Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (183).

Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (183).

Weggelassen ist eine Empfehlung.

Von einem, den der Teufel holte.

Ich glaubte, irgendjemand bereits aufgetragen zu haben, dir zu erzählen, was du nun schriftlich von mir haben willst. Weil du die Sache näher zu erfahren wünschtest, so vernimm sie in kurzem. Als unser Bruder Raymond sagte, er habe etwas vom entsetzlichen Ende eines gottlosen Menschen vernommen, schien uns die Sache so wichtig, dass man die Obrigkeit darum begrüße. Im Auftrag der Brüder gelangte ich also damit an den Rat. Ich legte dar, wie wichtig es sei, die Sache zu untersuchen, um klar zu sehen, was daran sei; denn es könne nicht anders sein, als dass das Gerede davon gleich weit herum komme. Sei die Sache erdichtet, so müsse sie öffentlich widerlegt werden; sei aber wahr, was man sich erzähle, so dürfe man ein solches Gericht Gottes nicht der Vergessenheit anheim fallen lassen; ich sähe jetzt schon, wie viele damit Scherz und Spott trieben. Ich erinnerte sie aber auch, dass kein noch so offenbares Wunder je geschehen sei, ohne dass es der Satan zu verdunkeln gesucht habe. Nicht einmal damals habe man die Hand des Herrn erkennen wollen, als Dathan, Korah und Abiram von der Erde verschlungen worden seien. [4. Mos. 16] Es war eine ziemlich lange Ansprache. Man beschloss, einen Augenschein von der Sache zu nehmen. Es waren dabei vier Syndics und die Mehrheit des Rats, auch der Stadtpräfekt mit seinen Beisitzern, ebenso Pfarrer. Es war eine Hütte im Feld, in der die Frau und vier Kinder des Betreffenden an der Pest gestorben waren. Er selbst war Zeit seines Lebens ein böser, nichtsnutziger Mensch gewesen, ein Wirtshaushocker, trunk- und händelsüchtig, dem Fluchen sehr ergeben, überhaupt einer von den offenkundigen Verächtern Gottes. Wenn ihn seine Nachbarn tadelten, dass er so selten zur Predigt gehe, soll er, wie wir vernahmen, oft gesagt haben: Was? bin ich in Calvins Sold getreten, um ihn reden zu hören? Als ihn Ferron wegen seines bösen Lebens mahnte, zeigte er nicht die mindeste Reue. Kurz ehe er krank wurde, hat ihn Raymond geziemend gescholten, weil er seine Frau schändlich im Stich ließ. Die Ansteckungsgefahr missbrauchte er [zur Entschuldigung], ja bis zu frechem Schimpfen. Nachdem er auch die Kinder verloren, wurde auch er von der Krankheit erfasst. Er war schon so kraftlos, dass er kaum die Hand rühren konnte, als plötzlich in der Nacht wilder Wahnsinn ihn befiel. Er sprang aus dem Bett. Seine Mutter und ein Weib, das ihr half, hielten ihn fest. Er schrie nur: Teufel, Teufel! Er sei verloren, der Teufel wolle ihn holen. Man mahnte ihn, er solle zu Gott beten; er antwortete, das nütze nichts; er sei ja doch dem Teufel verfallen und um Gott schere er sich nicht mehr als um den Fetzen eines zerrissenen Schuhs. Dass das seine Worte waren, haben sowohl die Mutter als die Magd bezeugt. Nach Sonnenaufgang, etwa um sieben Uhr, saß die Mutter, nach dem sie ihn wieder aufs Bett gelegt, unter der Tür. Da sprang er wie ein Besessener über ihren Kopf weg hinaus. Die zwei wollten ihn halten; er aber sprang weit weg in einem solchen Satz, dass es schien, er werde mehr weggerissen, als dass er laufe. Es ist in der Richtung des Feldes, wohin er lief, eine dichte Hecke. Sie zeigten uns den Ort. Wäre der Boden auf beiden Seiten eben, so wäre doch kein Mensch so stark, dass er drüber weg springen könnte, ohne eine Spur davon zu hinterlassen. Aber auf der andern Seite der Hecke ist sogar ein ziemlich