Luther, Martin – An einen Ungenannten.

Luther, Martin – An einen Ungenannten.

Mein lieber Herr und Freund! Ich wünsche euch vor allen Dingen die Gnade und Barmherzigkeit Gottes des Herrn, durch seinen eingebornen Sohn Jesum Christum, unsern einigen Erlöser und Seligmacher.

Es hat mir vor vergangenen Tagen mein lieber Bruder, Caspar Creuziger, der heiligen Schrift Doctor, kläglich angezeigt, daß ihr mit seltsamen, wunderlichen Gedanken, die Vorsehung Gottes belangend, verhaft, und darinnen ganz verwirret, auch gleichsam taub und zerrüttet darüber würdet, und endlich zu besorgen, daß ihr euch selber mit eurer eignen Fanst das Leben abreißen und verkürzen möchtet; (davor euch Gott der Allmächtige behüte!) mir auch daneben entdecket und stückweis erzählet, was die Gedanken und euer Fürgeben sei.

So wären das eure Fürschläge und Beschwerungen, daß Gott der Allmächtige von Ewigkeit wisse, welche selig sein sollen oder werden, sie sind gleich gestorben, lebendig oder noch zukünftig. Welches wahr ist, und zugegeben soll und muß werden; denn er alle Dinge weiß, und ihm nichts verborgen ist: dieweil er die Tropfen im Meer, die Sterne am Himmel, aller Bäume Wurzeln, Aeste, Zweige, Blätter, auch alle Haare der Menschen gezählet hat, und gewiß weiß. Daraus ihr endlich schließet: ihr thut nun, was ihr wollet, Gutes oder Böses, so weiß doch Gott, ob ihr selig werden sollet oder nicht, (das ja wahr ist) und doch daneben mehr gedenkt an die Verdammung, denn an die Seligkeit, und zaget darüber, wisset auch nicht, wie Gott gegen euch gesinnet ist; darum gar kleinmüthig und ganz irre werdet. Darauf ich euch, als ein Diener meines lieben Herrn Jesu Christi, diesen Bericht und Trost schreibe, daß ihr wissen möget, wie Gott der Allmächtige gegen euch gesinnet sei, ob ihr zu der Seligkeit oder Verdammniß versehen.

Gott der Allmächtige, im Fall, daß er alle Dinge weiß, und müssen alle Werke und Gedanken in allen Creaturen nach seinem Willen geschehen, nach demRathschlnß seines Willens, so ist doch sein ernstlicher Wille und Meinung, auch Befehl, von Ewigkeit beschlossen, alle Menschen selig und der ewigen Freuden theilhaftig zu machen, wie Ezech. 18. Cap. v. 23. klarlich gemeldet wird, da er sagt: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. Weil er nun die Sünder, die unter dem weiten, hohen Himmel allenthalben leben und schweben, selig machen und haben will: so wollet ihr euch durch eure närrische Gedanken, vom Teufel eingegeben, nicht absondern, und von den Gnaden Gottes scheiden. Denn sich seine Gnade vom Aufgang bis zu dem Niedergang, von Mittag bis gegen Mitternacht reckt und streckt, Ps. 103, 12. und überschattet Alle, die sich bekehren, wahre Reu und Büß thun, und sich seiner Barmherzigkeit theilhaftig machen und Hülfe begehren. Denn er reich ist in Allen, die ihn anrufen. Dazu gehört ein rechter, wahrer Glaube, der solch Zagen und Verzweifeln austreibe, welches ist unsere Gerechtigkeit, wie Rom. 3. v. 22. steht: Die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesum Christum, welcher ist in allen und über alle Menschen. Merkt diese Worte, in allen, über allen, ob ihr nicht auch darunter gehöret, und deren einer seid, die unter der Sünder Feldzeichen liegen und kriegen. Wie denn euer Herz euch selbst überzeugen wird, und ihr in eurem Gewissen fühlet: ihr wollet denn gar zu hoch steigen und flattern, und heillosen Gedanken Raum und Statt geben, und Gottes Wort in Wind schlagen. Derhalben ihr mehr Ursach habet zum Beten und Flehen, und desselbigen Bitten gewiß sein, im Fall, daß Gott verziehe, und nicht bald komme, bleibet er doch nicht anßen, denn er die, die ihn anrufen, nicht verläßt; und das Zagen und Zittern durch dasselbe hinweg legen, ja ganz und gar aus und weg treiben, und der Verzweiflung und seinem Haupt Urlaub geben, welches ist der Teufel und seine Gesellen. Und endlich nichts anders gedenken, wenn euch dergleichen gottlose Gedanken einsallen, denn daß sie von dem bösen Geist herkommen, und der Teufel selbst sind, auch euch dieselbigen nicht zuschreiben, sondern dem Verführer, und Gott, für solchen euch forthin zu behüten, um Beistand und Hülfe anrufen. Und gedenkt so stäte und sehr an die Seligkeit, als an die Verdammniß, und tröstet euch mit Gottes Wort, welches wahr und ewig ist; so werden solche böse Winde aufhören und gar vergehen.

