Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Die weiteren Fortschritte der Versöhnungsversuche sind in ihren Einzelheiten nicht durchsichtig. Du Tally (vgl. 24, 25) ein Freund Calvins in Genf. Das Straßburger Gemeindeglied, über das Calvin klagt, ist unbekannt. Wendelin Rihel war Calvins Verleger in Straßburg. Über Zebedee vgl. 36.

Von der Lage in Genf. Schwierigkeiten im Amt und Geldnöten. Vom deutschen Protestantismus.

Ich fange doch an, von dem Versuch [uns mit den Genfern] zu versöhnen, etwas Besseres zu hoffen als früher. So oft ich überlegte, mit welchen Leuten wir zu tun hätten, und als wie schlüpfrig und rasch zerfließend wir doch schon oft ihre Treue erfahren hätten, dachte ich, bei diesem Versöhnungsversuch könne für uns nichts oder doch nur sehr wenig herauskommen. Dazu konnte ich die Bedingungen, die beiderseits aufgestellt wurden, auch wenn sie nicht gerade Unwürdiges enthielten, nicht ganz billigen. Wenn nun aber wahr ist, was du erzählst, dass jene Beiden zum Abfall verleitet werden, ist es sicher nötig, dass wir auch durch einen Vergleich unter ungünstigen Bedingungen solchem Übel entgegentreten. Auf ihre größere Standhaftigkeit setze ich doch einige Hoffnung, weil sie durch das Versprechen, das sie allen Kirchen gegeben haben, doch ziemlich festgehalten werden, so dass sie nicht so leichthin abweichen können. In gewisser Hinsicht haben wir ja schon erreicht, was wir in erster Linie wünschten, dass jene ganz schlimmen Zwistigkeiten unter den Brüdern, die die Gemeinde zerrissen, beigelegt wurden. Wir können Gott nie genug dafür danken, der durch seine Güte all unser Hoffen übertrifft. Was meine Rückkehr angeht, so geschieht, glaube ich, nicht, was du Tally schreibt; denn ich habe davon seither kein Wort mehr vernommen. Ich dachte, die Brüder hätten diese Frage als überflüssig bei Seite gelassen, da sie sahen, dass auch anderswoher Heilung kommen könne. Weil ich daher annahm, die ganze Bewegung zu diesem Zweck sei ermattet oder ganz hingefallen, so machte es mir auch keine Sorge mehr. Die Botschaft, die mir nun du Tallys Brief brachte, hat mich nicht ohne Grund so sehr erschreckt. Ich habe dir noch nicht alle Gründe genannt, und die wenigen, die ich erwähnte, mehr nur angedeutet als ausgeführt. Gewiss, das, was ich von dir sagte, ist von großer Wichtigkeit. Denn entweder müssen wir beide wieder eingesetzt werden, oder es scheint, ich sei nur aus Gnade wieder eingesetzt. So wird dann nur meiner Person die Wiedereinsetzung zugestanden, und nicht unserer Sache. Vor allem aber macht mich die Überlegung stutzig, wenn ich mir vor Augen halte, in welchen Strudel von Arbeit ich mich stürzen soll; denn ich spürte schon, dass er mich ganz verschlang, als er um die Hälfte weniger war.

Ich habe ja, das will ich gestehen, auch hier manche Kämpfe, und das harte; aber doch dienen sie mir zu Übung, und werfen mich nicht ganz nieder. Allerdings, diese Ostern hätte ich keinen geringen Handel bekommen, wenn jener schreckliche Mensch, über den du klagst, hier gewesen wäre. Entweder hätte ich ihn gezwungen, Rechenschaft zu geben von seinem Tun, oder er wäre nicht zum Abendmahl zugelassen worden. Einer seiner Schüler (der gleiche, den er gegen Claude Normain hatte aufhetzen wollen) hatte im Sinn, zu kommen, wenn ich ihm nicht die Mahnung hätte zukommen lassen, er müsse sich erst vor mir rechtfertigen oder bestimmt Besserung versprechen. Den ganzen Monat hatte er keine Predigt gehört, und das öffentliche Ärgernis seines Spielens und Zechens gleichsam zu Markte getragen; auch von Hurerei munkelt ein Gerücht, und trotzdem hätte er sich frech zum hochheiligen Sakrament gedrängt, wenn ich ihm nicht den Weg versperrt hätte. Dem, der ihm meldete, was ich ihm sagen lassen wollte, antwortete scherzend, die Beichte überlasse er den Papisten. Ich gab zur Antwort, es gebe auch eine Art christlicher Beichte. Wenn sein Meister zurückkommt, so wird zwischen uns der Krieg schon erklärt sein. Mein Verdienst ist es nicht, dass ich nicht schon längst einen Zusammenstoß mit ihm hatte. Denn ich habe seine Gottlosigkeit schon öffentlich und deutlich, auch in der Predigt, so gekennzeichnet, dass weder ihm noch Andern die Rede unverständlicher war, als wenn ich ihn mit Namen genannt oder mit dem Finger auf ihn gewiesen hätte. Jetzt, da er nach Frankfurt gereist war, habe ich Butzer beschworen, sich vor ihm nicht anders als vor einem geschworenen Feinde zu hüten. Sobald er merkt, dass ich ihn so behandle, welche Stürme wird er wider mich erregen: Also ob ich hier bleibe, ob ich reise, – viele Sorgen, Beschwerden und Schwierigkeiten drohen mir.

