Böhmische Brüder – Brief an Luther und Melanchthon

Böhmische Brüder – Brief an Luther und Melanchthon

8. Oktober 1536

  Von diesem Brief existirt, nachdem das lateinische, im Brüder-Archiv zu Leitomischl aufbewahrte Original-Concept bei dem großen Brande, der am 11. Mai 1546 ganz Leitomischl zerstörte, zu Grunde gegangen, nur eine böhmische Uebersetzung in den Listowé a Gednány etc. in Herrnhut, wovon Herr J. Müller in Herrnhut uns eine deutsche Uebersetzung zu fertigen die Güte hatte. 

 An die edlen Männer und ehrwürdigen Herren, unsere Brüder, Herrn Martin Luther, und Herrn Philipp Melanchthon, unsere in Christo Jesu Geliebten.

Gnade und Friede unsers Herrn Jesu Christi sei Euch, in Christo Jesu geliebten Brüdern und trefflichen Männern zum Gruß.

In der Osterzeit des vergangenen Jahres haben zwei unserer Brüder, welche Euch aus Liebe besuchten, uns von Euch Briefe voll Liebe gegen uns überbracht, welche, nachdem wir sie wiederholt gelesen haben, uns sehr erfreuten. Denn was könnte uns, um es kurz zu sagen, erwünschter und erfreulicher sein, als das, was Eure Briefe enthalten und was uns unsere zu Euch gesandten Brüder mündlich berichteten, nämlich daß Ihr uns nun ganz verstanden und erkannt habt, daß wir gemeinschaftlich mit Euch denselben evangelischen Glauben und denselben Sinn hinsichtlich der Sacramente wahrhaftig und vollständig haben. Aber wir als ungelehrte Leute vermögen nicht in so glänzenden Schriften und Reden, worin Ihr uns voraus seid, diese Sache Christi zu führen, noch auch sie so kräftig zu vertheidigen. Dieser Mangel kommt bei uns nicht daher, daß wir die Gelehrsamkeit verachteten oder sie gering schätzten, sondern unsere Armuth und sehr große Bedrängniß, sowie die Grausamkeit der Geistlichen und Weltlichen, die uns peinigen und bedrücken, ist Ursache, daß wir diese nothwendigen äußeren Hilfsmittel entbehren müssen. Aber trotz alledem können wir uns doch ein wenig mit dem hl. Paulus rühmen, daß wir zwar unerfahren in der Rede, aber nicht in der Erkenntniß der Wahrheit sind, um nicht zu verstehen und zu wissen, worauf unsere ganze Seligkeit beruht und auf welchen Wegen und Stegen wir sie erlangen, ja thatsächlich genießen können. Und dafür haben wir einen untrüglichen Zeugen in unserem eigenen und dem Gewissen derer, welche wir unterweisen, daß niemals weder wir noch unsere Vorfahren der Hilfe lebendiger oder todter Heiligen, oder unseren eigenen oder fremden Werken, oder irgend welchen anderen Dingen diese Macht zugeschrieben haben, sondern ganz und ausschließlich unserm einigen und ewigen Gott Vater, Sohn und heiligen Geist, der Gnade und Barmherzigkeit des himmlischen Vaters, dem reichlichen und vollgiltigen Verdienst seines Sohnes und dem Geschenk des heiligen Geistes. Ihn allein halten wir für Ziel und Grund, von ihm suchen wir Gunst und Gnade, ihn rufen wir an, von ihm kommt all unser Trost her, ihn allein ehren wir, auf ihn allein gründen wir die Vergebung aller Sünden, die Beruhigung des Gewissens, kurz die feste Gewißheit und Hoffnung der ganzen Seligkeit. Sein heiliges Wort haben wir stets für den unerschütterlichen Grund gehalten, und verlangen inbrünstig durch dieses allein uns bei Tag und bei Nacht leiten zu lassen, sei es beim Glauben oder bei den guten Werken, bei den Sacramenten oder bei den Ceremonien und kirchlichen Ordnungen. Darum haben wir bei unsern Böhmen immer ernstlich darauf gedrungen (namentlich in öffentlichen Briefen) und oftmals bis zum Ueberdruß um ein ordentliches und geziemendes Gehör gebeten, damit sie, wenn wir noch irgendwo irren sollten und Gott das vor unseren Augen verborgen hätte, uns aus der heiligen Schrift liebevoll belehrten und ermahnten. Und wenn eine solche Zurechtweisung uns ordnungsgemäß und nicht von parteiischen Personen zutheil würde, wollten wir uns ihr demüthig unterwerfen, indem wir versprachen, daß wir einen bei uns gefundenen Irrthum widerrufen und bessere Belehrung mit Freuden in Einfalt und Aufrichtigkeit des Herzens annehmen wollten. So haben wir in Wahrheit zu jeder Zeit gedacht und bis auf den heutigen Tag. Wenn wir aber einmal selbst, von uns aus durch die heilige Schrift irgend etwas Bedenkliches oder Irriges bei uns entdeckten, haben wir sogleich ohne Zaudern das Bessere angenommen, wovon es bei uns manche Beispiele gibt.

