Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (15.3.1522)

Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (15.3.1522)

Dem Durchlauchtigsten, Hochgebornen Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich, Herzog zu Sachsen, des heiligen Römischen Reichs Churfürsten, Landgrafen in Thüringen, Markgrafen zu Meißen, meinem gnädigsten Herrn und Patron.

Gunst und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesu Christo und mein unterthänigsten Dienst.

Durchlauchtigster, Hochgeborner Churfürst, Gnädigster Herr!

Ew. Churf. Gn. Schrift und gnädiges Bedenken ist mir zugekommen Freitag zu Abend, als ich auf morgen Sonnabend wollt ausreiten. Daß es Ew. Churf. Gn. aufs allerbeste meine, bedarf freilich bei mir weder Bekenntnis) noch Zeugniß, denn ich mich deß, so viel menschlich Erkundung giebt, gewiß achte. –

Von meiner Sach‘ aber, gnädigster Herr, antworte ich also: Ew. Churf. Gn. weiß, oder weiß sie es nicht, so lasse sie es sich hiermit kund sein: daß ich das Evangelium nicht von Menschen, sondern allein vom Himmel durch unsern Herrn Jesum Christum habe, so daß ich mich wohl hätte mögen, (wie ich denn hinfort thun will,) einen Knecht und Evangelisten rühmen und schreiben. Daß ich mich aber zum Verhör und Gericht erboten habe, ist geschehen, nicht weil ich an der Wahrheit zweifelte, sondern aus übriger Demuth die Andern zu locken. Nun ich aber sehe, daß meine allzugroße Demuth gelangen will zur Niedrigung des Evangelii und der Teufel den Platz ganz einnehmen will, wo ich ihm nur eine Hand breit räume, muß ich aus Noth meines Gewissens anders dazu thun. Ich hab‘ Ew. Churf. Gn. genug gethan, daß ich dieß Jahr gewichen bin Ew. Churf. Gn. zu Dienst. Denn der Teufel weiß sehr wohl, daß ich’s aus keinem Zag gethan hab. Er sah mein Herz wohl, da ich zu Worms ankam, daß, wenn ich gewußt hätte, daß soviel Teufel auf mich gehalten hätten, als Ziegel auf den Dächern sind, so wäre ich . dennoch mitten unter sie gesprungen mit Freuden.

Nun ist Herzog Georg noch weit ungleich einem einzigen Teufel. Und sintemal der Vater der unergründlichen Barmherzigkeit uns durch das Evangelium zu freudigen Herren gemacht hat über alle Teufel und Tod, und uns gegeben hat den Reichthum der Zuversicht, daß wir dürfen zu ihm fagen: „Herzlichster Vater“: so kann Ew. Churf. Gn. selbst ermessen, daß es solchem Vater die höchste Schmach ist, so wir nicht so wohl ihm vertrauen sollten, daß wir auch Herren über Herzog Georgs Zorn sind. Das weiß ich ja von mir wohl, wenn diese Sache zu Leipzig also stände wie zu Wittenberg, so wollte ich doch hinein reiten, weuns gleich – Ew. Churf. Gn. verzeihen mir mein narrisch Reden, – neun Tage eitel Herzog Georgen regnete, und ein jeder wäre neunfach wüthender, denn dieser ist. Er hält meinen Herrn Christum für einen Mann aus Stroh geflochten; das kann mein Herr und ich eine Zeit lang wohl leiden. Ich will aber Ew. Churf. Gn. nicht verbergen, daß ich für Herzog Georg nicht einmal, sondern gar oft gebeten und geweint habe, daß ihn Gott erleuchten wolle. Ich will auch noch einmal bitten und weinen, darnach nimmermehr. Und ich bitte Ew. Churf. Gn. woll auch helfen und bitten lassen, ob wir das Urtheil könnten von ihm wenden, das – ach Herr Gott! – auf ihn dringt ohne Unterlaß. Ich wollte Herzog Georgen schnell mit einem Worte erwürgen, wenn es damit wäre ausgericht.

