Luther, Martin – An Bartime von Starenberg (1.9.1523)

Luther, Martin – An Bartime von Starenberg (1.9.1523)

Gnade und Friede in Christo, gnädiger Herr! Diese Schrift an Ew. Gn. von mir Unbekannten hat erzwungen Vincenz Wernsdorfer, aus christlicher Ursach und Treue. Darum bitte ich aufs erste Ew. Gn. wolle mir solches zu gute halten.

Er hat mir berichtet, wie Ew. Gn. durch Abgang ihres lieben Gemahls, in Gott verschieden, sich fast bemühe, sonderlich mit viel Gottesdienst und guten Werken, besonders mit Messen, Vigilien, ihrer Seelen nachzuthun, als die an Ew. Gn. Liebe und Treue höchlich erzeigt, an ihrem Leben solches wohl verdient hat: daneben gebeten, daß ich Ew. Gn. davon wollte wenden mit Schriften; dem ich’s denn nicht habe wissen abzuschlagen, angesehen, daß Ew. Gn. Bestes darin gesucht würde. So bitte ich Ew. Gn. nun unterthäniglich, solches für gut aufzunehmen.

Und aufs erste soll Ew. Gn. sich erinnern, daß Hiob sagt: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen; wie es dem Herrn gefallen, also ists geschehen“: also soll Ew. Gn. ihrem getreuen Gott auch singen, der solch getreu Gemahl Ew. Gn. gegeben und nun wiederum genommen hat. Sie war sein, ehe er sie gab; sie war auch noch sein, da er sie gegeben hatte; sie ist auch noch sein, nachdem er sie genommen hat. wie wir alle sind. Darum, ob es uns wohl wehe thut, daß er das Seine von uns nimmt, soll doch das Herz sich höher trösten seines allerbesten Willens, mehr denn aller seiner Gaben. Denn wie gar unermeßlich Gott besser ist, denn alle seine Gaben, also ist auch sein Wille besser zu halten, denn das allerbeste und edelste Weib. Wiewohl man kann es nicht also empfinden, wie dies; der Glaube empfindet es aber. Darum gebe Ew. Gn. Gott deß fröhlich zu sein, und nehme an diesen reichen Wechsel und unmäßigen Wucher, daß sie nun hat für ein zartes, liebes Weib einen zarten, lieben Gottes Willen, ja dazu Gott selber. O wie selig und reich wären wir, wenn wir mit Gott solchen Wechsel könnten treiben. Ja, wir könnten ihn wohl treiben, wenn wir’s verstünden. Denn Gott begegnet uns täglich; wir konnten ihn aber nicht grüßen.

Auf’s andere, gn. Herr, ist meine Bitte, Ew. Gn. wollen ablassen von Messen, Vigilien, und täglichem Gebet für ihre Seele; es ist genug, wenn Ew. Gn. einmal oder zweier für sie bittet, weil uns Gott zugesagt hat: Was ihr bittet, glaubet, daß ihrs haben werdet, so habt ihr’s gewiß, Matth. 11. Sonst, wo man solch Gebet immerzu um eine Sache antreibt, ists ein Zeichen, daß wir Gott nicht glauben und also mit ungläubigem Gebet Gott nur mehr erzürnen. Denn was ist’s anders, so ich oftmals um eine Sache bitte, denn so viel, daß ich in den vorigen Gebeten nicht erhöret bin und also wider seine Zusage gebeten habe. Man soll immer bitten, ist wahr; aber doch im Glauben, und immer gewiß sein, daß man erhöret sei: sonst ist das Gebet verloren. So ist auch immer Andres und Andres vorhanden zu bitten.

Sonderlich aber bitte ich, Ew, Gn. wollen die Vigilien und Seelmessen nachlassen; denn es ist zumal ein unchristlich Ding, das Gott höchlich erzürnt. Denn in den Vigilien sieht man wohl, daß weder Ernst noch Glaube da ist, sondern ein unnützes Gemurmel. O! es muß anders gebeten sein, soll man von Gott etwas erlangen. Solch Vigilienwerk ist nur Gottes Spott, das zumal – weil Gott die Messe hat nicht für die Todten, sondern zum Sacrament für die Lebendigen eingefetzt, – gar ein greulich und schrecklich Ding ist, daß ein Mensch sich unterstehen soll zu thun und ohne Gottes Einsetzung ein Werk und Opfer daraus zu machen für die Todten, das doch ein Sacrament ist für die Lebendigen. Da wolle sich Ew. Gn. vor hüten, und sich nicht theilhaftig machen dieses greulichen Irrthums, welchen die Pfaffen und Mönche um ihres Bauchs willen haben aufgebracht. Denn ein Christ soll nichts thun. er wisse denn, daß es Gott also geboten habe. Nun haben sie ja kein Gebot von solchen Messen und Vigilien, sondern ihr eigen Fündlein, das Geld und Gut trägt und weder Todten noch Lebendigen hilft.

Weiter kann sich Ew. Gn. dieses Alles wohl erkunden und richtig an obgenannten Wernsdorfer wenden, der Ew. Gn. Gutes gönnt und mich hierzu bewegt hat solches zu schreiben. Bitte Ew. Gn. lasse ihr’s gefallen und irre sich nicht an denen, so ohne Gottes Wort dawider sagen ihr eigen Tand und Menschensatzungen. Christus erleuchte und stärke Ew. Gn. in rechtem Glauben und Liebe gegen den Nächsten! Amen. Zu Wittenberg am Tage Aegydii (l. September) 1523.

Ew. Gn.
williger
M. L.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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