Ein deutlicher Beweis und Zeugniß davon findet sich hinsichtlich der Taufe, deren Gebrauch, nämlich die Wiederholung derselben, weder wir noch unsere Väter für einen unumstößlichen Glaubensartikel gehalten haben. Auch haben wir dieselbe nicht erst aufgebracht und versucht, sondern durch Andere veranlaßt, welche als hervorragende Männer und Kirchenlehrer aus triftigen und geziemenden Gründen urtheilten, daß die von Ketzern und Simonisten vollzogene Taufe wiederholt werden solle, sind wir darin ihrem Beispiel gefolgt. Dabei schien unseren Vorfahren und uns noch ein stärkerer und wichtigerer Grund zur Wiedertaufe der zu sein, wenn die erste Taufe nicht nur von einem Simonisten, was nach dem Urtheil der allgemeinen Kirche eine große Ketzerei ist, und von einem offenbaren Sünder und unwürdigen Diener empfangen worden war, sondern, was noch schlimmer ist, wenn sie nicht nach dem Sinn und der Absicht Christi gegeben und ihr trotz alledem auch ohne eigenen Glauben die Kraft selig zu machen zugeschrieben worden war. Ja auch Du, trefflicher Herr Doctor, schriebst in Deinem Buch von der Winkelmesse eine ähnliche Ansicht in Bezug auf das Abendmahl des Herrn, daß Du nicht zu behaupten wagest, daß dort der göttliche Leib sei, wo der Dienst nicht im Geiste Christi nach seinem Befehl und Sinn geschehe. Diese selbe Meinung hatten auch wir in Bezug auf die Taufe und die anderen kirchlichen Dienste, daß wir nicht zu behaupten und auszusagen wagen, daß das, was außer dem Geist und Sinn Christi dargereicht und empfangen wird, Christi sei, geschweige denn, wenn sie das übel anwenden gegen Christum zur Vernichtung seines Evangeliums und zur Austilgung und Ausrottung seiner selbst aus den Herzen der Gläubigen. Dabei unterstütze uns auch nicht wenig das Beispiel aus dem Alten Testament, wo Gott seine geheiligten Dinge und Gebräuche, welche er kurz zuvor dem Volke Israel zu halten gegeben und geboten hatte, verfluchte und sich davon lossagte, wenn sie dieselben übel anwendeten, das ist, nach ihrer Absicht und nicht zu dem von ihm gemeinten Zweck. Darum nannte er seinen heiligen Tempel eine Mördergrube, die Opfer Greuel und ihre Feste und Feiertage Koth. Doch zu dieser Zeit schien es uns nützlicher zu sein, daß wir nicht so fest wie früher darauf bestünden, als wir, sei es die Taufe oder die anderen Dienste, bei uns völlig neu haben wollten, sondern daß wir lieber nur eine Vervollständigung dessen, was ungenügend war, annähmen, und das, was befleckt war, reinigten. Sollte uns aber bei alledem irgend welche Abweichung oder Abirrung von dem sicheren Ziel widerfahren sein, so glauben wir, daß uns das Gott um Christi willen und um unsers Glaubens willen an ihn vergibt, ja daß auch seine Kirche das mild beurtheilt, weil wir darin nicht Ketzer, d.i. Hartnäckige sind, ja unaufhörlich mit der gesamten Kirche darum beten, indem wir sprechen: Vergib uns unsere Schulden rc. Wenn aber einer aus allen Frommen uns das über Gebühr hoch anrechnen und sehr verargen sollte, der möge bei sich nur das erwägen und daran denken, daß wir uns fast allein in der vorhergegangenen Zeit, in welcher die gleichsam ägyptische Finsterniß des Antichrists das Licht eingehüllt hatte, an das reine Evangelium gehalten haben, soweit es Gott dem Herrn im Himmel gefiel es uns zuzumessen. Endlich haben unsere Väter das am meisten begehrt, welches Verlangen auch in uns nicht erkaltet oder schwächer geworden ist, daß Gott der Herr, der Vater aller Barmherzigkeit, in allen Ländern seine Kirche in allen ihren Theilen erneuern, ihre Zweige ausbreiten und die Grenzen des Reichs seines Sohnes bis an die Enden der Erde erweitern möge, mit welcher wir nicht nur die Einigkeit des Geistes und des Glaubens, sondern auch der Ordnungen halten könnten, indem wir einander in Liebe tragen.