Solches sei Ew. Churf. Gn. geschrieben der Meinung, daß Ew. Churf. Gn. wisse, ich komme gen Wittenberg in gar viel einem höhern Schutz denn des Churfürsten. Ich hab’s auch nicht im Sinn, von Ew. Churf. Gn. Schutz zu begehren. Ja, ich halt, ich wolle Ew. Churf. Gn. mehr schützen, denn sie mich schützen könnte. Dazu, wenn ich wüßte, daß mich Ew. Churf. Gn. könnte und wollte schützen, so wollt ich nicht kommen. Dieser Sachen soll noch kann kein Schwert rathen oder helfen, Gott muß hie allein schaffen, ohne alles menschliche Sorgen und Zuthun. Darum, wer am meisten glaubt, der wird hie am meisten schützen. Dieweil ich denn nun spüre, daß Ew. Churf. Gn. noch gar schwach ist im Glauben, kann ich in keinerlei Wege Ew. Churf. Gn. für den Mann ansehen, der mich schützen oder retten könnte.

Daß nun Ew. Churf. Gn. begehrt zu wissen, was sie thun soll in dieser Sache, zumal sie meint, sie habe viel zu wenig gethan: antworte ich unterthäniglich: Ew. Churf. Gn. hat schon allzuviel gethan und sollt gar nichts thun. Denn Gott will und kann nicht leiden Ew. Churf. Gn. oder mein Sorgen und Treiben. Er will’s ihm gelassen haben, sich und keinem andern. Da mag sich Ew. Churf. Gn. nach richten.

Glaubt Ew. Churf. Gn. dieß, so wird sie sicher sein und Friede haben; glaubt sie nicht, so glaube doch ich und muß Ew. Churf. Gn. Unglauben lassen seine Qual in Sorgen haben, wie sichs gebührt allen Ungläubigen zu, leiden. Die. weil ich denn Ew. Churf. Gn. nicht folgen will, so ist sie vor Gott entschuldigt, so ich gefangen oder getödtet würde. Vor den Menschen soll Ew. Churf. Gn. sich also halten: nämlich als ein Churfürst der Obrigkeit gehorsam sein, und Kaiserl. Maj. in ihren Städten und Ländern mit Leib und Gut lassen walten, wie sich s gebührt nach Reichsordnung, und ja nicht wehren noch sich widersetzen der Gewalt, so sie mich sahen oder tödten will. Denn die Gewalt soll Niemand brechen, denn allein der, welcher sie eingesetzt hat, sonst ist’s Empörung und wider Gott. Ich hoffe aber, sie werden der Vernunft brauchen und erkennen, daß Ew. Churf. Gn. in einer höhern Wiege geboren ist, denn daß sie selbst Stockmeister an mir werden sollten. Wenn Ew. Churf. Gn. das Thor offen läßt und das freie Churfürstliche Geleit hält, wenn sie selbst kämen mich zu holen oder ihre Gesandten: so hat Ew. Churf. Gn. dem Gehorsam genug gethan. Denn Christus hat mich nicht gelehrt, zum Schaden eines Andern ein Christ zu sein. Werden sie aber so unvernünftig sein und gebieten, daß Ew. Churf. Gn. selbst die Hand an mich lege, so will ich alsdann sagen, was zu thun ist; ich will Ew. Churf. Gn. vor Schaden und Gefahr an Leib, Gut und Seele sicher halten meiner Sache halben; es glaube es Ew. Churf. Gn. oder glaube es nicht.

Hiemit befehle ich Ew. Churf. Gn. in Gottes Gnaden, das Weitere wollen wir reden, so es Noth ist. Denn diese Schrift habe ich eilend abgefertigt, damit nicht Ew. Churf. Gn. Betrübniß ankomme vom Gerücht meiner Ankunft; denn ich soll und muß Jedermann tröstlich und nicht schädlich sein, will ich ein rechter Christ sein. Es ist ein anderer Mann, denn Herzog Georg, mit dem ich handle, der kennt mich fast wohl und ich kenne ihn nicht übel. Wenn Ew. Churf. Gn. glaubte, so würde sie Gottes Herrlichkeit sehen; weil sie aber noch nicht glaubt, hat sie auch noch nichts gesehen. Gott sei Lieb und Lob in Ewigkeit. Amen. Gegeben zu Borna bei dem Geleitsmann am Aschermittwoch 15. März Anno 1522.

Ew. Churf. Gn. unterthäniger Diener
Martin Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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