Ich gestehe, es ist mir lieb, dass ich die Brüder so voll Sorge für mich sehe, dass sie bereit sind, meinem Mangel aus ihren Mitteln abzuhelfen. Ich könnte ja nicht anders, als über einen solchen Beweis ihrer Liebe mich freuen. Aber ich habe beschlossen, doch auf deine und ihre Wohltätigkeit zu verzichten, bis größere Not mich zwingt. Der Buchdrucker Wendelin, dem ich mein Büchlein zum Druck gegeben habe, gibt mir, soviel ich für unvorhergesehene Ausgaben brauche. In meiner Bibliothek, die noch in Genf ist, wird wohl soviel Wert stecken, dass ich meinen Hauswirt bis zum nächsten Winter zahlen kann; für später wird er Herr sorgen. Da ich doch früher ungezählte Freunde in Frankreich hatte, bot mir keiner einen Heller an; und doch, hätten sie es getan, so hätten sie den billigen Ruhm ihrer Wohltätigkeit genießen können; denn sie hätten mir noch so wenig anbieten können, ich hätte es genommen. Ich vergaß Louis [du Tillet], der allein hat mir seine Hilfe angeboten; aber auch er verkaufte seine Spende zu teuer. Wenn er mich auch nicht gerade zum Widerruf aufforderte, so hat er doch deutlich ausgesprochen, ich sei aus der Kirche entronnen. Ich antwortete, was sich auf einen solchen Vorwurf gehört, fürchte aber, mein Brief ist verloren gegangen. Für die Gegenwart will ich mich also mit deinem und der Brüder gutem Willen begnügen; habe ichs einmal nötig, so will ich seine Leistungsfähigkeit erproben. Dagegen bitte ich, dass Ihr nach Eurer Freundlichkeit gegen mich auch zufrieden seid mit meiner Dankbarkeit. Es tut mir leid, dass die Krone verloren gegangen ist; ich muss mich wegen meiner Unachtsamkeit deswegen anklagen; nur glaubte ich, es müsse einen schon die Scham abhalten, [mein Vertrauen] so zu missbrauchen.

– – Wie kannst du mein Versprechen fordern, den Brüdern zu helfen bei der Wiederherstellung der Kirchenzucht [in Genf]? An wen sollte ich da schreiben und in welcher Art? Wodurch hast du mir dazu einen Weg bereitet, oder aber wie kannst du erwarten, ich solle mich da kühn einmischen?

Philippus gegenüber habe ich neulich ihm gerade ins Gesicht kein Hehl daraus gemacht, wie sehr mir die große Menge ihrer Zeremonien missfalle. Mir scheine, das Formenwesen, an dem sie festhielten, war nicht weit vom Judentum entfernt zu sein. Als ich mit Gründen in ihn drang, wollte er mir das nicht bestreiten, dass sie zu viel hätten von diesen teils törichten, teil überflüssigen Bräuchen; aber er sagte, man habe dies eben notwendig dem Starrsinn der Kirchenrechtler, die sie dort hätten, zugestehen müssen. Übrigens sei kein Ort in Sachsen, wo man nicht freier sei als in Wittenberg, und diese Gemeinde selbst werde nach und nach viel von diesem Zeuge abschaffen. Zum Schluss aber sagte er, Luther billige die Zeremonien, die er nur gezwungen festgehalten, nicht mehr als unsere Sparsamkeit in solchen Dingen. Wenn doch unser guter Zebedee sehen könnte, wie aufrichtig Philippus ist. Sicher würde er allen Verdacht eines Betruges ablegen. Dass Butzer weiter die lutherischen Zeremonien verteidigt, geschieht nicht, weil er sie selbst wollte oder sie einzuführen trachtete. Den lateinischen Gesang zu billigen, dazu kann ihn nichts bringen. Vor den Bildern hegt er Abscheu. Anderes dünkt ihn zum Teil verächtlich, zum Teil kümmerts ihn gar nicht. Aber das ist nicht zu befürchten, dass er, was einmal abgeschafft ist, wieder durch eine Rückkehr zum Alten einführe. Nur will er nicht leiden, dass wir uns um solcher äußerer Bräuchlein willen von Luther trennen. Ich glaube auch, dass das keine genügenden Ursachen zur Trennung sind.

