Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Antoine Calvin, der Bruder des Reformators, war von Beruf Kaufmann. Weggelassen sind einige politische Nachrichten.

Mehreres vom Streit mit Caroli. Nachrichten aller Art.

Verzeih, teuerster Bruder, dass ich dir seit dem stürmischen Brief nichts geschrieben, den die noch frische Bitterkeit nach meinem erstem heißen Zorn mir abgepresst hatte. Ich weiß nicht mehr genau, was ich geschrieben habe. Nur das weiß ich, dass ich mich nicht recht im Zaum hielt, weil es in meinem Schmerz mein einziger Trost war, mit dir zu hadern, weil du mir durch deine allzu große Nachgiebigkeit solche Not bereitet hast. Nun entschuldigst du dich in einer langen Abbitte wegen dessen, was ich dir vorwarf. Denn wenn du auch zu verteidigen suchst, was du getan hast, so liegt doch der Hauptton deiner Verteidigung auf der Abbitte. Sieh also künftig zu, dass du nur so viel Milde brauchst, dass dadurch nicht ein ungünstiges Vorurteil für Andere entsteht. Nichts von dem, was du in deinem Briefe aufzählst, ließ ich weg, als man mich reden hieß. Denn alle Taten Carolis habe ich genau durchgenommen, die er in Genf, in Lausanne und in Frankreich auch nach seinem Abgang [aus der Schweiz] verübt hat. Aber er wurde nach mir vorgelassen und, nach Belieben hat er Einiges ganz entkräften, Anderes wenigstens viel kleiner erscheinen lassen, wieder Anderes, indem er uns verklagte, von sich abwälzen können. Mich ihm gegenüberzustellen, wagten sie nicht, damit ich nicht übermäßig erbittert werde. Seine Antworten milderten sie entweder oder verschwiegen sie mir ganz. So trieb man in der ganzen Verhandlung ein Spiel mit mir. Da ich das von Anfang an voraussah, hatte ich gleich bezeugt, ich wolle gar nicht dabei sein, weder verwerfend noch billigend. Denn um nichts anderes handelte es sich [von vornherein], als dass Einer nicht von uns weg gewiesen würde, den du schon aufgenommen habest. Du sagst, du seist doch nicht die Kirche. Aber wer sollte denken, dass du ihn anders als aus der Meinung der ganzen Kirche heraus empfehlest? Leugne, wenn du kannst, dass du in einem Brief Eure Versöhnung kundgetan hast. Aus dem, was du von dir schriebst, schloss man mit Recht auf die ganze Kirche, da alle dachten, dass du nie von ihrer Meinung abweichen werdest. So blieb ich ganz allein in der Opposition. Es machte mir dann besonders allen Einfluss unmöglich, dass es Caroli gelang, bei den Unsern den Anschein zu wecken, er habe einiges Recht gehabt, den Streit um die Dreieinigkeit [mit uns] anzufachen. Darin unterstützte ihn Capito nicht wenig, da er dem Butzer sagte, damals habe er von dir einen Brief erhalten mit dem Geständnis, du weichest in der Frage [von der Dreieinigkeit] von den Andern ab, oder irgend so etwas; ich weiß nicht mehr was. Denn Butzer hat es mir nicht deutlich gesagt. Der Bekenntnisse wegen quälten mich Alle ganz wunderlich. Das und Ähnliches taten sie, um Caroli nicht ihrer Barmherzigkeit für ganz unwert halten zu müssen. Unter welchen Bedingungen er aufgenommen worden ist, siehst du aus dem Protokoll. Was ich dort versprochen habe, will ich standhaft halten, wenn nur er selbst auch Treue hält. Wenns geschieht, dass er uns betrügt, bin ich frei. Denn ich habe mein Wort nur unter dieser Bedingung gegeben.

