutter aller Gläubigen genannt, als darum, weil Gott uns durch das kirchliche Amt wiedergebiert? Weshalb wagt es ein Diener am Wort, sich den Vater der Gemeinde zu nennen, der er vorsteht, als darum, weil Gott seine Arbeit dazu braucht? Oder soll Paulus uns etwa einer angemaßten Seelentyrannei verdächtig sein, weil er sagt, dem Timotheus sei die Gnade Gottes übertragen worden durch seine Handauflegung [2. Tim. 1. 6]? Sicher überträgt Paulus hier nicht etwas auf sich, was er Gott geraubt hätte. Denn Gott macht er zum Geber der Gabe, sich aber nur zum Diener.

Was ich neulich den Dienern am Wort in der Berner Kirche sagte, wiederhole ich nun bei dir: In zweierlei Weise redet der heilige Geist von den Dienern am Wort. Einmal zieht er in Betracht, was sie aus sich vermögen, und da entkleidet er sie aller Macht. Dahin gehört das Wort: Der da pflanzet ist nichts [1. Kor. 3, 7] usw. Ein Diener am Wort ist also, getrennt von Gott, nichts. Ein andermal aber fasst der Geist seine Wirksamkeit zusammen mit ihrem Dienst, und dann schmückt er sich mit herrlichen Lobsprüchen, durch die aber keiner übermütig werden darf, als ob er etwas sei. Beides findet seinen vollen Ausdruck im dritten Kapitel des zweiten Korintherbriefs, wo Paulus sein Apostelamt so prächtig preist, weil er sich nicht trennt vom Geiste Gottes, oder besser, weil er (wie er es anderswo ausdrückt) Gottes Macht preist, die in ihm und seiner Predigt wirksam war. – – –

Das ists, was ich in deinem Buch verbessert sehen möchte, um es ganz billigen zu können. Was daran lobenswert ist, will ich nicht aufzählen. Denn ich erinnere mich an den Auftrag, den du mir gabst, dir anzugeben, was mir nicht ganz gefalle. Was also gelehrt behandelt, richtig herbeigezogen, in seiner Art gut durchgeführt, und gewandt und schön auseinander gesetzt ist in deinem Buch, das lobe ich bei mir und werde es auch vor andern loben, wenn es nötig ist. Bei dir wollte ich das tun, was du gewünscht hast. Jetzt, da ich diese Freundespflicht erfüllt habe, indem ich ganz gehorsam dich freimütig kritisierte, bleibt dir nur übrig, meinen Freimut dem Eifer, dir zu gehorchen, und meiner Geradheit auf die Rechnung zu setzen und gut aufzunehmen. Dass du das tust, darauf verlasse ich mich.

In Bern erfuhr ich, was du dir nicht dachtest, und was ich gar nicht erfahren wollte, aber ich erriet es. Wenn man das erraten nennen kann, wenn die Sache fast offenkundig daliegt. So war keine Gelegenheit, deinem Rat zu folgen. Ich hätte ihn sonst auch befolgt, auch wenn er mir missfiel. Glaube mir, solche Wunden heilen nicht dadurch, dass man sie zudeckt. Du fragst, was ich also getan habe? Nichts, nur musste ich von beiden Parteien schreckliche Klagen anhören. Dass sie sich vereinigten, konnte ich nicht erreichen. Das ist also der Friede, von dem dir deine Freunde berichtet haben! Der Herr habe ein Einsehen mit dieser Gemeinde, die so lange schon durch den Zwist ihrer Pfarrer entsetzlich auseinander gerissen wird.

Lebwohl, liebster und verehrter Bruder in Christo, und erinnere dich beim Inhalt dieses Briefes an das Wort Augustins: Was beim Sakrament getan wird, geschieht durch Menschen, aber in göttlicher Weise, mit irdischen Elementen, aber in menschlich-geistiger Weise. Grüße von mir und meinen Kollegen alle deine Amtsbrüder, Herrn Pellikan, Herrn Theodor [Bibliander], Herrn Gwalther, Herrn Hans und die übrigen ehrerbietig. Der Herr leite Euch alle mit seinem Geist und segne Euer Wirken. Amen.

Genf, 25. Februar 1547.
Dein
Johannes Calvin.

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