Das deutsche [schmalkaldische] Bündnis hat nichts an sich, was ein frommes Herz verletzen müsste. Ich bitte dich, warum sollten sie nicht die Kräfte, die ihnen der Herr gegeben, vereinigen zu gemeinsamer Verteidigung des Evangeliums. Übrigens ziehen sie niemand weder mit Gewalt, noch irgendwelcher Nötigung in ihren Bund. Ja, es gibt vielmehr evangelische Städte, denen ein Bündnis mit Papisten, ja mit Bischöfen sogar, besser schien, z. B. Nürnberg. Wenn doch Zebedee wüsste, mit welchen Künsten die Bundesglieder bei ihrem Konvent versucht worden sind, und wie mannhaft sie widerstanden! Der kaiserliche Gesandte versuchte nichts mehr, als sie von den Schweizer Kirchen wegzuziehen. Er nannte diese freilich nicht, aber er verlangte, sie sollten die Sache der Sakramentierer nicht zur ihrigen machen. Ihre Antwort war, sie hätten brüderliche Gemeinschaft mit denen, die er Sakramentierer nannte. Wie viel Mut zeigten sie nur bei der letzten Verhandlung! Der Kaiser stellte die Bedingung, sie dürften niemand in ihren Bund aufnehmen während der Frist des Waffenstillstandes, der geschlossen werden solle. Sie stimmten dem zu, aber nur unter der Bedingung, dass, wer das Evangelium annehme, auch sicher sein solle außerhalb des Bundes. Würden solche angegriffen, so erklärten sie, alle für Bundesgenossen halten zu wollen, die Christi Sache unterstützten. Dagegen forderten sie ihrerseits vom Kaiser, dass während besagter Frist auch keine Bündnisse gegen das Evangelium geschlossen würden. Der Kaiser wollte, das Kirchengut solle den Priestern bleiben bis zum Ablauf des Waffenstillstandes. Die Unsern willigten ein, doch solle daraus für Kirchen und Schulen gesorgt werden, und bestanden darauf bis zuletzt. Was soll ich berichten von der berühmten Festigkeit dieser Stadt [Straßburg]? Als die kaiserlichen Bedingungen bekannt gegeben wurden, es sollen alle seit dem Nürnberger Konvent geschlossenen Bündnisse ungültig sein und keine neuen unter den Unsern geschlossen werden, damit jede Partei gleich bleibe, bis nach einem Religionsgespräch die deutsche Kirche reformiert würde, da gab es sofort einen Ratsbeschluss des Inhalts: Lieber wollten sie sehen, dass ihre Weiber und Kinder vor ihren Augen getötet würden, dass all ihr Gut zu Grunde ginge, ihre Stadt zerstört würde, ja dass sie selbst alle fallen und sterben müssten, als dass sie ein Gebot annehmen sollten, durch das dem Evangelium Christi der Weg versperrt würde.

Lieber Farel, überlege dirs, ob wir nicht solchen Männern Unrecht tun, wenn wir in aller Muße sie beschuldigen, während sie durch keine Gefahr noch Schrecken sich vom rechten Pfad abdrängen lassen. Die Sache wendet sich ohne Zweifel doch zum Krieg; schon wurde ein Einfall ins Gebiet von Lüneburg unternommen. Du sagst, es sei unsre Pflicht, Alles eifrig zu meiden, wodurch wir Gefahr liefen, guten, frommen Leuten Ärgernis zu geben. Das gebe ich zu; aber es ist doch die Pflicht der guten Leute, sich zu hüten, dass sie sich nicht von ungefähr und ohne allen Grund ärgern.

Während ich schreibe, kommt der Schüler, den ich erwähnte, und will in Gnaden aufgenommen werden: ja, er nennt obendrein den Claude als Vermittler. Ich hoffe, der Herr verleiht uns, dass wir seinen Trotz entkräften durch ernste Milde. Gut, dass wir bis zum Abendmahl noch vierzehn Tage haben, um vorher unsere Erfahrung mit ihm zu machen. Grüße mir Thomas freundlichst und die übrigen Brüder. Der Herr bewahre Euch alle unversehrt und einmütig. Lasst Euch im Gebete die Kirchen ja recht angelegen sein, da uns von allen Seiten die Gefahren so bedrängen.
Geschrieben im April 1539.
Dein Calvin.

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