Ein anderes Bedenken Melanchthon’s an Markgraf Georg von Brandenburg, über die Privatmesse.

Ein anderes Bedenken Melanchthon’s an Markgraf Georg von Brandenburg, über die Privatmesse.

Durchlauchtigster Fürst, gnädigster Herr!

Eure Durchlaucht entbiete alle gehörige Dienste unterthänigst zuvor, und antworte wegen der in der Kirche wieder aufzurichtenden Stillmesse, um hierdurch dem Volk Anlaß zu geben, sich fleißig in der Kirche einzufinden, folgender Maßen: Nämlich, daß sie in keinem Wege wieder zugelassen werden könne, aus diesen Ursachen:

2) Denn erstlich ist bekannt, daß sie um deßwillen abgeschaffet worden, weil das Volk, durch falsche Meinungen bethöret, gewiß geglaubet, daß ein Pfaffe, der dergleichen Gottesdienst übe, nicht allein sich, sondern auch allen Umstehenden Vergebung der Sünden, ewiges Leben und alle andere nothwendige Güter verdiene. Was das aber für eine Gottlosigkeit, für ein grober, schädlicher Irrthum, für schreckliche Abgötterei sei, und wie sehr es gerade wider das Wort Gottes streite, ist Eurer Durchlaucht wohl bekannt. Denn was thut ein Pfaffe Andres, als daß er das Verdienst Christi niederschlägt, und seinen Werken das zueignet, was von Christo zu hoffen und zu erbitten ist? Auf die Art aber muß der Glaube nothwendig hinfallen, oder doch verdunkelt, und den Werken der Messe unsere Seligkeit zugeschrieben werden; wie ein Jeder, der nicht muthwillig blind ist, sehen kann. Denn wenn man diesen Irrthum annimmt und gellen läßt, so hat das Herz alsdann keine Zuflucht und Trost; denn wenn es voll solcher Irrthümer und Meinungen steckt, so weiß es gar nicht, daß der Grund unsers Heils darinnen bestehe, daß wir gewiß glauben und versichert sind, daß uns Gott um Christi willen, umsonst und ohne Werke oder Verdienst gnädig sein und die Sünde vergeben wolle; und daß wir daran im geringsten nicht zweifeln möchten, hat Christus das Sacrament seines wahren Leibes und Blutes eingesetzt, daß, die es brauchen, ihren Glauben starken und versichert sein, es seien ihre Sünden vergeben. Damit alle falsche und ungereimte Meinungen von dem gethanen bloßen Werk (opus operatum), welches unsere Widersacher sonst nicht allein dem, der es thut, sondern auch allen andern Umstehenden, für heilsam und nützlich, obwohl ohne allen Grund, ausgeben, zernichtet und vertrieben würden. Es ist aber ein anderer Gebrauch und Endzweck dieser Einsetzung, welchen wir aus Gottes Wort lehren und dem Volke vortragen, daß, die das Sacrament brauchen wollen, durch solche Zeugen erweckt werden, wahren Glauben und Buße mitzubringen, in der gewissen Zuversicht, daß Gott Allen, die zu ihm fliehen, gnädig sein und alle Frommen gnädig schützen und beschirmen, auch ihnen das ewige Leben umsonst, um Christi willen, ohne alles Verdienst geben wolle.

3) Wenn wir aber die Stille- oder Winkelmesse in der Kirche wieder Anrichteten, so richteten wir ein solch Werk an, dadurch der Glaube an Christum gleich zernichtet und verdunkelt werden könnte. Da doch ein solcher Dienst keinen Grund in der Schrift hat, noch von Gott befohlen ist. Denn es ist klar und offenbar, daß das Volk nur durch falsche Meinungen der Mönche und eitele Menschensatzungen dahin gebracht worden, daß es die Messe höret. Diese Meinung aber, daß die Messe ein Werk sei, dadurch wir Vergebung der Sünden und das ewige Leben erlangen, würde gewiß, wenn wir die Messe wieder anrichteten, in ihnen gestärket, und folglich die Lehre vom wahren Glauben und desselben Uebungen, wieder in die dicke Finsterniß und grobe, abscheuliche Irrthümer eingehüllet werden.

4) Eure Durchlaucht wolle sich demnach durch keine Gründe und Einreden bewegen lassen, die Stillmessen wieder anzurichten.

5) Daß man aber vorgibt: die Abschaffung der Messe sei Ursache, daß man nicht so fleißig zur Kirchen komme, so zweifele ich daran. Denn ich glaube gänzlich, daß die Messe Wenig dazu helfm werde; ich halte vielmehr, meines wenigen Bedünkens, dafür, daß gottselige Predigten und Ermahnungen mehr dazu helfen werden. Ich bin auch nicht in Abrede, daß die Prediger wohl selbst einige Schuld daran haben.

6) Denn wenn diese ihre Zuhörer zur fleißigen Erlernung des göttlichen Worts, zum rechten Gottesdienst, zum Gebet und Brauch der Sacramente, fleißig und oft ermahneten, und nicht so träge und schläfrig zu Werke gingen: so würden sie freilich die Herzen der Zuhörer schärfer bewegen, und mehr ausrichten, als wenn unzählige Stillmessen gehalten würden.

7) Hernach muß auch die Obrigkeit solchem Uebel zu steuern Fleiß anwenden; denn wenn sie sich der Sache ernstlich annähme, und das Volk bei Strafe, sonderlich des Freitags, die Kirchen zu besuchen und dem Gottesdienst beizuwohnen, anhielte, auch bisweilen Einige, die sich wahrend der Predigt in Zech- und Weinhäusern betreffen ließen, Geldbußen erlegen ließe: so thäte sie daran ein ihrem Amte wohlanständiges Werk.

8) Daß endlich Eure Durchlaucht wissen will, was wir vor Meßceremonien in unsern Kirchen haben und brauchen: so berichte Eure Durchlaucht, daß die Messe gänzlich abgeschafft worden, wobei sich nicht Leute einfinden, als die das Nachtmahl brauchen wollen. Alle Feiertage aber haben wir in den Kirchen eine ziemliche Menge Zuhörer und Communicanten. In Wochentagen aber, wenn die Predigt zu Ende (dabei sich so ein leidlicher Haufe findet), und die Litanei oder etliche Lieder gesungen worden, wird das Volk aus einander gelassen. An anderen Orten dieses Landes gibt es nicht gleich viel Zuhörer, sondern insgemein so viel, als der Prediger Ermahnung und Fleiß größer oder geringer ist.

Quelle:
Philipp Melanchthon's Werke, in einer auf den allgemeinen Gebrauch berechneten Auswahl. Herausgegeben von Dr. Friedrich August Koethe Erster Theil Leipzig: F.A. Brockhaus 1828

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