Gegen Alexandre le Bel bin ich vorzüglich gerüstet, so dass ich ihn, wenn er kommt, nach Verdienst empfangen kann. In der Sache wird mein Wort dann auch mehr Gewicht haben, weils da nicht scheint, als handle ich nur in eigner Angelegenheit. Vernimm ein bezeichnendes Beispiel seiner Unverschämtheit! Er wagte es einmal, in unser Haus zu kommen, um sich mir irgendwie aufzudrängen. Als ich zufällig in die Küche hinunterging, traf ich ihn dort bei den Dienstboten. Er grüßte mich recht auffällig und wollte zu reden anfangen. Ich würdigte ihn aber keines Grußes, nicht einmal eines Blickes; sondern rief nur Einen her und befahl ihm, den Mann hinauszuweisen. Unser Haus stehe Leuten, die aus der Kirche Gottes getilgt seien, nicht offen. Seitdem wagte er nicht mehr, sich mir zu zeigen. Er soll nur kommen, ungerüstet findet er mich nicht. Du wirst lachen, wenn du hörst, wie Caroli in einer Vorlesung Butzers dran gekommen ist. Butzer behandelte die Stelle von der Steinigung falscher Propheten. Um zu definieren, was ein falscher Prophet sei, sagte er, das sei nicht Einer, der Etwas neben Gottes Wort lehre, sondern der Sätze aufstelle, die dem Wort widerstritten. Als Beispiel fügte er bei, es gebe Leute, die einen Ort erfänden zur Läuterung der abgeschiedenen Seelen; das sei eine unrichtige Lehre, aber deswegen dürften wir Einen nicht verdammen; wenigstens, wenn er sie nur so vortrage, dass er es im Ungewissen lasse. Wer aber sage, man könne den Verstorbenen durch Gebete helfen, den müsse man nicht nur als eitel, sondern als unfromm verurteilen. Bei diesem Worte schaute er bald mich an, bald richtete er seinen Blick auf Caroli. Jetzt, da wir mit ihm verhandelt haben, müssen wir uns bemühen, dass er sich über unsere Standhaftigkeit oder Ehrlichkeit nicht mir Recht beklagen kann. Ich möchte doch einmal wissen, wie geschickt er sich bei de Rognac benimmt. Er gibt mir auch Anlass, dir einmal über den Stand der Dinge in der Kirche von Metz zu antworten. Caroli ging nämlich dorthin und suchte Gelegenheit zum Predigen zu erhalten. Sofort war der [bischöfliche] Offizial da und ließ ihn vor sich führen. Man weiß nicht, was mit ihm verhandelt wurde, nur dass er sich bald darauf wieder [von Metz] entfernte. Ungefähr vierzehn Tage vorher hatte ich meinen Bruder dorthin gesandt. Er arbeitete bei einem tüchtigen und ganz rechtschaffenen Mann. Sein Benehmen war bescheiden. Sobald man aber von ihm erfuhr, befahl man seinem Meister, ihn zu entlassen. Der weigerte sich, das zu tun. Da kehrten sie ihre Wut gegen meinen Bruder und hießen ihn innert sieben Tagen die Stadt verlassen. Er antwortete, es sei ungerecht und ein unverschämtes Vorgehen, über einen unschuldigen Menschen so zu beschließen, ohne ihn überhaupt gehört zu haben. Er wandte sich an die Obrigkeit, bat um eine Audienz. Man schlug sie ihm ab. Er appellierte an den obersten Gerichtsherrn und seinen Beirat, der aus dem Adel besteht. Er reichte, wie es Sitte ist, eine Bittschrift ein, aber es nützte nichts. Und nicht ihn allein behandelten sie so, sondern beschlossen, es solle kein Auswärtiger mehr in der Stadt geduldet werden, auf den irgendein Verdacht falle. Du merkst, dass dort bald dem Evangelium, wenigstens für die Gegenwart, das Tor verschlossen ist. Wir müssen also auf bessere Gelegenheit hoffen, nach der ich stets Verlangen trage.

– – – Die Übersetzung meines Briefes an Sadolet konnte ich nicht ganz vergleichen. Denn die Arbeit forderte einen ganzen Tag. Ich habe sie angesehen, um nach einer Stichprobe ein Urteil fällen zu können. Sie missfällt mir nicht. Doch möchte ich nicht, dass sie veröffentlicht würde ohne Verbesserung. Denn ich habe irgendwo doch noch einen Irrtum gefunden. Ich fürchte aber, wenn Antoine noch aufgehalten wird, so kommt ihm du Pinet mit seiner Übersetzung zuvor, der damit doch jetzt vielleicht allmählich bis zur Hälfte gekommen ist. Ich habe nämlich nicht den dritten Teil der Zeit zur Abfassung der Schrift gebraucht, die verflossen ist, seit er mir anzeigte, er habe mit der Übersetzung begonnen. Ich denke auf Zureden Michels. Der Stadtschreiber von Payerne hat einen seiner Brüder hier. Dafür erzieht er tauschweise den Sohn des Mannes, dem er seinen Bruder anvertraut hat. Es ist der Hausherr Gaspards, ein guter wackerer Mann. Seine Frau ist nun sehr in Angst, da sie von ihrem Sohn nichts hört. Sorge also, dass man bald schreibt, wie es ihm geht. Alle grüßen dich freundlichst, Capito, Butzer, Sturm und Bedrot; auch unsere Leute, Claude, Gaspard, Briton, die Schüler Claudes, Jacques und sein Kamerad, Enard und unser ganzes Haus, wo gegenwärtig auch mein Bruder ist. Diesen Brief behältst du besser bei dir, als ihn weit zu verbreiten.

Straßburg, 27. Oktober 1539.
Dein Calvin.

[Nachträge in den Briefecken und auf dem Umschlag.]

Grüße mir alle Brüder freundlich, auch deinen Kollegen, Thomas und die Andern. Ich konnte jetzt an Michel nicht schreiben. Bitte, lass ihn wissen, er soll mir mit dem nächsten Boten berichten, was mit dem Psalmbüchlein geschehen ist. Ich hatte hier Auftrag gegeben, 100 Exemplare nach Genf zu schicken. Jetzt erst höre ich, dass das nicht besorgt wurde. Gewiss hat er es in seiner Nachlässigkeit wieder hinausgeschoben, mir Bericht zu geben.

Das Protokoll konnte ich jetzt nicht bekommen, du wirst es nächstens erhalten.

[Französisch]: Durch Alexandre lassen sie mir sagen, Sie hätten für mich fromme Wünsche Luthers, von denen Sie sonst nichts erwähnten. Bitte, melden Sie, was es damit auf sich hat.

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