Luther, Martin – An Nicolaus Amsdorf (23.6.1520)

Luther, Martin – An Nicolaus Amsdorf (23.6.1520)

Gnade und Friede Gottes zuvor, achtbarer, würdiger, lieber Herr und Freund. Die Zeit des Schweigens ist vergangen und die Zeit zu reden ist kommen, als Ecclesiastes sagt. Ich hab unserm Fürnehmen nach zusammengetragen etliche Stück, christliches Standes Besserung belangend, dem christlichen Adel deutscher Nation vorzulegen, ob Gott wollt doch durch den Laienstand seiner Kirche helfen, sintemal der geistliche Stand, dem es billiger gebührt, ist ganz unachtsam worden. Sende das Alles Eurer Würde dasselbe zuzurichten und wo es Noth ist zu bessern. Ich denke wohl, daß mir’s nicht wird unverwiesen bleiben, als vermeß ich mich zu hoch, daß ich verachter Mensch solche hohe und große Stände darf anreden in so trefflichen, großen Sachen, als wäre sonst Niemand in der Welt denn Doctor Luther, der sich des christlichen Standes annehme und so hoch verständigen Leuten Rath gebe. Ich laß meine Entschuldigung anstehen, verweise mir’s, wer da will. Ich bin vielleicht meinem Gott und der Welt noch eine Thorheit schuldig, die hab ich mir jetzt vorgenommen so mir’s gelingen mag, redlich zu zahlen und auch einmal Hofnarr zu werden. Gelingt mir’s nicht, so hab ich doch einen Vortheil, darf mir niemand eine Kappen kaufen, noch den Kamm scheeren. Es gilt aber, wer dem andern die Schellen anknüpft. Ich muß das Sprüchwort erfüllen: „was die Welt zu schaffen hat, da muß ein Mönch bei sein und sollt man ihn dazu malen.“ Es hat wohl mehrmal ein Narr weislich geredet und vielmal weise Leute gröblich genarret, wie da Paulus sagt: „wer da will weise sein, der muß ein Narr werden“. Auch dieweil ich nicht allein ein Narr, sondern auch ein geschworener Doctor der heiligen Schrift, bin ich froh, daß sich mir die Gelegenheit giebt, meinem Eid eben in derselben Narrenweise genug zu thun. Ich bitte, wollet mich entschuldigen bei den mäßig Verständigen, denn der Ueberhochverständigen Gunst und Gnad weiß ich nicht zu verdienen, welche ich so oft mit großer Mühe ersucht nunfort auch nie mehr haben noch achten will. Gott helf uns, daß wir nicht unsre, sondern allein seine Ehre suchen, Amen.

Wittenberg im Augustinerkloster am Abend St. Johannis des Täufers (23. Juni).
Im tausend fünfhundert und zwanzigsten Jahr.

Quelle:
Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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