Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (123)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (123)

Der weggelassene Schluss enthält lediglich einige politische Nachrichten. Osiander, Pfarrer in Nürnberg, war von einem Zwinglianer in einem Gedicht angegriffen worden.

Anfrage wegen der Nikodemiten. Von allerlei Zwist unter den Evangelischen.

Weshalb [der Überbringer dieser Briefe] ein edler, frommer, junger Mann, in meinem Auftrag die Reise zu Euch unternahm, will ich dir in kurzen Worten erklären. Ich hatte ein Buch in französischer Sprache herausgegeben, in dem ich die Heuchelei der Leute tadelte, die, vom Licht des Evangeliums erleuchtet, sich doch der papistischen Zeremonien nicht enthalten, von denen sie doch wissen, dass sie Schändung des Heiligen und voll Fluches sind. Du hättest vielleicht lieber, ich milderte etwas an diesem schroffen, strengen Urteil. Wie sehr ich aber Recht habe, wirst du selbst beurteilen können, wenn du die Sache wohl erwägst und bedenkst. Als ich dann vernahm, dass viele sich über meine Härte beklagten, besonders von den Leuten, die sich umso weiser vorkommen, je sorglicher sie ihr Leben schonen, verfasste ich eine Art Entschuldigungsschrift, die sie aber eher noch schärfer am Ohr zupft als das erste Büchlein. Viele, denen die Religion bloß als philosophische Theorie gilt, verachten auch das in ihrer Sicherheit. Die aber Gott ernstlich fürchten, sind wenigstens soweit gekommen, dass ihr bisheriges Verhalten anfängt, ihnen zu missfallen. Weil aber die Frage ihnen dunkel scheint, so bleiben sie unentschieden, bis sie durch deine und D. Luthers Entscheidung so oder so bestärkt werden. Ich fürchte freilich, sie fragen Euch nur deshalb um Rat, weil sie hoffen, Ihr werdet nachsichtiger sein mit ihnen. In welcher Absicht sie es nun auch tun, so habe ich gern versprochen, ihren Wunsch zu erfüllen, nämlich zu diesem Zweck einen Boten an Euch zu senden, weil ich fest überzeugt bin, Ihr werdet ihnen treulich heilsamen Rat geben, wie es Euerm lautern Sinn und auch Eurer außerordentlichen Klugheit entspricht. Weil ich aber glaubte, es sei besonders wichtig, dass Ihr nicht nur meine Meinung kennt, sondern auch die Gründe, die mich zu dieser Meinung führten, habe ich gleich die beiden Schriften ins Lateinische übersetzen lassen. Obgleich es nun scheinen könnte, das sei nicht ganz korrekt gehandelt, so bitte ich dich doch um unserer Freundschaft willen, den Verdruss nicht zu scheuen und sie zu lesen. Ich achte dein Urteil so hoch, wie es sich auch gehört, dass es mir sehr unangenehm wäre, etwas auf mich zu nehmen, was von dir nicht ganz gebilligt würde. Ich weiß freilich, dass du in deiner großen Menschenfreundlichkeit andern vieles nachsiehst, was du dir selbst nicht erlaubtest. Aber wir müssen doch zusehen, was uns darin gestattet ist, damit wir nicht lockern, wo der Herr festbindet. Ich bitte dich nicht, mir beizustimmen, das wäre ja auch zu unverschämt, oder auch nur zu meinen Gunsten irgendwie vom freimütigen, geraden Ausdruck deiner Meinung abzustehen, sondern nur, dass du es dich nicht verdrießen lässest, die Langeweile des Lesens [die ich dir zumute], tapfer hinunterzuschlucken. Mein Wunsch wäre es, es möchte unter uns so vollkommene Einigkeit bestehen, dass nicht in einem einzigen Wörtlein auch nur der Schein verschiedener Meinungen entstünde. Aber es ist eher an dir, mir voranzugehen, als dass du darauf schaust, was mir gefällt. Du siehst, wie vertraulich ich mit dir rede; ich fürchte nicht, dass es über das Erlaubte hinausgeht; denn ich weiß, wie viel ich mir bei deinem besonderen Wohlwollen gegen mich gestatten darf.