hoher Abhang. Unten an diesem Abhang geht ein steiniger, unebener Weg etwa wie ein trockener Bachlauf. Gegenüber, mit breitem Zwischenraum, ist ein ähnlicher Abhang, auch mit einer dichten, stacheligen Hecke. Obwohl nun gar keine Möglichkeit war, die näher liegende Hecke zu überspringen, ohne alle Glieder zu zerschellen, an der gegenüberliegenden Seite aber der Aufstieg an keiner Stelle anging, flog er vor den Augen der Frauen wie im Sturm in den Weinberg drüben. Sie zeigten mit dem Finger drüben weit weg die Stelle, wo er ihrem Blick verschwand. Sein Hut wurde dort tief unten am Ufer der Rhone gefunden. Die Schiffsleute, die man sandte, seinen Leichnam zu suchen, arbeiteten umsonst. Und doch konnte er von jener Stelle nicht zur Rhone kommen, wenn er nicht kopfüber abgestürzt war. So durchsichtig die Sache war, so gab es doch noch, gerade unter den Angesehensten, solche, die sie unverschämter Weise nicht gelten lassen wollten. Ich rief laut: „Wenn ihr überhaupt glaubt, dass es Teufel gibt, so seht Ihr hier deutlich, was der Teufel kann. Wer aber Gott nicht glaubt, verdients, dass er blind ist im hellen Licht!“ Zwei Tage drauf behandelte ich, da Sonntag war, mit Zustimmung der Brüder die Sache auch auf der Kanzel. Ja, ich ging soweit, dass ich sagte: „Mehr als zwanzigmal habe ich in diesen Tagen in heißem Gebet zu Gott gefleht, er möge mich sterben lassen, weil ich so eherne Stirnen sehen muss, Leute, die über die Gerichte Gottes lachen. Denn in diesen Tagen ist mir deutlicher als sonst die Gottlosigkeit unseres Volkes aufgedeckt worden“. Nur wenige stimmten unserm Worte zu; obs nur einer von Herzen glaubte, weiß ich nicht. Ich zog noch zwei andere, nicht gleich deutliche, aber doch der Erinnerung nicht unwerte Ereignisse heran. Ein Mann, der während der Sonntagspredigt in den Weinkeller einer Schenke hinab stieg, um Wein heraufzuholen, fiel und stürzte in seinen eigenen Degen, der aus der Scheide geglitten war, so dass man ihn als einen Sterbenden wegtrug. Ein anderer wollte letzten September, an dem Tag, als das Abendmahl gefeiert wurde, in der Trunkenheit bei einer Dirne heimlich zum Fenster hinein steigen, und stürzte dabei so entsetzlich, dass er mehrfache Knochenbrüche davon trug. Ich schloss: „Bis Euch die Hölle samt Euren Häusern verschlingt, glaubt Ihr nicht an Gott, der seine Hand ausreckt!“ Ich habe bemerkt, dass vielen unser Eifer in dieser Sache nicht gefällt, weil sie sich nicht gern aus ihrem schläfrigen Wesen aufrütteln lassen. Denn du glaubst kaum, wie vieler Leute Gewissen noch in tiefem Schlafe liegen, die über den Himmel hinauszuragen scheinen. Die Mehrzahl fürchtet sich vor der Schande, die dieses Ereignis für die Stadt bedeutet; wenige sagen: für unsern evangelischen Glauben. Ganz töricht. Denn was könnte rühmlicher sein für uns, als eine so deutliche Rache Gottes an den Verächtern unserer Lehre? Und was können die Papisten den Genfern spottend vorhalten, wenn Gott den Glauben, den die Genfer bekennen, so vor Verachtung schützt? Übrigens, wie gesagt, wert ist es diese Stadt schon, dass Gott sie mit auserlesenen Beispielen seiner Strafgerechtigkeit berühmt macht. Vieles habe ich dir noch nicht erzählt und habe doch bereits länger geschrieben als ich wollte. – – – Lebwohl samt allen Brüdern und Freunden, die du von mir grüßen sollst. Meine Kollegen lassen dich und sie grüßen. Meine Frau grüßt mit mir. Der Herr behüte Euch und leite Euch mit seinem Geist. Amen.

Genf, 14. Nov. 1546.
Dein
Johannes Calvin.

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