Calvin, Jean – An Viret in Lausanne

Calvin, Jean – An Viret in Lausanne

Viret hatte von Verfolgung der Evangelischen in Frankreich berichtet.

Freundschaftliche Vorwürfe; nicht mehr nach Genf! Über allerlei Jesajas-Exegeten.

So hab ich doch etwas mit meiner Beschwerde erreicht. Ich habe dich genötigt, dein undankbares monatelanges Schweigen einmal zu brechen. Doch gefällt es mir nicht, dass du, statt einfach deine Schuld abzubitten, wie du musstest, eine Gegenanklage schicktest. Denn du stellst uns ganz gleich (abgesehen davon, dass ich nun zuerst wieder angefangen habe, zu schreiben), da wir beide von unserer Pflicht abgefallen seien. So hoffst du mir zu entwischen. Wie wenn ich nicht hundertmal unterdessen an Farel geschrieben hätte mit der Bedingung, er solle mein Nachrichtenvermittler an dich sein; und in der ganzen Zeit habe ich nicht einen Brief von dir bekommen, nicht einmal einen, der mir deinen Gruß ausrichtete, außer dem, den du einmal deinem Brief an Butzer beischriebst. Deshalb werde ich dich eher von Schuld freisprechen, bis du mir deinen Eifer in der Zukunft bewiesen hast, und zwar so, dass ich doppelte Strafe von dir heischen darf, wenn du nach deiner Art zu faulenzen fortfährst. Damit es aber nicht scheint, ich verfahre zu scharf mit dir, so will ich dir dein Vergehen gern verzeihen, wenn du nur fernerhin fleißig deine Pflicht tust und mir verzeihst, wenn ich zufällig ein wenig fauler bin. Dein Brief war mir größtenteils Trauerbotschaft, umso mehr, da ich vermute, die Wut der Henker werde bald übermäßig hitzig werden, wie es gewöhnlich ist, wenn sie einmal aufgewallt ist. Und kein Mittel bietet sich uns, dem entgegen zu wirken. Ich habe es Farel schon geschrieben, dass die Hoffnung, die uns lange in Erwartung hielt, uns jetzt doch enttäuscht hat. Deshalb können wir, wenn uns der Herr nicht einen neuen Ausweg zeigt, den armen Brüdern nicht anders helfen, als mit Bitten und Ermahnungen. Aber gerade auch diese sind so gefährlich für ihr Leben, dass es ratsam ist, sich ihrer zu enthalten. So bleibt uns fast einzig übrig, dem Herrn ihre Rettung anzuempfehlen. Den Teil deines Briefes dagegen konnte ich nicht ohne Lachen lesen, in dem du so hübsch für meine Gesundheit sorgst. Nach Genf soll ich gehen, um es besser zu haben? Warum nicht lieber gerade ans Kreuz? Besser wäre es, einmal zu sterben, als auf einer Folter immer wieder gequält zu werden. Also, lieber Viret, wenn du mich gesund wünschest, so gib diesen Plan auf. Dagegen war mirs sehr angenehm zu hören, dass die Brüder de la Fontaine um mein gutes Gedeihen so besorgt sind und du deinen Sinn auf das gleiche Ziel richtest. Ich halte mich kaum für würdig, dass man für mich so sorge, und doch kann ich nicht anders, als mich über den Eifer guter Menschen um mich freuen.

Capito bietet in seiner Vorlesung etwas, was dir zu deiner Auslegung des Jesaias sehr viel nutzen könnte. Da er aber seinen Hörern nichts diktiert und noch nicht weiter als bis zum 14. Kapitel gekommen ist, so kann dir momentan seine Arbeit noch nichts helfen. Zwingli fehlt es zwar an Geschick nicht, aber weil er zuviel Freiheit in Anspruch nimmt, so schweift er oft weit vom Sinn des Propheten ab. Luther, nicht sehr ängstlich in Beziehung auf die Eigenart des Wortlauts und die geschichtlichen Umstände, begnügt sich damit, eine fruchtbringende Lehre herauszuschälen. Also ist wohl keiner fleißiger in dieser Beziehung gewesen als Oekolampad, aber auch er trifft nicht immer ins Schwarze. Aber wenn dir einstweilen auch noch Hilfsmittel fehlen, so wird doch, hoffe ich, der Herr dich nicht verlassen. Von unsern Angelegenheiten schreibe ich nichts, damit Farel umso mehr Stoff zum Schreiben hat. Alle lassen dich freundlich wieder grüßen, Capito, Butzer, Matthias, Sturm, Bedrot. Hedio habe ich noch nicht gesehen, seit ich deinen Brief erhielt. Grüße dafür von mir Conrad und Corneille, Jacques, Isnard und andere. Auch deine Tante, die mir wie eine Mutter ist, und deine Frau, die ich einmal sehen möchte. Da ich Conrads erwähnte, fällt mir wieder ein, was ich vergessen hatte. Gaspard, der eine Zeitlang bei ihm gewohnt, war neulich hier und beklagte sich schwer bei Sturm, ich hätte ihn im Auftrag des Grynäus bei guten Leuten unschön verleumdet. Bei mir selbst schwieg er still und grüßte mich nur, als er aus meiner Vorlesung wegging. Ich wollte dir das zu wissen tun, damit Ihr in Zukunft vorsichtiger seid. Leb wohl, bester, liebster Bruder. Der Herr erhalte dich uns.

Straßburg, 19. Mai.
Dein Calvin.

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