Luther, Martin – An Johann Friedrich, Herzog von Sachsen. 14. März 1522

Luther, Martin – An Johann Friedrich, Herzog von Sachsen. 14. März 1522

Durchl. Hr. Fürst, Gn. Herr, E.F.G. sind meine unterthänige Dienste jederzeit bevor. Gnäd. Herr, E.F.G. Schrift und Gnade habe ich mit aller unterthänigen Dankbarkeit gelesen und zu Herzen genommen, daß aber E.F.G. von mir Unterricht begehren des Sacraments halben beyder Gestalt und mit Händen zu empfahen, wie es etliche allhier angefangen, sage ich hiermit E.F.G. kürzlich meine unterthänige Meinung. Ich habe mein Schreiben von beyder Gestalt und mit Händen angreifen dahin gericht, daß die Gewissen auf das erste sollten der Freyheit unterrichtet werden, und die gefängniß der gefährlichen Gesetzen des Papsts verstöret würde; denn es ohne Zweifel uns frey gelassen ist von Gott, mit Händen, oder womit man will, anzugreifen, daß man es auf keinerley Weise soll mit Gesetz benöthigen oder verfassen. Weil aber der gemeine Mann solches noch nicht weiß, soll man der Liebe nach sich der Gemeine gleichen, dieweil keine Gefahr darinnen ist, dis daß sie auch erlernen solche Freyheit, auf daß sie sich nicht ärgert an unserer Freyheit, um ihres gefangenen schwachen Gewissens willen. Wir sind nicht davon Christen, daß wir das Sacrament angreifen, oder nicht; sondern darum, daß wir gläuben und lieben. Die Freyheit ist nur zu halten im Gewissen, und zu predigen öffentlich; aber doch daneben die schwachen Gewissen, die solches nicht begreifen, zu tragen und nicht zurütten, bis sie auch hinan kommen. Hierinnen haben meine Wittenberger einen großen Fehlgriff gethan. Recht haben sie gelehret, aber nicht recht haben sie die Lehre gebrauchet. Die Kunst ist reich bey ihnen, aber die Liebe bettelt bey ihnen. Solches ist auch zu halten mit Fleischessen und deßgleichen. Es heißt: Omnia mihi licent, sed non omnia expediunt. Man muß in solchen Sachen, die da frey und nicht noth sind, das Auge halten auf des Nächsten Krankheit, viel davon predigen, daß die Gewissen frey werden, aber nicht darein fallen, die Gewissen sind denn zuvor frey, daß sie folgen mögen. Also hat E.F.G. Macht, beyder Gestalt zu genießen, wäre auch wohl das feinste; aber wo nicht die, so dabey sind, solches auch wissen oder verstehen, soll man ihrem schwachen Gewissen weichen; angesehen, daß unsere Stärke nichts daran verleuret. Das ist St. Pauli zum Röm. 14, 1. Meinung, und 1. Cor. 8,19. Hiermit befehl ich E.F.G. Gottes Gnaden. Gegeben zu Wittenberg am Dienstag nach Reminis. 1522.

E.F.G.

unterthänigster

D. Martin Luther

Quelle:
Dr. Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedencken, vollständig aus den verschiedenen Ausgaben seiner Werke und Briefe, aus andern Büchern und noch unbenutzten Handschriften gesammelt, kritisch und historisch bearbeitet von Dr. Wilhelm Martin Leberecht de Wette, Professor der Theologie zu Basel. Zweyter Theil. Luthers Briefe von seinem Aufenthalt auf Wartburg bis zu seiner Verheurathung Berlin, bey G. Reimer 1825

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