Luther, Martin – An Friedrich Myconius.

Luther, Martin – An Friedrich Myconius.

Dem Ehrwürdigen Friedrich Mecum, Bischof der Gothaischen Kirche und der Thüringer Kirchen, seinem geliebten Bruder.

Gnade und Friede in Christo. Ich hab euer Schreiben, lieber Herr Friedrich, empfangen, darin ihr anzeigt, daß ihr tödtlich, oder, wie ihrs recht und christlich deutet, zum Lebenkrank liegt. Wiewohl mirs nun eine sonderliche große Freude ist, daß ihr so getrost und unerschrocken gegen den Tod, welcher, nach der Schrift, nicht ein Tod, sondern ein süßer Schlaf ist aller Gottseligen, ja ein Sehnen und Berlangen habt abzuscheiden und bei Christo zu sein, wie wir Gläubigen allzumal so sotten gesinnt sein, nickt allein auf dem Siechbette, sondern auch, wenn wir frisch und gesund sind, und uns keiner Gefahr des Todes zu besorgen haben, und dasselbige alle Stunden, an allen Orten, in allen Fällen, als Christen zustehet, die mit Christo lebendig gemacht, mit ihm auferwecket, und mit ihm in das himmlische Wesen gesetzt sind, die auch über die Engel richten werden, also, daß nichts übrig ist, denn allein das Ablegen des Vorhangs und Aufhören des dunkeln Worts. Wiewohl, sage ich, solches von euch zu hören mir eine sonderliche Freude ist: doch bitte ich und stehe zum Herrn Jesum, welcher ist unser Leben, Heil und Gesundheit, daß er mirs zu diesem Unglücke nicht kMimen lasse, daß ich erleben und sehen sollte, daß ihr oder etlicke der Unsern solltet mir zuvor kommen, hindurchdringen und reißen durch den Borhang zur Ruhe, und mich himer euch, hier in dieser falschen argen Well, mitten unter den Teufeln, lassen; daß ich, nach euerm Abgang, noch länger müßte Plage und Marter ausstehen, der ich mehr denn gnug, nun etlich und zwanzig Jahr her, erduldet und erlitten habe, und derhalben wohl werth wäre, und es gar sehr verdient hätte, daß ich Allen zuvor käme und im Herrn entschliefe. Also begehre und bitte ich. daß mich der liebe Gott an eurer Statt wollte lassen krank werden und mich heißen ablegen diese meineHütten, die nun ausgearbeitet und gedient hat, verzehret und kraftlos worden und derhalben untüchtig ist; sehe es auch wohl, daß ich Niemand mehr nütze bin. Derhalb bitte und ermahne ich euch mit Ernst, daß ihr mit uns den lieben Gott wollet bitten, daß er euch länger bei Leben erhalten wolle zum Dienst und Besserung seiner Kirchen und dem Teufel zu Spott und Verdrieß. Denn ihr sehet ja, Christus, unser Leben, siehets auch, was für Personen und Gaben seine Kirchen hin und wieder bedürfen.

Aus Worms, da wir fünf ganzer Wochen geharret und schier keine Hoffnung übrig war, haben wir letztlich Briefe vollauf empfangen, welcher ein Theil euch Georg Rorer zuschicken wird. Auf unserm Theil wird Alles männlich und weislich gehandelt: dagegen auf der Widersacher Theil wird es so kindisch, thorlich, ungeschickt, mit groben und garstigen Listen und Lügen vorgenommen, daß man den Satan selber sieht, wie er scheu vor dem Lichte, weil die Morgenröthe anbricht , zu Winkel kreucht und mancherlei Ausflucht, List und Täuscherei sucht; und doch Alles vergeblich, wie von nothwegen geschehen muß, wenn man wider öffentliche erkannte Wahrheit öffentliche lästerliche Lügen verfechten und schmücken will, welches unmöglich ist. Aber was zweifeln wir. Herrlichkeit, Kraft, Sieg, Heil und Ehre gehört dem erwürgten und auferweckten Lamm, und mit ihm auch uns, die wir glauben, daß es erwürget und wieder auferwecket ist, das hat ja auch keinen Zweifel. Wir hoffen, die Unsern werden bald von Worms wieder heim kommen.

Gehabt euch wohl, mein lieber Friedrich, der Herr lasse mich ja nicht hören, so lange ich lebe, daß ihr gestorben seid, sondern schaff es, daß ihr mich überlebet. Das bitte ich, das will ich, und mein Wille soll geschehen, Amen. Denn dieser mein Wille sucht die Ehre göttlichen Namens, nicht meine Ehre noch Lust. Gehabt euch nochmals wohl im Herrn. Wir bitten von Herzen für euch. Meine Käthe grüßt euch herzlich, sie, wie alle Andern sind um eure Krankheit herzlich bewegt. Am Sonntag nach Epiphanias 1541.

Euer Martin Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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