Habt ihr doch einen guten und geraden richtigen Weg, wollt ihr lange um und irre gehen? den euch Gott der Vater mit dem Finger selber zeiget und weiset, wie er gegen euch gesinnet sei, da er mit heller lauter Stimme schreiet, Matth. 3, 17: Dieß ist mein lieber Sohn, in dem ich ein Wohlgefallen habe, den höret; was er euch rathen und sagen wird. Und wenn ihr also hart, verstockt und ganz taub wäret, und hübet eure Augen nicht auf gen Himmel, als ein verzweifelter verstockter Mensch, und wären auch eure Ohren vom Gehör verfallen, daß ihr Gott den Vater in der Höhe nicht schreien höret: so sollt ihr doch den Sohn, der am Wege stehet, da Jedermann vorüber gehen muß, vernehmen und sehen, und gleicherweis, ja noch viel heftiger, ihn hören rufen, der mit einem großen Getöne, als mit einer gewaltihenPosaunen, aufbläset, wie Matth. 11, 28. herrlich geschrieben ist: Kommet, kommet. Wo? wo wollt ihr hinaus mit euren vergeblichen Gedanken? ihr werdet euch nicht selig machen mit diesen und dergleichen Träumen. KommetAlle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Er sagt nicht allein kommet, sondern Alle – Keinen ausgeschlossen, er sei, wer er wolle, und wenn er gleich der allerärgste wäre. Ei, dieweil sie denn Alle kommen sollen. Keinen ausgenommen, er sei gleich, oder gedenke, was er wolle: so laufet auch mit, und springt auch hinzu, bleibet nicht muthwillig dahinten bei dem verlornen Haufen, versäumet euch ja selbst nicht also lässig und muthwillig.

Weiter sagt er: Zu mir! findet euch nicht zu einem Andern, der des Weges Bescheid nicht wüßte, und selbst den Faden in dem Labyrinthe verloren hätte, und hin und wieder ine ging; sondern er sagts zu mir! der Steg und Weg bei Tag und Nacht finsterling treffen kann, und gewiß weiß, ohn alle Verletzung der Füße. Der Christus, der einige Weg und Steg allein, und der Cirkel, da der einige Punkt innen stehet, darinnen alle andere Figuren begriffen werden, ja das schwarz Plätzlein und Ziel, darauf alle Schützen zielen müssen, das einige Eins, das der Anfang ist aller Zahlen, sie sind so groß oder strecken sich, so weit sie immer mehr wollen, und wenn man sie auch nicht aussprechen könnte; darum sagt er es . Zu mir.

Wer sind sie aber, die da kommen sollen? Es sind die, die mühselig und beladen sind. Was ist das für ein Gesindlein? ich kenne die Bauern nicht, Meister Mühselig und Beladen! stattliche Namen, als Bürgemeister, sollten es sein. Ja freilich Klügling und Meister, wie die Vernunft des Menschen in Gottes Wort zu grübeln und wühlen pflegt, wie die Sau im Rübenacker. Nun dieser wird gerufen, welcher mit vieler Mühe und Arbeit beladen und übrigen Gedanken beschwert ist, die vom Teufel ihren Ursprung nehmen und entstehen, der nicht feiert: da große Bürden und Lasten, ja Berge daraus werden, und endlich so groß, daß man nicht weiß, wo hinaus, und drüber zu Grunde gehen und verzagen will. Darum sagt er auch: beladen, als wüßte ers wohl, und wollte tragen helfen, und unsere Bürden und Lasten auf seinen Nacken nehmen, und nicht allein helfen, sondern uns desselbigen ganz und gar entledigen.

