Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel und Viret in Lausanne (164).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel und Viret in Lausanne (164).

Anfangs April waren Farel und Viret in Genf gewesen. Unter den wegen verbotenen Tanzens vor das Konsistorium zitierten vornehmen Leuten galten Syndic Amblard Corne, der selbst Präsident des Konsistoriums war, und Ami Perrin, der Stadthauptmann, für Anhänger Calvins, ebenso Balthasar Sept, dessen Witwe die eine verbotene Tanzerei in ihrem Haus abgehalten hatte. Ob die Absetzung Henri de la Mares, Pfarrers von Jussy, mit derselben Geschichte zusammenhängt, ist nicht ganz klar, doch scheint es so. Francillons hießen in Genf die Anhänger Farels und Calvins als eingewanderte Franzosen; auch de la Mare scheint Franzose, wenn auch Gegner Calvins, gewesen zu sein, daher die Ironie des Satzes. Über die Ermordung des Juan Diaz vgl. K. F. Meyers Gedicht: Die spanischen Brüder.

Aufhebung einer Tanzgesellschaft. Von der Ermordung des Diaz.

Seit Eurer Abreise hat uns die Tanzgeschichte mehr zu schaffen gemacht, als ich glaubte. Alle daran Beteiligten, die vor das Konsistorium geladen waren, ausgenommen Corne und Perrin, haben unverschämt Gott und uns angelogen. Ich wurde zornentbrannt, wie es die schlimme Sache forderte, und fuhr scharf her über diese Verachtung Gottes, in der sie die frommen Zusprüche, die wir ihnen gegenüber anwandten, für nichts achteten und ihren Spott damit trieben. Sie verharrten in ihrem Trotz. Da ich den Sachverhalt wohl kannte, konnte ich nicht anders, als ihnen drohen, Gott werde sie schon strafen für solche Verlogenheit; zugleich aber verkündete ich ihnen, ich werde dafür sorgen, dass die Wahrheit an den Tag komme, und sollte es mich das Leben kosten, nur dass sie nicht glaubten, ihr Leugnen habe ihnen etwas genützt. Francoise, Perrins Frau, schalt heftig auf uns, weil wir ihrer Familie, den Favres, so feindselig gesinnt seien. Ich antwortete, wie es mir gut schien und sie es verdiente. Ich fragte, ob denn ihre Familie unantastbar sei, dem Gesetz nicht untertan? Denn ihren Vater hatten wir schon eines Ehebruchs überführt; der Schuldbeweis für einen zweiten war schon fast in unsern Händen, von einem dritten war ein großes Geschwätz. Ihr Bruder aber hatte offen den Rat und uns gehöhnt und verlacht. Schließlich sagte ich: „Ihr müsst Euch eine neue Stadt gründen, in der Ihr für Euch leben könnt, wenn Ihr Euch nicht hier mit uns unter Christi Joch beugen wollt. Solange Ihr in Genf lebt, strengt Ihr Euch umsonst an, dem Gesetz nicht zu gehorchen. Denn wären so viel Kronen in der Familie Favre wie unruhige Köpfe, so hindert das doch nicht, dass der Herr noch höher steht.“ Ihr Mann war unterdessen nach Lyon gereist, in der Hoffnung, die Sache in aller Stille zu begraben. Ich stellte den Antrag, sie durch einen Eid zum Bekenntnis der Wahrheit zu bringen. Corne erinnerte sie daran, er werde keineswegs dulden, dass sie einen Meineid schwüren. Da gestanden sie nicht nur, was wir wollten, sondern auch noch, dass sie am selben Tag auch bei Balthasars Witwe getanzt hätten. Sie wurden alle ins Gefängnis geworfen. Syndic Corne war ein treffliches Beispiel der Ergebung. Denn er redete so streng gegen sich und die ganze Bande, dass man ihm gar nicht mehr viele Worte zu machen brauchte. Trotzdem wurde er scharf ermahnt und ihm der Vorsitz im Konsistorium entzogen, bis er ein Zeugnis seiner Reue abgelegt habe. Man fragt, Perrin sei nun von Lyon zurück; was er auch tut, der Strafe wird er nicht entgehen.

