Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (85)

Calvin, Jean – An Mykonius in Basel (85)

Der Brief berichtet von dem neuen Anfang in Genf in ähnlicher Weise, wie der vorige, neu ist nur, was Calvin von eigentlicher Opposition der Gegner berichtet. Auch Mykonius hatte vom Streit zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt in Basel berichtet. Der Franzose Alberge weilte in Basel, und Mykonius hatte sich bei Calvin erkundigt, was sein Vorleben sei.

Über geistliche und weltliche Gewalt. Der Hochstapler Alberge.

– – – Ich will dir nur ein Beispiel erzählen, an das mich die in deinem Brief enthaltene Klage des ähnlichen Inhalts wegen erinnert. Als wir auf die Einrichtung einer kirchlichen Gerichtsbehörde bedacht waren und der Rat uns diese Aufgabe übertragen hatte, da stimmten die guten Leute [unsere feindlichen Kollegen] öffentlich zu, weil sie sich doch schämten, in einer so offenkundig guten Sache zu widersprechen. Nachher aber gingen sie heimlich herum und warnten einzelne Ratsherren, sie sollten doch nicht, was sie in Händen hätten, vor die Füße werfen (so sprachen sie) und sich der Macht, die ihnen Gott übertragen habe, freiwillig entäußern, und dadurch zu staatsfeindlichen Umtrieben Anlass bieten und noch viel der Art. Diese Treulosigkeit schweigend übergehen durften wir keineswegs, aber wir haben uns Mühe gegeben, dass es ohne Streit zum Austrag kam. Nun haben wir so etwas wie ein Ältestengericht und eine Ordnung der Kirchenzucht, so gut sie eben unsere schwache Zeit ertrug. Aber glaube nicht, wir hätten das ohne sehr viel Schweiß erreicht. Denn überall brechen die unheiligen Geister durch, die um Zucht und Ordnung zu fliehen, die ihnen ganz unerträglich sind, irgendwelche Vorwände suchen, um die Macht der Kirche ins Wanken zu bringen. Und das ist der Welt eigen, dass sie nach ihren Gelüsten herrschen will, es aber nicht erträgt, Christo die Herrschaft zu überlassen. Wo immer aber Schwindler der Art die Sache verteidigen, die der Welt und dem Fleisch gefällt, da wollen wir einig in Mut und Fleiß ihnen entgegentreten und mit tapferm unbezwingbarem Eifer für die heilige Gewalt kämpfen, die unverletzt bleiben muss; Christus der Herr wird sie vertilgen mit dem Hauch seines Mundes. Denn gerade in dieser Sache ist Gottes Wahrheit zu klar, als dass sie leicht mit der Schminke der Lüge verdeckt werden könnte. Mose und David führen sie an [als weltliche Herrscher]. Als ob die beiden kein anderes Amt gehabt hätten, als das Volk mit weltlicher Macht zu regieren! Die Toren sollen uns Obrigkeiten wie diese geben, d. h. Männer, die ausgezeichnet sind durch einen besonderen prophetischen Geist und beiden Rollen [als weltliche und geistliche Obrigkeit] genügen, nicht nach eigener Meinung und Neigung, sondern nach Gottes Gebot und Berufung; denen wollen wir gern überlassen, was sie verlangen! Mose hat sogar selbst vor Aarons Weihe das Priesteramt verwaltet, nachher hat er nach Gottes Befehl vorgeschrieben, was zu tun war. Auch David hat sich nicht ohne Erlaubnis von Gott an die Ordnung der kirchlichen Dinge gemacht. Die späteren frommen Könige haben die eingerichtete Ordnung mit ihrer Macht geschützt, wie es sich geziemte, der Kirche aber ihre Gerichtsbarkeit und den Priestern ihre ihnen von Gott gegebene Stellung gelassen.