Die ihrs seid! als: ich weiß wohl, daß ihr schwer,getragen habt, und müde seid; ihr dürft euch nicht so wohlauf und geruhet stellen; gebt her die Bürden eures Nacken und Rücken; ruhet, und lasset die heillosen Gedanken fallen. Ich will euch erquicken. Ich! sehet mich dafür an, vertrauet und glaubet mir; ich will euch wieder machen und zurecht bringen; seid ihr zuvor von einem geringen Erdenklos geschaffen, und ans Nichts gemacht, so bin ich auch noch also mächtig, daß ich euch von dem Bösen absolviren, und die bösen Gedanken vertreiben kann und will.

Also sollen wir durch und mit der göttlichen Schrift unser Gemüth und Gewissen trösten, die bösen Gedanken stillen und ihnen Widerstand thun; denn man in Gottes Wort nicht grübeln, sondern still halten soll, die Vernunft lassen sinken, das Wort glauben, für gewiß halten, nicht in Wind schlagen und dem bösen Geist so viel Macht geben, und uns überwinden lassen, darüber zu Boden gehen und verderben.

Denn das Wort Gottes gewiß, wahr und ewig ist, aus dem alle Dinge und Creaturen, sie haben Namen wie sie wollen, gemacht und geschaffen sind, und noch Alles, was lebt und schwebt, reichlich erhält, und dasselbige größer, wichtiger, mächtiger, kräftiger achten und halten, denn solche fliegende, nichtige, vergebene Gedanken, vom Teufel den Menschen eingegeben; das Wort ist wahr, aber die Gedanken des Menschen sind eitel. Und also gedenken, daß uns Gott der Allmächtige nicht zu der Verdammniß, sondern zur Seligkeit erschaffen, versehen, auch erwählet habe. Wie die Engel den Hirten auf dem Felde die erste Predigt gethan, auch in vier Stimmen figurirt: Ehre sei Gott in der Höhe, und den Menschen Friede, und ein Wohlgefallen auf Erden. Da sie nicht meinten den zeitlichen Frieden des Leibes, sondern des Gemüths; nicht, da man sicher ist vor Bruder Veiten, der da schatzet, plündert und schlägt, und da man mit Stecken und Stangen ficht, ja einer den andern mit Büchsen pufft: sondern den Feind des Gemüths und Herzens, da Fleisch, Welt, Tod und Teufel fliehen und Fersengeld geben müssen.

Darum man aus dem Wort der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, des Herrn, diese und dergleichen Gedanken von der Versehung Gottes urtheilen und judiciren soll. Und so solches geschieht, ist hernach kein Raum noch Gelegenheit, daß ein Mensch auf ihm selber also sitze und sich martere; hilft auch nicht, wenn er ihm selber das Mark aus den Beinen saugte, und nur Haut und Haar überblieben.

Was gehet es euch an, daß Gott der Allmächtige die liebe, helle Sonne über Fromm und Bös, Dürr und Grün läßt scheinen? Wiewohl die Sonne dazu von Gott verordnet, daß sie die Feuchtigkeit der Erden mit ihrer Tugend und Kräften in die Wurzeln, Aeste, Zweige der Bäume ziehen und bringen soll, damit sie Früchte tragen. Und bleibt ein dürrer Baum nichts weniger unfruchtbar, und ist der lieben Sonnen Wirkung an ihm verloren, und doch nicht gar, es schießen ja oft schöne Zweige aus eines alten, verdorreten Baumes Wurzeln. Und so sie ja gar nichts wirket in einem alten Baum, der ganz und gar verdorret ist: so ist es nicht des Baumes so gar schuld, sondern auch des Erdreichs, das da mosig und sumpfig ist. Denn wo gut Erdreich ist, da wachsen auch gute und schöne Früchte, nach dem Sprüchwort: Gut Acker, gut Korn.