Henri [de la Mare] wurde mit unserer Einwilligung abgesetzt. Dabei gabs keinen üblen Zank. Er hatte gestanden, was die Zeugen geschrieben hätten, sei wahr. Doch nahm er dann seine Zuflucht zu dem Wort: Wider einen Ältesten nimm keine Klage auf, außer zween und dreien Zeugen [1. Tim. 5, 19]. Da fragte ich ihn, wer denn das gesagt habe: Aus deinem Munde richte ich dich, du Schalk! [Luk. 19, 22]. Denn jetzt beruhe die Sache nicht mehr auf den Aussagen der Zeugen, sondern auf seinem Geständnis. Wenn er jetzt noch die Zeugenaussage verwerfe, so gelte es Entweder – Oder. Entweder sei sein Geständnis wahr oder es sei falsch. Sei es wahr, so brauche man sich gar nicht mehr aufzuhalten; sei es aber falsch, so sei er des Meineids schuldig, weil er trotz seines Eides anders ausgesagt habe, als es sich in Wirklichkeit verhalte. Da ging er so weit, zu behaupten, falsch und leichtsinnig habe er ausgesagt. Als er sagte, es sei unbillig, dass er von einem Mann bedrängt werde, der ihn doch eigentlich verteidigen müsste, fragte ich ihn, wieso ich ihm denn verpflichtet sein sollte, seine böse Sache zu verteidigen; ich hätte mich nie auf die Partei der Francillons eingeschworen. Noch mancherlei derartige Worte wurden gewechselt, doch so, dass er mit Schimpf und Schande von allen überhäuft abziehen musste. Er wurde vom Amt abgesetzt, zugleich ins Gefängnis geworfen, nach drei Tagen aber wieder daraus entlassen. Dort war er ein eifriger Verteidiger der Tanzereien und hat, so sehr er konnte, den Hass der Leute gegen mich geschürt, die mir schon vorher entfremdet genug waren. Aber was auch der Satan durch Leute seinesgleichen anstiftet, das statuierte Exempel wird doch etwas nützen. Zweierlei wird nämlich im Volk schon gesagt, dass niemand hoffen darf, straflos auszugehn, wenn auch die Vornehmsten nicht geschont werden, und zweitens, dass ich meine Anhänger nicht mehr begünstige als andere Leute. Perrin murrt samt seiner Frau im Kerker; die Witwe tut ganz unsinnig, die andern schweigen beschämt. – – –

– – Der Spanier Diaz, den du, lieber Viret, hier bei des Gallars gesehen hast und der auf der Reise nach Deutschland mit den beiden Senarclens durch Neuchatel kam, ist aufs Grausamste hingemordet worden. Als es hieß, der Kaiser komme, begab er sich nach Neuburg, einem Städtlein im Gebiet Ottheinrichs. Von da hat er mir noch am 13. März geschrieben. Er hat einen Bruder in Rom, Alfonso mit Namen, der eigens nach Neuburg kam, um den frommen Mann aus dem Weg zu räumen. Sie verhandelten einige Tage. Als Juan sah, dass er nichts ausrichtete, verließ er den Alfonso. Der tat nun, als hätte er etwas vergessen, und schickte seinen Diener, den Bruder zurückzurufen und unterwegs zu töten. Gleich darauf kam er selbst. Er glaubte dem Diener nicht, dass er die Mordtat ausgeführt, bis er selbst den Leichnam seines Bruders gesehen hatte. Dann entfloh er in raschem Ritt in die Grafschaft Tirol. Herzog Otto hat seinen Haushofmeister geschickt, seine Auslieferung zur Strafe zu verlangen. Will Ferdinand [von Österreich] nicht alle Verhältnisse im Himmel und auf Erden verwirren, so muss er ein so arges, entsetzliches Verbrechen strafen. Denn der Hofmeister hat für die Wahrheit der Beschuldigung seine Freiheit verbürgt. Lebt wohl, liebste Brüder. Der Herr Jesus behüte Euch allezeit. Grüßt alle Freunde. Du, lieber Farel, richte den Bürgermeistern viele Grüße aus. Könnte ich doch irgendwie einmal zu Euch kommen. Alle Unsern lassen grüßen.

[April 1546.]
Euer
Johannes Calvin.

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