Luther, Martin – An Canzler Brück.

Luther, Martin – An Canzler Brück.

Gnade und Friede in Christo! Achtbarer, hochgelahrter, lieber Herr und lieber Gevatter! Ich habe nun etlichemal an meinen gnädigsten Herrn geschrieben und an die Unsern, daß ich wohl denke, ich habe sein zuviel gemacht, sonderlich an meinen gnädigsten Herrn, als ob ich gleich zweifelte, daß Gottes Trost und Hülfe mehr und stärker bei seiner Churf. Gn. wären, denn bei mir. Ich hab’s aber aus Anregung der Unsern gethan, deren etliche so wehmüthig und sorgfältig sind, als hätte Gott unser vergessen; so er doch unser nicht kann vergessen, er müßte zuvor sein selbst vergessen. Es wäre denn, daß unsere Sache nicht seine Sache, und unsere Lehre nicht sein Wort wäre. Sonst, wo wir deß gewiß sind und nicht zweifeln, daß es seine Sache und Wort ist, so ist auch gewiß unser Gebet erhöret und die Hülfe schon beschlossen und zugerüst, daß uns geholfen werde; das kann nicht fehlen. Denn er spricht: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht sollte erbarmen über ihres Leibes Frucht? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen; siehe, ich habe dich auf meine Hand gezeichnet.“

Ich habe neulich zwei Wunder gesehen: das erste, da ich zum Fenster hinaus sah, die Sterne am Himmel und das ganze schöne Gewölb Gottes, und sah doch nirgend keine Pfeiler, darauf der Meister solch Gewölb gesetzt hatte; noch fiel der Himmel nicht ein und steht auch solch Gewölb noch fest. Nun sind Etliche, die suchen solche Pfeiler, und wollten sie gern greifen und fühlen. Weil sie denn das nicht vermögen, zappeln und zittern sie, als werde der Himmel gewißlich einfallen, aus keiner andern Ursache, denn daß sie die Pfeiler nicht greifen noch sehen. Wenn sie dieselbigen greifen könnten, so stünde der Himmel feste.

Das andere, ich sah auch große, dicke Wolken über uns schweben, mit solcher Last, daß sie mochten einem großen Meer zu vergleichen sein; und sah doch keinen Boden, darauf sie ruhten oder fußten, noch keine Kufen, darein sie gefaßt wären; noch fielen sie dennoch nicht auf uns, sondern grüßeten uns mit einem sauren Angesicht und flohen davon. Da sie vorüber waren, leuchtete hervor beide, der Boden und unser Dach, der sie gehalten hatte, der Regenbogen, Das war doch ein schwacher, dünner, geringer Boden und Dach, daß es auch in den Wolken verschwand, und mehr ein Schemen, ‚als durch ein gemalt Glas zu scheinen pflegt, denn ein solcher gewaltiger Boden anznsehen war, daß einer auch des Bodens halben wohl so sehr verzweifeln sollte, als der großen Wasserlast. Dennoch fand sich’s in der That, daß solcher ohnmächtiger Schemen die Wasserlast trug und uns beschützte. Noch sind Etliche, die des Wassers und der Wolken Dicke und schwere Last mehr ansehen, achten und fürchten, denn diesen dünnen, schmalen und leichten Schemen; denn sie wollten gerne fühlen die Kraft solches Schemens; weil sie das nicht können, fürchten sie, die Wolke werde eine ewige Sündfluth anrichten.

Solches muß ich mit Eurer Achtbarkeit freundlicher Weise scherzen und doch ungescherzt schreiben, denn ich besondere Freude davon gehabt, daß ich erfahren habe, wie Eure Achtbarkeit vor allen andern einen guten Muth und getrostes Herz hat in dieser unsrer Anfechtung. Ich hatte wohl gehofft, es sollte zum wenigsten dem Reich der Frieden zu erhalten gewesen sein; aber Gottes Gedanken sind weit über unsere Gedanken. Und ist auch recht, denn er (spricht St. Paulus^ erhöret und thut mehr, als wir verstehen und bitten; denn wir wissen nicht, wie wir bitten sollen.

Er selbst will uns Friede schaffen, daß er allein die Ehre habe, die ihm auch allein gebührt. Nicht, daß wir hiemit Kaiserl. Majestät verachten, sondern bitten und wünschen, daß Kaiserl. Majestät nichts wider Gott und kaiserl. Recht vornehme.

Aber solch Werk, das uns Gott mit Gnaden geben hat, wird er durch seinen Geist segnen und fördern und die Weise, Zeit und Raum uns zu helfen, wohl treffen und nicht vergessen, noch versäumen. Sie habens noch nicht zur Hälfte gebracht, was sie jetzt anfangen; sind auch noch nicht alle wieder heim, oder dahin sie gern wären. Unser Regenbogen ist schwach, ihre Wolken sind mächtig; aber der Ausgang wird’s lehren. Eure Achtbarkeit halte mir mein Geschwätze zu gute und tröste Magister Philippus? und die andern Alle. Christus soll mir unsern gnädigsten Herrn auch trösten und erhalten. Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit, Amen. Deß Gnaden ich auch Eure Achtbarkeit befehle treulich.

Aus der Wüsten am 5. August im Jahr 1530. Martinus Luther

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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