Melanchthon, Philipp an Georg Melanchthon

Melanchthon, Philipp an Georg Melanchthon

Fast möchte ich glauben, ich sei unter einem unglücklichen Himmelszeichen geboren. Denn gerade das, was mein Herz am mehrsten angreift, muß ich erfahren. Armuth, Hunger, Verachtung und andere Uebel will ich gern erdulden. Aber was mich ganz niederschlägt, ist Zank und Streit. Dazu bin ich schlechterdings nicht geschickt. Ich soll das Buch 1) schreiben, das den Ständen übergeben werden soll. Aber ich sehe im Geist voraus die Schmähungen, Kriege, Verheerungen und Schlachten. Und wenn es nun an mir lag, daß ich es verhindern konnte? Herr, auf den ich traue, hilf du mir selbst. Du richtest uns, wie wir gesinnt sind! Die Sache darf ich nicht verlassen, so lange ich lebe, aber durch meine Schuld soll auch der Friede nicht gehinder werden. Es wollten andere Theologen das Buch schreiben, und wollte Gott! man hätte es ihnen zugelassen. Vielleicht hätten sie es besser machen können. Nun sind sie unzufrieden mit dem meinigen, und wollen einiges geändert haben. Hier ruft einer, dort schreib ein anderer. Aber wenn ich es machen soll, muß ich auch meine Art biebehalten und alles fliehen, was noch mehr erbittert. Ich schreibe, bedenke mich, bessere, ändere wieder und Gott ist mein Zeuge, meine Absichten sind gut. Aber der Lohn wird sein, daß man mich haßt. Erquicke du mich bald mit einem Briefe. Geschrieben zu Augsburg im Jahre 1530.

1) gemeint ist die Augsburgische Konfession

Philipp Melanchthons Leben
ein Seitenstück zu Luthers Leben
Johann Friedrich Wilhelm Tischer
Leipzig 1795
bei Voß und Compagnie

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