Aber ich bin töricht, mich in den Urwald dieser Frage hineinzuwagen, da sich der Bote doch schon zur Abreise rüstet; ich werde so gar nicht mehr Zeit haben, dir die Geschichte von Alberge zu erzählen. Ich will aber anfangen und daran schreiben, bis der Bote kommt und mir den halbfertigen Brief aus den Händen nimmt. Vernimm zum Anfang, dass dieser Mensch seit vielen Jahren nichts anderes tut, als herumzufahren, die einen um Geld zu betrügen, die andern um Kleider, und so vom Schwindel lebt, wie es solche Landstreicher eben machen. Schon vor unsrer Verbannung war er öfters hierher gekommen, um eine Stelle zu suchen. Aber er fand keine, weil er nur an eine berühmte Schule wollte, wie hierzuland überhaupt keine ist, und große Besoldung verlangt. Bald drauf kam er wieder, wie gewöhnlich mit der Klage, er sei von Straßenräubern geplündert worden. Er ging in ein Städtlein in der Nachbarschaft und bewarb sich um die Stelle des Schulvorstehers, erhielt sie aber nicht. Diese Zurückweisung setzte er uns auf die Rechnung, obwohl wir dort so wenig Einfluss hatten durch Ansehen oder Gunst, dass, wenn bekannt gewesen wäre, er missfalle uns, er schon allein deshalb die Stelle bekommen hätte. Und doch ist Gott unser Zeuge, dass wir damals nichts anders suchten, als wie er irgendwo eine Stellung finde, die ihm passend und annehmbar sei. Später kam er nach Straßburg und erpresste 20 Batzen von mir, die ich selbst anderswo entlehnen musste. Denn ich hatte damals meine Bücher verkauft und war ganz von Geldmitteln entblößt. Er versprach, er werde sie mir innerhalb weniger Tage zurückgeben. Ein wertloses Kistlein ließ er als Pfand bei mir stehen. Nach ein paar Monaten kam er wieder und bat mich lächelnd, oder vielmehr höhnisch grinsend, ob ich ihm nicht ein paar Kronen leihen könne. Ich gab zur Antwort, ich brauche selbst das Sümmlein wieder, das er bereits habe. Darauf brachte der Schwindler heimlich das Kistlein aus meiner Bibliothek weg und wollte es der Frau Butzers übergeben; die wies es aber zurück und warnte mich. Ich schalt ihn nun vor einigen Zeugen wegen seiner Unverschämtheit. Ein halbes oder vielleicht ein ganzes Jahr darauf schrieb er mir einfach einen Brief, er werde zu Baden belagert, der ganze Adel des Landes habe sich gegen ihn verschworen. Er könne nicht anders entkommen, als wenn ich ihm einen Lastträger schicke, der ihn in einer Warenkiste fortschaffe. Bedrot bekam einen fast gleich lautenden Brief; wir lachten und ich habe ihm in ein paar Worten geantwortet. Denn wir vermuteten stark, er sei selbst in der Stadt. Seit der Zeit ist er mir nicht wieder zu Gesicht gekommen; es sind anderthalb Jahre seither verstrichen. Da ich wusste, dass viele Kleinigkeiten in dem Kistlein waren, öffnete ich es vor vielen Zeugen. Es waren faule Äpfel drin und allerhand Trödel, halb zerrissene Bücher und zwar so geringe, wie des Despauterius [Schulbücher] und ähnliche. Ich fand auch Briefe, die er mir gestohlen hatte. Sturm weiß das, denn ich ließ ihn rufen. Wir legten alles wieder hinein, nicht ohne viel Gelächter. Als Grynäus heiligen Angedenkens nach Worms kam, erzählte er, Alberge sei in Basel. Als ich [von Straßburg] abreiste, befahl ich meinen Leuten, sie sollten ihm das Kistlein zurückschicken. Da begann der Schwindler, sobald er es erhalten hatte, zu schreien, ich sei ein Dieb; ich hätte ihm viele unvergleichliche Bücher entwendet. Er kam nach Lausanne und trug das auch Viret vor. Neulich, als er wieder hierher kam, war er etwa zehn Tage in der Stadt, ohne dass ich es wusste. Dann griff ich ihn auf Virets Antreiben an und fragte ihn, ob er mir etwa eine Anklage wegen Diebstahl anhängen wolle. Als er sagte, er sei um wertvolle Bücher gekommen, hieß ich ihn einen ganz unverschämten Schwindler. Am folgenden Tag drang er in meinem Haus auf mich ein, nicht nur mit Schimpfworten, sondern mit einem wütenden tätlichen Angriff. Deshalb wurde er in Haft gesetzt. Als ich in guten Treuen die Obrigkeit für ihn bat und man ihn schon rufen wollte, um ihn ohne Strafe zu entlassen, erzählte der Kerkermeister, er habe dort noch viel schrecklicher über mich geschimpft. So ließ er selbst nicht zu, dass man ihm gnädig war, und doch war seine Strafe geringer, als er es verdient hätte. Dass er klagt, es sei ihm etwas geraubt worden, ist sein altes Lied. Er konnte ja früher schon keine drei Meilen weit reisen, ohne unter die Räuber zu fallen. Überall rühmt er sich auch, er habe unschätzbare Bücher in Hülle und Fülle. So hat er mir, als er meine Hilfe zu seiner Befreiung aus der Belagerung in Baden verlangte, seine Bücher zum Pfand lassen wollen, die er in Basel hätte. So sagte er auch einmal in Bern, als er von mir und Farel 10 Kronen haben wollte, er habe in deinem Haus ein großes Fass voll Bücher stehen und 50 böhmische Dukaten. So hat er auch neulich in den Wirtshäusern sich mit nichts anderem gerühmt, als mit der prächtigen Bibliothek, die er in Basel zurückgelassen habe. Eigentlich ists eine Schande, dass ich zu meiner Verteidigung nur ein Wort sage. Ich glaube, ich habe so gelebt, dass ich über dem Verdacht des Diebstahls stehe. Der Bote verlangt schon zum zweiten Mal diesen Brief. Leb wohl, bester und hochverehrter Bruder. Der Herr Jesus leite dich stets mit seinem Geist zu seinem Werk und lenke deine ganze Familie. Viret lässt dich sehr und mit Ehrerbietung grüßen.

Genf, 14. März.
Ganz der Deine
Johannes Calvin.

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