Brenz, Johannes – Brief an Melanchthon, 8. Juli 1531

Brenz, Johannes – Brief an Melanchthon, 8. Juli 1531

Dank und Frieden in Christo. Deine beiden Briefe, mein theurer Freund Philippus, deren einem der Zusatz Dr. Luthers beigefügt war, habe ich erhalten und kann dir nicht sagen, wie sehr mich Alles freute. Nimm daher meinen innigsten Dank, daß du, unserer alten Freundschaft eingedenk, den Freund, der dir so sehr zur Last fällt, nicht nur nicht verschmähst, sondern sogar durch so freundliche Aufmerksamkeit ehrst. Was ich neulich über die Rechtfertigung durch den Glauben plauderte, darfst du nicht so ansehen, als genügte mir das, was ich von der Wurzel des Glaubens sagte, oder als sei das meine Ansicht, sondern ich wollte dich veranlassen, dich genauer darüber auszusprechen, und von dir, als meinem Lehrer, lernen. So oft ich nämlich über die Rechtfertigung nachdachte, daß sie nämlich nicht aus den Werken folgt, fiel mir immer wieder das ein, ob denn nicht auch der Glaube selbst ein Werk sei? Nun spricht der Herr: das ist Gottes Werk, daß ihr glaubt. Folgt also die Rechtfertigung nicht aus den Werken, so kann sie auch nicht aus dem Glauben folgen. Während mich solche Gedanken beschäftigten, fühlte ich, daß die Rechtfertigung allein um Christi willen und nicht wegen des Verdienstes unserer Werke uns zu Theil werde. Nur vermochte ich das nicht deutlich auszudrücken, und erst durch deinen Brief, den Beisatz Luthers und die mit der Schrift vollkommen stimmende Apologie habe ich nun auch den ächten Ausdruck kennen gelernt. Ich denke mir: es gibt dreierlei Werke, das eine ist das genügeleistende oder verdienstliche erk, das andere das organische, aufnehmende, das dritte das beweisende, deklaratorische. Das erste ist Christi Leiden, das zweite der Glaube, das dritte die Früchte des Glaubens. Die Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden wird uns nun zu Theil nicht wegen unsrer Liebe, wie du richtig bemerkst, auch nicht wegen unseres Glaubens, sondern einzig und allein um Christi willen; aber doch durch den Glauben; er nimmt die verheißene Gnade an. Etwas anders ist: die Rechtfertigung verdienen, oder ihrer theilhaftig werden. Verdienen kann sie der Glaube keineswegs, durch den Glauben aber, als das Organ, wird die Rechtfertigung dem Menschen zu Theil. Auch durch die Früchte des Glaubens oder der Liebe wird sie nicht zu Theil. Christus allein ist die Genugthuung und das Verdienst. Der Glaube allein ist das Werkzeug, durch das Christus aufgenommen wird. Die Werke aber, welche aus dem Glauben hervorkommen, sind weder eine Genugthuung noch ein Verdienst, noch ein Werkzeug der Rechtfertigung, sondern sie bezeugen nur, daß diese durch den Glauben aufgenommen wurde.

Da ich eben den Brief schließen will, fällt mir ein, daß du über die Werke so urtheilst: Käme unsere Rechtfertigung aus der Liebe, so hätten wir eine innere feste Ueberzeugung davon, weil unsere Liebe nie so groß ist, als sie sein sollte. Demgemäß urtheile ich auf ähnliche Weise vom Werk des Glaubens. Würde die Rechtfertigung uns zu Theil durch das Verdienst des Glaubens, so wären wir nie genugsam davon versichert, denn wir haben stets zu beten: hilf unserem Unglauben und verbinde in uns mit den Werken des Glaubens. Sieh zu, ob ich darin die rechte Ansicht habe. Lebe wohl.

Quelle:
Evangelische Volksbibliothek Herausgegeben von Dr. Klaiber, Garnisonsprediger in Ludwigsburg Zweiter Band. Stuttgart Adolph Bechers Verlag (Gustav Hoffmann). 1863

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