Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Claude de Glantinis und Alexandre le Bel waren zwei wegen schlechter Aufführung abgesetzte Pfarrer der französischen Schweiz. Die erwähnten Studenten sind Michel Mulot, Claude Feray, Gaspard Carmel; Henri und Laurent sind nicht näher bekannt. Weggelassen sind einige Sätze über eine undurchsichtige Angelegenheit.

Von der Kirchenzucht, Lobhudlern, den Verhandlungen mit den Anhängern in Genf. Über die Straßburger Studenten. Versuche im Dichten.

Ich werde nicht aufhören, dich zu mahnen, dass du tust, was ich dich schon von selbst tun sehe, teils um deinen Mut zu erhöhen, wenn ich dir mein Frisch auf! zurufe, teils um mich selbst mit dir durch meine Ermahnungen fest zu machen. Je gründlicher ich Alles betrachte und je weiter ich Umschau halte, desto sicherer wird’s mir, dass wir Viele ertragen müssen, die man, wenns ginge, lieber wegwünschen möchte. Denn unter diesem Übel wird nicht nur die ganze Kirche immer leiden müssen, sondern vor allem auch der Stand in der Kirche, der am reinsten sein sollte und ganz davon gesäubert, dass ihm lasterhafte Menschen zur Last lägen. Freilich, wenn man sie dulden muss, ja, sie mit Wohlwollen und Freundlichkeit sogar festhalten muss, so möchte ich deshalb doch nicht zu grenzenloser Nachsicht kommen, sondern Nachsicht nur üben, wo Fehler dadurch gebessert werden können. Bei Leuten wie de Glantinis und Alexandre le Bel und andern bösen Geschwüren der Art verlohnt sichs wohl, wenn wir eine reine Kirche wollen, sie nicht nur vom Amt auszuschließen, sondern auch, wenn sie weiter lästern, sie aus der Gemeinschaft der Gläubigen zu tilgen. Könnte ich Euch doch beweisen und überzeugend dartun, was ich für nützlich halte. Weilen sie noch in der Grafschaft Neuchatel, so sollen sie zur feierlichen Untersuchung durch die Kirche aufgeboten werden und streng ermahnt um ihrer Bosheit willen. Verstocken sie ihr Herz, so soll der Bann sie treffen. Du sagst, das steht nicht in Eurer Macht. Warum sollte nicht vom Rat zu erlangen sein, dass außerordentlichster Weise zwei oder drei Ratsherrn abgeordnet würden, die im Namen des Staates die Schuldigen vor die Synode der Brüder lüden und selbst als Schiedsrichter daran teilnähmen? Denn es liegt im Interesse der Obrigkeit selbst, dass nicht so frech verhöhnt wird, was sie entweder selbst aus eigener Machtvollkommenheit aufgestellt oder doch als Beschluss der Kirche angenommen und bestätigt hat. Die sich aber noch heilen lassen, die müssen wir als unsere Glieder hegen und pflegen. Ja selbst solche, die besser abgehauen würden, wollen wir, wenn irgend möglich, tragen, bis ihre Bosheit reif geworden und als offenes Geschwür ausgebrochen ist. – – –