Bei D. Martinus wird es etwas schwieriger sein. Denn soviel ich gerüchtweise und aus Briefen einzelner Leute vernehmen konnte, wäre es leicht möglich, dass sein kaum versöhnter Sinn durch eine geringe Ursache von neuem gereizt würde. Deshalb soll dir der Bote den Brief zeigen, den ich an ihn schrieb; sieh ihn durch und leite dann die ganze Sache nach deinem Gutdünken. Es ist dann an dir, zu verhüten, dass nicht etwas verkehrt und unvorsichtig unternommen wird, was dann nachher unglücklich ausfiele. Bei deiner Geschicklichkeit weiß ich, dass du das richtig machen wirst. –

Übrigens konnte ich noch nicht mit Sicherheit erfahren, welche Kämpfe Euch heimsuchten und welchen Ausgang sie nahmen. Ich habe nur gehört, es sei [von D. Luther] ein schrecklich scharfes Schriftchen erschienen, das wie die Brandfackel zur Erneuerung der Feuersbrunst wirken werde, wenn nicht der Herr die Geister der Gegenpartei festhalte, die auch sonst schon, wie du weißt, leidenschaftlicher und eingebildeter sind, als recht ist. Wie aber nun erst, wo sie so gereizt werden? Wenn ich bedenke, dass wir in dieser bösen Zeit auch noch in Streitigkeiten unter uns hineingezogen werden, möchte ich fast den Mut zum Leben verlieren. Weil die Zürcher bisher ein gewisses Wohlwollen gegen mich an den Tag legten, habe ich mich gleich, als ich von der Sache hörte, ins Mittel gelegt und gebeten, sie möchten sich nicht auch in den Kampf einlassen. Ob meine Vermittlung etwas nützt, weiß ich nicht. Da ich aber seither keinen Brief von Zürich erhielt, ahnt mir nichts Gutes.

Neulich hat mir ein Kaufmann aus Nürnberg, der hier durchreiste, eine Verteidigungsschrift Osianders gezeigt, über die ich mich für Osiander recht schämte. Wozu war es denn nötig, in jeder dritten Zeile die Zwinglianer zu reizen und Zwingli selbst so unfreundlich herzunehmen, ja nicht einmal den heiligen Knecht Gottes Ökolampad zu schonen? Wenn er uns den doch nur halb wiedergeben könnte! Das wäre mir wahrhaftig viel mehr wert. Ich verlange ja gar nicht von ihm, stillschweigend zuzugeben, dass einer ungestraft seine Ehre angriff, aber ich hätte gern gesehen, er hätte sich der Beschimpfung von Männern enthalten, deren Andenken alle Frommen in Ehren halten müssten. Ebenso wie mir daher die Frechheit des Menschen missfällt, durch dessen Verse Osiander sich als beschimpft ansieht, ebenso wünschte ich an ihm Mäßigung, Klugheit und gesunden Verstand! Guter Gott, welches fröhliche Schauspiel bieten wir den Papisten! Wir arbeiten gleichsam in ihrem Dienst. Doch ich handle ungeschickt, wenn ich die Fehler rüge, die du doch nicht heilen kannst, und dadurch nur deine Trauer darüber vergrößere. Aber klagen müssen wir, da ja die Schäden der Kirche uns auch schmerzen sollen; doch dabei wollen wir uns an der Hoffnung wieder aufrichten, dass, wenn ringsum große Wasserfluten uns umtosen und uns ängstigen, wir doch nicht untergehen können. – –

Lebwohl, hochberühmter Mann und von mir stets verehrter Freund. Der Herr sei mit dir immerdar und erhalte dich noch lange unversehrt für seine Kirche.

Januar 1545.

Dein

Johannes Calvin.

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