Also, wo gute Predigt, Lehre und Trost sind, da sind auch gute gottselige Gewissen und fröhliche Herzen.

So wenig ihr nun der Sonne ihren natürlichen Schein verhindern noch wehren könnt, die ein klein Geschöpf und Creatur ist gegen das ganze Firmament und Gestirn, dieweil auch der geringste Stern des Himmels größer ist, denn die ganze weite Welt: so viel weniger könnt und mögt ihr die Gnade Gottes binden, die keinen Grund, Höhe, Ziel noch Maß, Anfang noch Ende hat, noch ermessen kann werden. Wenn ihr die Welt fragen sollt und zu Rath nehmen, würde sie sagen, es ist eine vergebene, thörliche Arbeit, über einen verdorrten Baum Mühe und Arbeit gehen lassen, etwa denselbigen zn feuchten oder zu wässern, ich geschweige, die liebe, helle Sonne darüber scheinen zu lassen.

Lieber, rechtet und rechnet nicht so genau mit Gott. Was meinet ihr, wenn der Sohn Gottes die Hohenpriester und das Levitengeschlecht, die unter dem Kreuz standen, da er gekreuziget ward, hätte sollen fragen: Ob er den Schacher ins Paradies nehmen sollte? was sie gesagt würden haben? Ohn allen Zweifel: Wollen Diebe und Mörder in den Himmel kommen, so wollen wir es gern sehen! Und vielleicht auch geantwortet haben: Wenn er in das Paradies gehöret, so hätten wir ihn nicht an den Galgen gehenkt, und kommet eben so viel in das Paradies, als du Gott bist. Also richtet und spricht die schnöde Welt, und die Gedanken der Vernunft des Menschen.

Darum antwortet er den Jüngern fein, da Johannes in seinem Schoos lag und schlief, und die andern Jünger sagten: Dieser stirbt nicht, und sprach: Was gehets euch an, so ich will, daß er nicht sterbe? Als wollte er sag’en: Sehet, was ihr zu schaffen habet, daß ihr bei dem bleibet, das euch fürgesagt ist worden, und nicht strauchelt noch fallet. Kehre ein jeglicher vor seiner Thür, so werden wir Alle selig; so bedarf es nicht viel Grübelns, was Gott in seinem Rath beschlossen habe, welcher selig sein soll oder nicht. Wer nicht will das Gewisse für das Ungewisse nehmen, der gehe zuletzt mit leeren Händen davon, und habe den Spott dazu. Wer ihm nicht rathen will lassen in der Zeit, und Gottes des Allmächtigen Wort verwerfen, den hole der wüthhastige Teufel; wie er nicht außen bleiben wird, so gewiß Gott Gott ist. Ei, wenn man einem so gute Worte gäbe, und wollte ihm nicht rathen noch helfen lassen, so ließe man ihn gleichwohl hinlaufen; und so ihm etwas Böses widerführe, spräche man: Er hat ihm nicht wollen wehren lassen, ach so ist ihm recht geschehen; darnach er hat gerungen, also ist ihm gelungen. Wenn es uns nach unser» Gedanken, vom Fleisch und Teufel eingegeben, sollte gehen, wären wir Alle des Todes; darum haben wir das Wort der Verheißungen. Selig sind, die sich darnach richten nnd damit trösten, und bis ans Ende dabei verharren, dadurch wir die Gnade des Herrn erlangen, so wir uns aus demselben trösten, und die teuflischen Gedanken dadurch hinlegen, und unsere Herzen im Glauben gegen Gott aufheben, und gewiß bei uns schließen, daß wir Verzeihung der Sünden haben, und gerecht werden und sind, nach der Verheißung in Christo, und von wegen Christi, wie der heilige Paulus Gal. 3, 22. bezeuget. Das ist, wenn wir verstürzt und erschrocken, und uns Weg und Steg zerrinnen will, uns im Glauben aufrichten, der sich stützt auf die Znsagungen und Verheißungen Gottes von Christo oder in Christo, Amen. Den 24. Juli, 1528.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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