Einstweilen sehe ich, wie wahr es ist, was Viret sagt, dass niemand uns gefährlicher ist als die Leute, die durch maßloses Loben unsern Neidern und Feinden die Galle überlaufen machen. Freilich, da ich bis jetzt nur geringen Anlass zum Loben geboten habe, glaube ich nicht, dass jemand zu freigebig [an Lob] gegen mich sei, außer etwa solche, die sich damit an dich machen wollen. Ich möchte doch, dass solch unbequeme Lobhudelei der Art, die nur uns und unsrer Sache schadet, verhindert werde. Wenn du dazu etwas tun kannst, so tue es, bitte. Ich habe wenigstens, als mir zu Basel Einer, um dich zu rühmen, sagte, er habe dir vor aller Welt keine geringere Ehrfurcht gezollt als [dem Apostel] Paulus, kein Hehl daraus gemacht, wie sehr mir diese Vergleichung missfällt. Was hat das für Sinn, dich ihm gleich zu stellen, da doch unter allen andern Apostel keiner zu finden ist, der ihm in Allem gleichkäme? Wir kommen dann doch in eine böse Lage, wenn wir Strafe zahlen sollen für die Dummheit und Übertreibung anderer Leute. Aber auch diese Krankheit lässt sich heilen, wenn einmal der Vorwand des Zwistes begraben wird. Drum werde ich bei Butzer, sobald er [vom Landgrafen] zurück ist, fest auf eine Zusammenkunft dringen. Wenns nur den Andern zu gut kommt, so wollen wir nicht zögern, unsrerseits Alles preiszugeben, wenn nur die Ehre Christi und die Treue unseres Dienstes unverletzt bleibt. Denn tausendmal lieber wollt ich sterben. Ich lasse mich auch nicht dorthin führen, als bis ich Butzer mit einem Eid auf diese Worte verpflichtet habe. Freilich hat er es mir schon freiwillig, ohne dass ich bat, versprochen und angenommen.

Dass mein Brief, den ich an die Brüder [in Genf] gemeinschaftlich schrieb, so ungünstig aufgenommen wurde, tut mir leid. Aber schon darum reut es mich nicht, ihn geschrieben zu haben, weil nun, wenns einmal so weit kommt, die Gegner uns nicht vorwerfen können, es sei auf unsern Rat hin etwas zugelassen worden, was den Brüdern Tadel eintrüge. Nur das ist mir ärgerlich, dass Saunier nicht treuer an mir gehandelt hat. Denn nur in dem Sinn und unter der Bedingung hatte ich den Brief geschrieben, dass er je nach deinem Urteil abgesandt oder unterdrückt würde. Da es nun durch seinen Leichtsinn anders gekommen ist, so vernimm, was dich hoffentlich zufrieden stellt. Die ganzen drei Tage wars schon viel, dass er mir und Capito nicht gerade Gewalt antat, wir sollten ihm erlauben, das Pfarramt [in Genf] anzunehmen. Es wurde ein Tag bestimmt, an dem wir ihm antworten wollten. Da ich aber gerade durch Unwohlsein oder ein dringendes Geschäft verhindert war, teilnehmen zu können, ließ ich mich entschuldigen. Das Pfarramt, worauf Saunier am meisten drängt, wurde ihm von Capito verweigert, wobei Firn an seinem Teil eifrig mithalf. Da die Sache nicht nach seinem Wunsch ging, wünschte Saunier eine neue Verhandlung. Am folgenden Tag kam Capito mit Firn zu mir. Saunier begann von Neuem vorzubringen, was schon Tags zuvor verhandelt worden war, und zwar forderte er es mit solchem Eifer, dass sich sein ganzer törichter Ehrgeiz verriet. Capito hieß mich ihm erwidern, und ich brauchte zu meiner Rede eine ganze Stunde. Saunier war wütend, weil er die Erlaubnis zu predigen nicht von uns erpressen konnte. Schließlich beruhigte er sich; nur sollten wir ihm in einen Brief bezeugen, was wir über die Abendmahlsgemeinschaft gesagt hatten. Zwei oder dreimal weigerte ich mich, zuletzt gab ich nach, aber nur unter der Bedingung, es solle dir vorbehalten sein, den Brief zu behalten oder zu veröffentlichen. Höre, was der Hauptinhalt war:
Ich ging aus vom Unterschied von Pfarrern und Laien. Dem Pfarrer sei die Austeilung des Abendmahls anvertraut, deshalb müsse man Treue und Klugheit von ihm verlangen dürfen. Dabei machte ich kein Hehl draus, dass das Abendmahl von ihren Pfarrern schändlich entweiht werde. Den Laiengliedern der Kirche stehe aber ein solches Urteil nicht zu, zeigte ich weiter, weil die Einzelnen sich nur selber prüfen sollten, und so zur Teilnahme am Tisch des Herrn treten. Dann teilte ich die ganze Sache in verschiedene Argumente; erinnere mich aber jetzt gerade nicht mehr ganz an diesen Teil des Briefes. Außer dass ich die Behauptung aufstellte, es bestehe tatsächlich bei ihnen die Kirche noch, wenn auch verstümmelt und zerstreut. Daraus ziehe ich den Schluss, die Teilnahme an den Sakramenten sei für die dortigen Frommen ganz gesetzmäßig. Dann löste ich die Einwände auf, die sie machen konnten, vor allem wegen der [richtigen] Berufung der Pfarrer, von denen sie das Abendmahl empfangen.

