Luther, Martin – An Georg Spalatin (1519)

Luther, Martin – An Georg Spalatin (1519)

Heil! Ich bitte euch, mein lieber Herr Spalatin, ihr wollt euch doch nicht zu sehr fürchten und mit menschlichen Gedanken das Herz abfressen. Ihr wißt, wenn nicht Christus mich und meine Sache führte, so wäre ich längst verloren um der Disputation vom Ablaß willen und dann durch den deutschen Sermon und meine Antwort an Silvester und endlich durch das, was kürzlich gehandelt ist, und zumeist durch die Reise nach Augsburg. Denn welcher Sterbliche hätte nicht fürchten oder hoffen müssen, daß jedes hiervon mir den Tod bringen werde? So hat mir neulich Olsnitzer, der Canzler unsres Herzogs von Pommerns, aus Rom geschrieben, ich habe ganz Rom mit meinen Resolutionen und Dialogus dergestalt verwirrt, daß sie nicht wissen, wie sie es stillen sollen. Doch sei es ihr fester Vorsatz nicht auf dem Wege Rechtens, sondern mit römischen Praktiken – wie seine Worte lauten – mich anzugreifen; ich verstehe wohl, das heißt mit Gift und Meuchelmord.

Ich halte viel zurück um des Churfürsten und der Universität willen, was ich anders wo ausschütten würde wider die Verwüsterin der Schrift und der Kirche, Rom, oder besser wider Babel. Es läßt sich, mein Herr Spalatin, die Schrift und Wahrheit der Kirchen nicht handeln, man erzürne denn dieses Thier; darum hofft nicht, daß ich ruhig und ungekränkt bleiben werde, ihr wollt denn, daß ich mich gar der Theologie begebe. Laßt darum die guten Freunde denken, ich fei närrisch worden. Diese Sache, wo sie aus Gott ist, wird kein Ende haben, es verlassen mich denn, wie Christum seine Jünger und Freunde, alle meine Freunde; dann wird die Wahrheit allein bleiben und sie wird sich helfen mit eigener Hand, nicht durch meine, nicht durch deine, nicht durch irgend eines Menschen Hand; und diese Stunde habe ich von Anfang an gesehen.

Wenn ich zu Grunde gehe, wird von der Welt darum nichts verloren gehen. Die Wittenberger haben Gott Lob! schon soviel gelernt, daß sie meiner nicht mehr bedürfen. Was meint ihr? Ich Armer fürchte nur, daß ich nicht werth sei, um solcher Sachen willen zu leiden und getödtet zu werden: für solch Glück werden bessere Leute sein müssen, als ein so schändlicher Sünder. – Ich habe euch oft gesagt, daß ich bereit sei diesen Ort zu verlassen, wenn es schien, daß der Churfürst aus meinem Hiersein einige Gefahr hätte. Es muß doch einmal gestorben sein. Eiligst.

Martin Luther, Augustiner.

Quelle:
Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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