Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (135)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (135)

Über Luthers Tyrannei und Melanchthons Schwachheit.

Könnt´ ich doch so, wie mich das Mitleid mit deiner Traurigkeit ängstigt, ja eigentlich quält, dir auch irgendwie Erleichterung verschaffen! Wenn die Verhältnisse so sind, wie die Zürcher sie darstellen, so hatten sie allerdings gerechte Ursache zu schriftlicher Erwiderung. Aber entweder hätten sie anders schreiben oder ganz schweigen sollen. Denn abgesehen davon, dass das ganze Büchlein kraftlos und kindisch ist, so entschuldigen und verteidigen sie in vielen Dingen ihren Zwingli mit mehr Rechthaberei als Gelehrsamkeit, und zuweilen mit allzu wenig Bescheidenheit; an Luther übertreiben sie einiges zu Unrecht; besonders aber sind sie meines Erachtens in der Behandlung des Hauptpunktes, d. h. in dem, worum sich der Streit dreht [der Abendmahlsfrage], ganz unglücklich vorgegangen. Und doch glaubst du nicht, wie sehr es ihrem eignen Herzen gefällt, als ob sie ihre Sache aufs allerbeste geführt hätten. Die Zürcher haben zwar schlimm angefangen; wohin aber lässt sich Euer Perikles in seinem maßlosen, Blitze schleuderndem Zorn reißen? Besonders da doch seine Sache um nichts besser ist. Und was bewirkt denn ein solches Lärmen, als dass alle Welt ihn für rasend hält? Ich wenigstens, der ich ihn von Herzen verehre, schäme mich heftig für ihn. Aber das Schlimmste ist, dass niemand es wagt, zur Unterdrückung solch ungebührlichen Benehmens sich ihm zu widersetzen, ja nur zu mucksen. Wir sind ihm alle viel Dank schuldig, das gebe ich zu. Auch ich ließe ihn gern las größte Autorität gelten, wenn er sich nur selbst zu mäßigen wüsste. Freilich muss man in der Kirche stets vorsichtig darauf achten, wie weit man einem Menschen Macht überträgt. Es ist um die Kirche geschehen, wo ein einzelner mehr vermag, als alle übrigen zusammen, besonders wenn er ohne Bedenken probiert, wie groß seine Macht ist. So zerfahren, wie wir die Sache nun sehen, ists schwer, wieder Ordnung in das Wirrsal zu bringen. Aber wäre in uns allen die Gesinnung, wie sie sein sollte, so ließe sich irgendein Heilmittel vielleicht schon finden. Sicher hinterlassen wir unsern Nachkommen ein böses Beispiel, wenn wir lieber alle Freiheit freiwillig von uns werfen, als dass wir des einen Mannes Geist mit einem winzigen Tadel beleidigen. Aber, sagst du, er ist gar heftiger Art und hat Anfälle von Wildheit. Als ob diese Heftigkeit nicht gerade noch mehr zum Ausbruch käme, wenn alle Nachsicht damit üben und ihr alles erlauben. Wenn schon gleich bei Beginn der Wiedergeburt der Kirche ein solches Beispiel von Tyrannei auftaucht, was soll in Bälde geschehen, wenn die allgemeinen Verhältnisse sich verschlechtern? So wollen wir das Unglück der Kirche beklagen, aber nicht nur schweigend diesen Schmerz in uns verwinden, sondern wir wollens wagen, einmal unsern Klagen freien Ausdruck zu geben. Hat nicht die Zulassung des Herrn dich vielleicht gerade deshalb in diese Nöte gebracht, um dir einmal ein vollständigeres Bekenntnis in dieser [Abendmahls-] Frage abzunötigen. Es ist ganz richtig, was du lehrst, das gebe ich zu, und wenn du durch deine milde Lehrart bisher gesucht hast, die Geister vom Zanken abzuhalten, so lobe ich diese deine kluge Mäßigung. Aber wenn du gerade diese Frage wie eine böse Klippe umsegelst, um gewissen Leuten kein Ärgernis zu geben, so lässest du doch dadurch sehr viele andere, die etwas Sicheres, womit sie sich beruhigen können, von dir verlangen, in der Schwebe und im Ungewissen. Es ist, wie ich dir, glaube ich, schon einmal gesagt habe, nicht gerade ehrenhaft für uns, die Lehre, für deren Bezeugung die meisten Heiligen ohne Zögern ihr Blut hergäben, nicht einmal mit Tinte bezeugen zu wollen. Zu solcher vollständigen, deutlichen Erklärung deiner Meinung will dir vielleicht Gott eben jetzt einen Weg öffnen, damit die Leute, die von deiner Autorität abhängen – und deren sind, wie du weißt, sehr viele -, nicht beständig im Zweifel stecken bleiben. Ich sage das aber nicht, um dich zu reizen, sondern um dich zu trösten. Hätte ich nicht die Hoffnung, aus diesem lärmenden Streit könnte etwas Derartiges entstehen, ein viel herberes Leid ergriffe mich. Freilich wollen wir ruhig den Ausgang abwarten, den Gott der Sache geben will, und unterdessen ungebrochenen Mutes unsern Lauf vollenden. Für deine Antwort [in der Nikodemiten-Frage] danke ich dir sehr, zugleich auch für die außerordentliche Freundlichkeit, die du gegen Claude, wie er mir bezeugt hat, an den Tag legtest. Daraus, wie gütig und freundlich du meine Boten aufnimmst, schließe ich, wie du auch gegen mich in Zukunft gesinnt bist. Gott aber danke ich ohne Aufhören, dass ers so gefügt hat, dass in der Hauptsache der Frage, mit der wir an dich gelangt waren, unsere Ansichten übereinstimmten. Wenn auch in einigen Punkten ein kleiner Unterschied besteht, so sind wir doch aufs Beste eins geworden in der Sache selbst. Lebwohl.

[Genf], 28. Juni 1545.

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