Was die Kirche angeht, so lass uns, bitte, lieber Bruder, den vielen Lobsprüchen der Schrift Raum geben, die uns die Einheit der Kirche ans Herz legen. Dann wollen wir auch die Zeugnisse beachten, die auch da noch eine Kirche feststellen, wo doch viele Eigenschaften der Kirche fehlen. Will mir einer ein Konzil aufdrängen als Kirche, in dem die Partei der Gottlosen die Übereinstimmung der Frommen unterdrückt, so dass er mich, wenn ich die Sprüche des Konzils nicht wie ein Gottesorakel verehre, zu den Heiden und Zöllnern rechnen zu müssen glaubt, das rührt mich wenig. Anders aber ist die Sache, sobald es sich um den Gebrauch der Sakramente handelt. Du weißt, wie gründlich David die Bosheit Sauls und des ganzen königlichen Hofes verabscheute. Aber die Gemeinschaft mit einer frevelhaften Rotte hinderts nicht, dass er besonders unter den Mesekiten [Psalm 120, 5] es beklagte, nicht zu den heiligen Versammlungen und zur Darbietung der feierlichen Opfer kommen zu dürfen. Aber ich will nicht die ganze Seite mit einer langen Reihe von Beispielen füllen; bedenke jedoch nur, wie beklagenswerte Laster zu gewissen Zeiten unter dem jüdischen Volke herrschten, und doch hatten sie nicht die Wirkung, dass die Opfer, die nach der Einsetzung und Ordnung des Herrn gefeiert wurden, nicht für die Gläubigen heilig und rein gewesen wären. Denn es blieb in ihnen die Leuchte des Herrn angezündet, die ihnen auch in der tiefsten Finsternis strahlte. Zebedee hat mir an dieser Stelle den Papst entgegen gehalten, aber umsonst. Denn am Papsttum fehlt die Grundlage, die ich als Stütze des Namens Kirche sehen will. Darin aber liegt das Missverständnis [des Zebedee], dass er, wenn ich vom Dienst des Wortes sprach, meinte, ich redete von irgendeiner Predigt, während ich darunter auch eine Lehre forderte, die sich wirklich als Grundlage einer Kirche eignet. Ich sehe also nicht ein, warum wir leugnen sollten, dass dort [in Genf] tatsächlich auch jetzt eine Art Kirche besteht, so dass die Sakramente des Herrn ganz richtig gefeiert werden können. Dabei gebe ich freilich zu, dass eine Kirche an einer sehr schweren Krankheit leidet, in der die Gottlosen und die Gläubigen so vermischt sind. Doch daraus folgt nicht, dass für die Frommen das Abendmahl des Herrn, das sie nach seiner Einsetzung pflegen, unrein sei. Allerdings sie haben keine rechtmäßigen Pfarrer, die es ihnen austeilen. Mehr noch, es ist Gefahr, dass sie die auch als ihre Pfarrer anerkennen, deren Abendmahlsspendung sie nicht verachten. Dagegen sage ich deutlich, dass damit kein Zeugnis abgelegt wird zur Billigung der Amtsverwaltung der Pfarrer, nur rate ich ihnen, sich nicht umsonst in einen Zank zu verwickeln, der ganz unnütz ist. Denn auch Christus und die Apostel anerkannten die Amtsverwaltung des Kaiphas nicht, trotzdem sie an den Zeremonien [dieses Amtes] mit ihm und dem ganz verderbten Volk teilnahmen; aber sie gestanden es der öffentlichen Ordnung zu und ließen den, der die Stellung eines kirchlichen Beamten einmal hatte, sein gewöhnliches Priesteramt verrichten. Du weißt ja auch, mit welchen Mitteln der in seine Ehrenstellung eingedrungen war. Was mehr? Wenn wir nicht auch solche Mäßigung üben, wird Einer vom Andern in unzähligen Schismen sich trennen, und nie werden schöne Gründe für die Trennung fehlen. Was Ihr über die rechte Verwendung des Kirchenguts von Eurer Obrigkeit erlangt habt, erfüllt mich mit unsagbarer Freude. Fahre so fort, lieber Bruder, und bleibe fest in diesen Grundsätzen. Wenn auch nicht überall Alles Fortschritte macht, so ists doch schon etwas, wenns einmal irgendwo vorwärts geht. Dass Caroli zum Konzil reisen soll, lächert mich; natürlich hat der Papst weder im Ernst noch im Traum daran gedacht, ihn dazu zu berufen. So müssen wir wohl auf einen andern Weg zur Ausbreitung des Reiches Christi warten und denken!