Weil aber der allgütige Gott Euch, die Ihr ehemals Feinde des reinen Evangeliums und um deßwillen auch unsere Feinde waret, nun zu Dienern an diesem Werke des heiligen Evangeliums erwählt und dazu gesetzt hat, daß seine Kirche zuerst im Reich und dann auch in andern fernen Ländern erneuert würde, so wisset, daß wir uns darüber sehr freuen und jubeln, indem wir uns dessen mit Euch gemeinschaftlich trösten, auch danken wir dafür Gott als dem einigen und alleinigen Urheber desselben, und begehren, mit Euch und den anderen Christen, die unter dem Glauben und Panier Christi streiten, in Glauben und Liebe eins zu sein. Darum bemühen wir uns nach Kräften, und ringen danach, obgleich der Satan allerlei dagegen aufstellt und das mit aller Macht hindert, worüber wir viel Leid und Schmerz empfinden, und weßhalb wir auch immer angelegentlicher und brünstiger zu unserem Gott um Hilfe rufen.

Damit Ihr aber noch besser erkennen könnt, was für Leute wir sind und unseren Sinn deutliche verstehen könnt, senden wir nun diese unsere Brüder, welche Euch schon von früher her wohlbekannt sind, mit dieser Confession unsers Glaubens und unserer Lehre zu Euch, welche einige Herren und Ritter, unsere lieben Brüder im Herrn Christo, Sr. königl. Maj. in Wien überreicht haben. Wir haben die Hoffnung, daß, wenn Ihr diese Confession werdet gelesen haben, Ihr besser werdet beurtheilen können, ob wir irgendwo von dem evangelischen Grund abweichen oder nicht. Wenn Euch aber irgendwo noch etwas unklar sein sollte, werden diese Brüder unsern Sinn und Meinung erklären. Wenn Euch ferner diese unsere Sachen gefallen sollten und Ihr sie für werth haltet, daß diese Confession, wenn es möglich wäre, gedruckt würde, so würden wir Euch sehr dankbar dafür sein. Ja wir bitten Euch herzlich um der brüderlichen Liebe willen, daß das geschehe, damit auch dadurch allen bekannt werde, daß wir nicht solche böse Menschen sind, wofür uns unsere Feinde allenthalben in allen Ländern ausgeben und verschreien. Denn bei uns ist es nicht leicht, sie drucken zu lassen, namentlich auf lateinisch, weder haben wir jetzt solche Drucker und Lettern, noch auch solche Freiheit und Leichtigkeit. Sollten wir das bei Euch erlangen, daß dieses unser Buch zum Druck gegeben würde, so bitten wir außerdem noch um ein Zeugniß von Euch durch eine kleine Vorrede. Und wenn in dem buch etwas wäre, was einer deutlicheren Erklärung bedarf, so stellen wir das in Eure Macht und überlassen Euch das Recht dazu, daß Ihr das entweder in Eurer vorrede oder in Anmerkungen, je nach dem wie es euch nöthig erscheint, nach der Erklärung dieser unserer obengenannten Brüder verbessert. Wir haben die Hoffnung, daß Ihr uns hierin Eure brüderliche Liebe erzeigen werdet, und empfehlen uns Eurer heiligen Fürbitte. Denn auch wir gedenken Eurer in unseren Gebeten. Grüßet in unserem Namen alle Gehilfen am Evangelium Christi. Gegeben in Leitomischl am Sonntag nach St. Marcus im Jahr 1536.

Die Aeltesten der Brüder-Unität in Böhmen und Mähren.

Quelle:
Dr. Martin Luthers sämmtliche Werke.
Briefwechsel
Bearbeitet und mit Erläuterungen versehen von Dr. th. Ernst Ludwig
Enders
Elfter Band.
Briefe vom Juli 1536 bis August 1538
Calw & Stuttgart
Verlag der Vereinsbuchhandlung
1907

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