Die Psalmen hatten wir deshalb geschickt, damit sie bei Euch zuerst einmal gesungen würden, ehe sie an den Ort kommen sollten, den du dir denken kannst. Denn wir haben im Sinn, sie bald herauszugeben. Weil mir die deutschen Melodien besser gefielen, musste ich einmal versuchen, was ich im Dichten leisten könne. So sind die zwei Psalmen, der 46. und der 25., mein Probestück; andere habe ich dann nachher noch dazugefügt. Über Michel haben wir beschlossen, ihn noch vor Ostern auszusenden. Über die andern werden wir zur rechten Zeit Beschluss fassen. Ich wage es nicht, hierin etwas leichthin zu versuchen, damit wir nicht Ungebildete und Unvorbereitete [ins Amt] einführen. Claude, der in Basel studierte, scheint mir, wenn auch nicht ohne Wissen, doch noch nicht genügend ausgebildet. Auch Gaspard muss sich noch gründlicheres Wissen und größere Erfahrung erwerben. Unter den andern ist keiner, glaube ich, der vor einem Jahr tauglich sein wird. Schlimm ists, dass Henri von seinem Vater so im Stich gelassen wird. Wenn Ihr irgendwie einen Weg findet, so sorge bitte dafür, dass sein weiteres Studium ermöglicht wird. Er ist´s wert, dass man ihm Rechnung trägt; abgesehen von dem guten Anfang, den er in der Wissenschaft gemacht, verspreche ich mir viel von seinem bescheidenen Wesen. Weil ich annahm, du könnest es dir denken, was mein Rat sein werde über das Kirchengut, habe ich es unterlassen, davon zu schreiben. Aber soweit es sich in einigen Worten erledigen lässt, will ich es lieber unnötigerweise dazu setzen, als deinen Wunsch unerfüllt lassen. Mir scheint das die richtige Verwendung, dass es für vier verschiedene Aufgaben bestimmt werde; ein Teil soll zur Besoldung der Pfarrer, einer zur Ernährung oder Unterstützung der Armen, einer zum Unterhalt der Schulen verwendet werden. Das übrige soll für außerordentliche Ausgaben zurückgelegt werden. Denn es werden sich noch viele Geschäfte finden, zu deren Erledigung Geld nötig sein wird. Lebwohl, bester trefflichster Bruder. Alle die Unsern grüßen dich freundschaftlich, vor allem Michel und Gaspard. Laurent ist, ich weiß nicht wie, mir fremder geworden. Ferner Claude und Henri. Andere Franzosen kennst du nicht, doch lieben sie dich auch unbekannter Weise von Herzen. Capito bat mich ängstlich, ihn bei dir zu entschuldigen, und hätte nicht aufgehört, sich zu quälen, wenn ich ihm nicht versichert hätte, du seist gewiss mit meiner Entschuldigung zufrieden. Auch Sturm grüßt freundlich und Bedrot. Du siehst, wie mir Einer nach dem Andern einfällt.

Straßburg, 29. Dez. 1538.

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